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Der Israelit · 1919-12-18 · Heft 49-50 (18.12.1919) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
60 (1919)
Issue
Heft 49-50 (18.12.1919)
Date
1919-12-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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I fzie^uffcj (in& L»z\) Dlraelif L/ i adatjo^jisd^e Lieiiacje zum Organ des Kundes gesetzestreuer jüdischer Kehrer Deutjchlmds. Tmm Aus den Gemeinden: Goidap-Ostprruße«. „Die Synagogengemeinde G o l d ap in Ostpreußen hat sich geweigert, die Notstands-Mindestforderungen unseres Vereins für die Kultusbeamten kleiner Gemeinden in Ostpreußen anzuerkennen. Zur Wahrung unserer Beamteninteressen verhängen wir hiermit die Sperre über die Gemeinde Gotdap bis zur Bewilligung unserer Forderungen und fordern alle Kollegen hiermit auf, eine Bewerbung bei der Gemeinde zu unterlassen bezw. die etwa schon angeknüpften Beziehungen wegen der Stelle abzubrechen. Wir hoffen, daß jeder Kollege im Reiche sich dabei mit uns solidarisch fühlt und unsere Sperr- Crklärung beachten wird. — Zur möglichst baldigen friedlichen Erledigung des Streitfalles ist don uns die Vermittlung des ostpreußischen Synagogenverbandes angerufen." Borstand des Vereins jüdischer Religionslehrer Ostpreußens. Peritz, Vorsitzender. Me man Mischer Lehrer wird und was man als solcher erleben kann. Eine Buchbesprechung. Fünfzig Jahre Lebenserfahrungen eines jüdischen Lehrers und Schriftstellers. Kulturbilder aus den jüdidischen Gemeinden von Lion Wolfs. Verlag von Gustav Engel, Leipzig. Preis? Der Herr Verfasser hat jüngst das Jubiläum, seiner 50 jährigen Tätigkeit als Lehrer und Prediger , der Gemeinde Tempelburg in Pommern gefeiert und - die jüdische Presse hat seine Verdienste in gebührender Weise gewürdigt. Der Jubilar gibt nun rm vorliegenden Buch seine Lebenserfahrungen als Lehrer uns Schriftsteller zum besten. „Kultnrbild er aus den jüdischen Gemeinden" nennt er sie. Vor unserem geistigen Auge steigen galizische und russische Zustände empor und neugierig greifen wir nach dem Buche, das uns ähnliche Bilder aus unserem deutschen Vaterland verheißt, aber wir erleben zunächst eine kleine Enttäuschung. Im Grunde genommen ist eigentlich nur die Schilderung der Schule seiner Vaterstadt Emden als ein KuÜurbild im engeren Sinne des Wortes anzusprechen. Und gerade hier ist man geneigt, an Ue Vertreibung seitens des Verfassers zu glauben. Man denke: in einer ansehnlichen Gemeinde von 120 Familien, dem Sitz eines Rabbinats, dem ein S. R. Hirsch und andere bedeutende Männer vorgestanden, besteht anfangs der 50 er Jahre ein Cheder, wie man es sich verwahrloster und geringwertiger kaum denken kann, in dem die „Elitcschüler", zudenen auch der Verfasser gehört, zu Hantierungen gewöhnlichster Art, wre Kartoffelschälen, Stiefelwichsen, Kinderwiegen und dgl. verwendet werden, das in seinen Leistungen aber auf der untersten Stufe rangiert. Und als das Eheder nach etwa vier Jahren in eine Volksschule umgewandelt wird, ändern sich die Verhältnisse zunächst nur wenig-, „So vergingen die 7 Jahre meiner Schulzeit. Ich konnste notdürftig lesen, schreiben und rechnen. Eine biblische Geschichte habe ich während,der ganzen Zeit nicht gehört, selbstredend auch keine Ahnung von der Welt- und vaterländischen Geschichte; ebensowenig habe ich auch nur einen einzigen Satz'aus dem Gebetbuch oder Pentateuch gelernt." Wie bereits erwähnt: es