Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 60 (1919)
- Issue
- Heft 49-50 (18.12.1919)
- Date
- 1919-12-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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18. Dezember 1919_ Leider Hat sich inzwischen ein tiesbvdauerlicher Wandel vollzogen. Die Landflucht Be* muhte die Gemeinden vieler wertvoller Mitlieber. Die Zurückgebliebenen zeigten das Streben, wenigstens ihre Kinder der Stadt zuzn* führen. Die Geburtenziffer sank fortwährend. So leerten sich die Synagogen und Schulen; viele von ihnen mußten sogar geschlossen werden. Bald waren allenthalben Zeichen äußeren und inneren Verfalls nicht mehr zu übersehen. Besonders dort, wo ans Mangel an trag* fähigen Schultern auf die Anstellung eines Lehrers und Borbeters verzichtet werden mußte, wuchs ein Geschlecht heran, das wenig religiöses Wissen und nur ein geringes Zusammengehörigkeitsgefühl besitzt. Mit dem Verluste des Gemeindebeamten entfloh die Seele dem sterbenden Gemeindekörper. Die dürftigen Reste religiösen Lebens nahmen häufig infolge des mangelnden Verständnisses Formen an, die jeder Würde, jedes Inhalts entbehren und somit auch nicht mehr anziehend wirken können. Den Schaden dieser traurigen Zustände trägt in erster Linie die gesetzestreue Judenheit und zwar die gesamte, anch die in j> elt Städten wohnen de. Die lautersten Quellen, aus denen unverfälschte Frömmigkeit quoll, versiegen. Der beste Nährboden, auf dem ein zuverlässiger religiöser Nachwuchs emporsproß, liegt brach. Und — wo rühren sich Hände, um dem zu.steuern? Man verteidigt sich immer mit den Worten: „Da ist nichts zu machen. 'Man kann diesem Verfall unmöglich Einhalt gebieten." Diese Politik des laissor aller ist die allerschlechteste, die es gibt. Wohl dürfte es nicht möglich sein, alles zu ändern und auf den früheren Stand zurück* zusühren, aber in vielen Dingen könnte und müßte Wandel geschaffen werden. Und die gegenwärtige Zeit ist für eine solche Hilsstätigkeit durchaus nicht ungünstig. Infolge der schlechten Ernährungs* und Wiohnungsverhältnisse in den Städten ist die Landflucht eingedämmt worden. Der Besitz von Grund und Boden erscheint heute begehrenswerter als vor wenigen Jahren, die körperliche Betätigung wird höher gewertet, und die Möglichkeit zu. lohnendem.Erwerb ist überall geboten. Ein Hauptanreiz zur Verpflanzung der Landjugend in die Stadt, die Erwerbung der Berechtigung zum einjährigen Militärdienst, ist mit dem Wegfall dieses Privilegs ge* schwanden, und das .Stüdium bietet wenig Aussicht auf ein besseres' Fortkommen. Wenn eute darum den Leuten auf dem ande die Möglichkeit geboten wäre, ihren Kindern die Kenntnisse zu vermitteln, die das praktische Leben ersordert, gar mancher möchte dann seine Söhne lieber hei sich behalten,- als sie für schweres Geld in den Städten — hungern, darben, vereinsamen zu lassen. Und tiefe Möglichkeit könnte geboten werden! Die israelitischen Landschulen sind so klein, daß die Lehrer ganz wohl ihr Pensum beträchtlich erweitern könnten, und sie würden es nach unserer Ueberzeugung auch gern tun. Nur dürfte man nicht immer nach alter Gewohnheit verlangen, daß sie nur die Leistenden leien, sondern müßte ihnen auch einen entsprechenden materiellen Vorteil einränmen. Durch besondere Kurse im Hebräischen und in allgemeinen Fächern würden sie die Jugend besser heranbilden, durch Einführung von Schinrim und persönliche Bemühung für pünktlichen Besuch und würdige Ausgestaltung des Gottesdienstes das geistige Niveau der Gemeinde heben. Ein zu bildender Fonds müßte hierfür reichliche Beisteuern leisten und vor allem auch verhüten, daß aus Mangel an Steuerkrast Gemeinden keinen eigenen Beamten anstellen. Wohl sind gegenwärtig hierfür angesichts der bestehenden.Teuerung recht hohe Mittel erforderlich. Aber andererseits könnte auch für einen gewissen Ausgleich gesorgt werden. Ein Beispiel nur wollen wir hierfür an- JSraeltt. fuhren. Äs wird darüber „Klage" geführt, daß die meisten Waisenhäuser leer stehen. Die Anstaltserziehung K eben bei unserer Bevölkerung nicht beliebt. Dazu stellen sich die Kosten für jedes Kind zur Zeit ungeheuer hoch, und obwohl gewiß das Mögliche geleistet wird, mag da und dort doch Unterernährung nicht zu ver* hüten sein. Wollte mau angesichts dieser Tatsachedazu übergehen, die Waisen geeig* netenLehrern anf dem Lande zur Familienerziehung zu überweisen, so würde man auf der einen wie auf der anderen Seite reichen Nutzen sehen. Die Waisenstistungen würden Ersparnisse erzielen und in vielen Fällen den Kindern die Heimat und ein wahres Heim gewähren. Manchem Lehrer aber könnte gleichzeitig eine Existenz ermöglicht, seiner Schule die zu ihrer Erhaltung erforderliche Mindestzahl von Schülern verschafft, und der Gemeinde vielleicht auch ein künftiger Zuwachs in Aussicht gestellt werden. Solcher und ähnlicher Mittel zur Hebung der Gemeindeverhältnisse gibt es noch manche. Wir können sie im Rahmen dieses Artikels nur berühren. Wie segensreich wäre es z. B., wenn eine große Organisation wie Agudas Jisroel angesehene Männer gewinnen könnte, die die Landgemeinden regelmäßig besuchen und durch aufklärende Vorträge den Sinn für jüdische Bildung heben, den Gottesdienst besser ordnen, die Gefahren des Stadtlebens auseinandersetzen möchten! Ueberall finden sich noch Anknüpfungspunkte, die eine segensreiche Tätigkeit in vorgezeichneter Rechtuna gewährleisten. Groß ist die Vorliebe unseres Landbevölkerung für ein einfaches, geistvolles Thorawort und unbezweiselbar ihre Empfänglichkeit für eine aus gutem, treuem Herzen quillende Mahnung. AberdieZeitdrängt! Wenn erst jeder Rest jüdischen Lebens und jüdischen Empfindens geschwunden ist, dann muß auch die letzte Hoffnung auf eine Wiederecstehung aufgegeben werden. Aotlzerr. Von Dr. Nathan Birnbaum in Zürich. Religion ist Prioatsache — aber merkwürdigerweise gerade nur bei jenen, die privalim mit ihr am wenigsten, oder gar nichts z» tm haben. Ich glaube, der waghalsigste Hochtourist must vor dem Wagnis zurückschreckea, den Chimbor^fso an Hochmut, Fanatismus, Voraussetzungs- und Verantwortungslosigkeit zu überwinden, den die .,Freigeistigkeit" eines modernen Juden darstellt, l^asciate ogni speranza — hat der alte Dante gesagt. * Herr Jabotinsky regt sich darüber auf, daß sich die frommen Träger von Bart und Peos durchaus nicht zu seiner „Welt"-„Anschauung" „empor"schwingen wollen und will sie daher in Bezug auf politische Rechte als Kinder behandelt wiffen. Ich stelle ihm dafür dos Zeugnis aus, daß er von einer ganz erwachsenen Ansgewachsenheit ist und finde nebenbei, daß in jedem Haare des Bartes und der Peos des letzten der frommen Kinder mehr Charakter, mehr konzentriertes Menschentum, wehr Kultur und mehr Versprechen für die Zukunft liegt, als in seiner ganzen erwachsenen Persönlichkeit, das ausgewachsene Hirn nicht ausgenommen. * Wenn man die Geschichte nach neuen Methoden Ideen und Bewegungen absucht und deren Geschichte studiert, wird man wohl nur auf sehr wenige stoßen, die junge, noch nicht ausgereifte Menschen zu schöpferischen Urhebern haben. In unserem erleuchteten demokratischen Zeitalter leitet die Jugend daraus das Recht ab, die älteren Menschenjahrgänge zum alten Eisen zu werfen. Im alten Judentum, das Mark und nicht Papier im Leibe haue, war natürlich für diesen faulen Zauber kein Platz; da stellte die Jugend selbstverständlich, willig und stolz ihre größere Kraft