gehört starker Glaube dazu, um das für wahr zu halten, trotzdem der Verfasser in allen Teilen seines Buches den Eindruck eines zwar sehr leidenschaftlichen, aber durchaus wahrheitsliebenden Mannes macht. Wenn nun auch der Untertitel des Buches nicht ganz zutreffend gewählt ist, es enthält doch des Interessanten eine reiche Fülle. Der Bildungsgang und der ganze Lebensweg des Verfassers sind eigenartig. Ohne innere Neigung wird er dem Handwerk zugeführt, denn man schwärmt zu jener Zett in Emden dafür, daß die Söhne der armen Leute ein Handwerk ergreifen und unser Held wird Buchbinder. Er bleibt ein -Stümper in seinem Beruf, -ein Schlemihl, wie ihn einer deiner vielen Prinzipale bezeichnet- Ein jüdischer Geselle mit solchen Qualitäten, der noch dazu den Sabbath und die Speisegesetze getreulich hält, geht einen rechten'Dornenweg und das allein macht leinen Wunsch nach einem Berufswechsel erklärlich. Er hat zwar auf seiner Wanderung das Elend in den Lehrechausern kennen" gelernt, selbst in seiner Vaterstadt hat er es vor sich gesehen, Laß einer seiner Lehrer vo" der jüdischen Volksschule zur Aufbesserung seines kümmerlichen Gehalts Arbeit sh y s e n ansertigt und dennoch zieht es ihn zum Lehrerberuf. Merkwürdigerweise war es gerade ein Lehrer in einem Dorfe aus dem Hunsrück der den ganz unwissenden Buchbindergeftllen zum Lehrer stempelte. Zu ihm kamen zwer Viehhändler, die auf die n'tnu O'w einen Chase» und für ihre Kinder einen Lehrer suchten und -er empfahl ihnen den gerade anwesenden 24 jährigen Handwerker, dem nach eigenen Geständnisse die Anfangsgründe des jüdischen Wissens fehlten. Er spricht ihm Mut ein, als er Bedenken trug, so ganz unvermittelt in den neuen Beruf hineinzuspringen; „es wird schon gehen." Und es ging wirklich. Ohne fremde Anleitung lernte er den Pentateuch und das Gebetbuch übersetzen, erlernte die Schechitah und das Leienen und brachte es bald nach mehrmaligem Stellenwechsel zu einer Anstellung in dem Musterländle Baden. Er gründet dort eine jüdische Zeitung, die freilich aus Mangel an Abonnenten und Mitteln bald wieder eingeht, ja er darf es sogar schon wagen, sich um die Stelle eines Lehrers und Kantors in Offenb a ch zu bewerben. Er erlebt zwar daselbst ein glänzendes Fiasko, weil er es versuchte, einen Lechodaudi von Japhet mit Orgelbegleitung zu singen, aber er landet bald glücklich m der Gemeinde Saarlouis als Lehrer, Kantor und Prediger. Seines Bleibens ist nirgends lang; er verzieht nach 3 Jahren nach Rostock im Obottidenland. Cr bringt es fertig, schon am ersten Tag einer Dame aus einer der ersten Familien seiner Gemeinde, die ihn wirklich schnöde behandelt, die Türe zu weisen und veröffentlicht dort eines seiner Werke „Der jüdische Lehrer", in dem sich die übrigen jüdischen Damen so naturgetreu abkonterfeit finden, -aß -ein Sturm der Entrüstung losbrtcht, der ihn zu einem abermaligen Domizilwechsel zwingt. Er fällt scheinbar die Stiege hinauf, denn er wird Lehrer und Prediger einer jüdischen Pridatgemeinde in Berlin, aber dort beginnt feine eigentliche Letdenszeit. Von 1882—1904 war er in 4 solchen Gemeinden tätig, zuletzt in ider Charlottenburger. Seine Erfahrungen in dieser Zeit und die Schilderungen der Verhältnisse in diesen Gemeinden muß man gelesen haben; sie lohnen allein schon die Lektüre des Buches. Es blieb dem Verfasser nichts erspart von dem Elend des Großstadtteoens,-dem ein Privatbeamter mit dükftigem Gehalt unrettbar verfällt, wenn er nicht eigenes Vermögen besitzt. Glänzendes Elend, dem aber jeder Glanz fehlt. Dazu kam, daß er mit dem Vorstand der Charlottenburger Gemeinde in Streit geriet und seinen Posten verlor. Dieses Kapitel ist vielleicht das traurigste in dem ganzen Buche und zeigt, daß Lion Wolfs vielleicht doch klüger getan hätte, Buchbinder zu bleiben, denn wer in so abhängiger Stellung w wenig Unterwürfigkeit unv so viel Unklugheit zeigt, daß er es wagt, Machenschaften seines Vorstandes, die ihn dirett nichts angehen, an das Tageslicht zu ziehen, der taugt wirklich nicht zum Kultusbeamten. Jedes Kind hätte ihm gesagt, daß er den Kürzeren ziehen würde. Cr mußte froh sein, als er nach kurzer Tätigkeit in Aschersleben in Tempelburg als 58 jähriger Mann wieder eine Stellung. fand, in einem Alter, wo sonst bei Konkurrenzen Bewerber unnachsichtlich zurückgewiesen werden. Dort wirkt er noch heute in ungebrochener Kraft. Seine Gemeinde ist zwar in 17 Jahren von 40 Familien auf 12 zusammengeschrumpft und er ist auch in dieser Beziehung der alte Pechvogel geblieben, aber das ficht ihn nicht an.Das Schichtt konnte ihn zwar beugen aber nicht brechen. DaS ist eine ganz kurze Skizze des Inhalts des Buches das wir jedem empfehlen, der einen tieferen Einblick in die Verhältnisse der jüdischen Gemeinden und des jüdischen Lehrerstandes gewinnen will. Man lasse sich auch nicht durch den Schutt zurückhatten,, der uns den Zugang zu dem Wertvollen etwas beschwerlich macht. Der Verfasser ist Autodidakt und zeigt auch als Schriftsteller alle Unarten eines solchen. Sv bringt er vieles, was nicht in das Buch hineingehört. Er ichcnkt uns weder oie Rezensionen über sein« zahlreichen Werke, noch die Zeitungsberichte, über sein Auftteten in antisemitischen Versammlungen. Er ist gezwungen, in Berlin ern Pensionat Zu -errichten, flugs gibt er Berechnungen und Ratschläge zum besten, wie man ein solches Institut mit Aussicht auf Erfolg leiten kann. In Tempelburg ist er in der glücklichen Lage, wertvolle Winke und Ratschläge zu geben, um das Ackerstädtchen zum Range eines Luftkurorts zu erheben und er wird dabei von dem Herrn Bürgermeister redlich unterstützt, aber er vergißt weder seine Rede in dem Bürgerverein, noch den Prospekt für den neuen Badeort. Und in gleich ausführlicher Weise wird über eine Kolonialausstellung referiert, die in Tempelburg stattfand und über die Abschicdsfeier des Herrn Bürgermeisters, getteu nach dem Tempelburger Stadtunv .Landboten. Ist das der Tribut, den er dem Alter zollt? Ach, er hat es so schwer gehabt im Leben, daß man ihm diese und noch manche andekc Unart verzeiht. Er ist zeitlebens ein Kämpfer gewesen und hat so wenig Dank geerntet; er hot so viel erstrebt, für andere mehr als für sich und ist doch dabei im Dunkel geblieben, daß man es begreiflich findet, wenn er redselig wird. Seine Jrrtümer — und sie sind ziemlich zahlreich —, sind nur der Ausfluß eines leidenschaftlichen Gemüts, das das Unrecht haßt und bekämpft, wo er es auch findet. Und wenn seine Lebenserfahrungen auch nur relativen Wert besitzen, sie können doch manchem Kollegen von Nutzen sein; darum sei das Buch warm empfohlen. Nie Reuordnung der Volksschulen in Vahern und im Reich. Won I. Straus, Bolksschullehrer, Westheim. 1. Vom bayrischen Kultusministerium ist am 1. August ISIS eine Verordnung erschienen, die die Errichtung von Volksschulen sowie die Bildung der

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