und ihr stärkeres Temperament 8er Reife der Alten zur Verfügung. ** ' fit. 49 u. 50 Geile 5 Man kann am Anfang? seines Hebräisch stehett und doch mit seinem Latein zu Ende sein. * Zeitungsnotiz: Im Kino in Jerusalem werden die Erklärungen zu den Lichtbildern sorlab außer in arabischer und englischer, auch in hevräischer Sprache sichtbar gemacht . . . Wenn das kein Trtuniph der jüdischen Kultur und nicht Anfang der y?rheißen?n Regeneration ist, Müs sollte ks denn sein? . . . Ser Werfall am Sabbat. Eine historische Richtigstellung zur Makkabärges chichte. Bekanntlich findet die Bibelkritik ihre Fortsetzung in der Talmudkrittk, in dem Sinne, daß die Abfassung von fTD^n uub rV)3Pn ältesten Datums beliebig auf spätere Zeiten verlegt wird. Bibel- und Talmu>kritik greifen zuweilen auch insofern ineinander, als sogar für die Entstehung ganzer Blbeltelle Zeitpunkte und Orte gewählt werden, die auch in der Mtschnaentwicklung eine große Rolle spielen. Der Willkür und Phantasie sind hier keine Grenzen gezogen. Ais brdeutsamer Wendepunkt giit^hierbei die Ma kkabäerzeit. „Alles neu machte der Mai" des wiedererstandenen jüdischen Staatslebens. Neue Gesetze, neue Einrichtungen, ja sogar eine neue Thora. Wenn in Maktäbi erzählt wird: „Sie — die Syrer und Hellenisten — zerrissen das Buch der Lehre, verbrannten die Stücke und löteten jeden, bet dem ein Buch des Gottesbundes an ,etroffen wurde", so soll daraus gefolgert werden, daF sich für die Makkabäer nach siegreicher Beendigung des Krieges die Notwendigkeit ergab, eine Neuredaktion der Thora vorzunehmen! Als ob sich nicht der Vorgang der Thoraverbrennung noch zehnmal in der späteren Golusgefchichte wiederholt hätte, ohne daß der Sinai von neuem rauchen mußte! Irgendwo gab es immer noch einen Juden, der sein Höchstes, sein Heiligstes, sein Buch der Lehre vor der Vernichtung schützen konnte, irgendwo in der Zerstreuung — eine solche gab es damals und sogar früher schon seit den Zeiten Esras — schlug noch ein jüdisches H^rz, das das Gesetz dem Geiste und dem Wortlaute nach in der Welse barg, daß es die Flammen, des Thoraschetterhaufens nicht erreichten. Von hie^ aus nahm die alte Thora ihren neuen Aus« gang; eine neue, und wäre es auch tu neuer Zusammenstellung, neuer Form und Fassung, war nicht vonnöten. Wie die Bibel- und Mischnakritik bei historischen Verschiebungen zu Werke geht, zeigt am deutitchstkn ihre Darstellung und Ausdeutung der bekannten Episode von der Gruppe der Frommen, die, am Sabbat ln der Höhle überfallen, keine Gegenwehr leisteten. Aus der Tatsache der Passivität der Ueberfallenen schließen Krochmal, Weiß und Gratz, daß bis zu dieser Zeit der Grundsatz rDW rinn V22 m?2*) noch nicht bekannt war. Erst die Makkabäer hätten in der Folge der Krtegszeit aus der prakrtschen Lebenserfahrung heraus sich zu dieser Konzession entschlossen und mit tausend anderen Einrichtungen auch die getroffen, daß der Sabbat nicht mehr hindernd die Kriegs Handlungen beeinflussen durfte. Es ist ein Verdienst des jüdischen Geschichtsforschers unserer Zeit, Rabbi Jzchok Halevys, mit unzähligen anderen festsitzenden Jrrtümern und gewollten Mißdeutungen in Auffassung und Darstellung geschichtlicher Geschehnisse auch diesen Fall richtig gestellt zu haben. (Siehe „Dorot Horischaunim" Teil Io.) Der Lehrsatz, daß „Lebensgefahr Sabbat verdängt" war, wie alle Grundsätze der U r m t s ch n a, seit den ältesten Zeiten allbekannt. Natürlich auch den Ueberfallenen. W^ren sie doch sogar schon mit dem „M ukzoh"-Begriff, der zu den letzten Ausstrahlungen des Sabbalgesetzes zählt, vertraut. Was hätte sie sonst daran gehindert, sich mit Steinwürsen gegen ihre Angreifer zu weh- *) „Lebensrettung verdrängt den Sabbat."