Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 60 (1919)
- Issue
- Heft 49-50 (18.12.1919)
- Date
- 1919-12-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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<®iette 4 Nr. 49 u. 50 für schafft als Ausfluß feines Willens, seiner Entwicklung und entsprechend seinen Bedürfnissen und den Notwendigkeiten der Gegenwart, wie kann man es wagen, gegen eine Sprache mit solchen chauvinistischen Mitteln anzukämpsen, die die Tausende nnd Hnnderttausende aus dein Lande ihrer Zerstreuung mitbringen, in der sie daher reden und denken und sich verstärrdigen müssen?! Die extremen Hebraisten — wir wollen cs ihnen zugute halten — sind aber unbewußt von der Ueberzeugung geleitet, daß man die Dinge nicht den Zufälligkeiten freier Entwicklung überlassen darf und sie sogar aus. den Klammern früherer Entwickelungen und Gestaltungen befreien muß, daß inan ihnen die Richtung, und zwar in Anlehnung an das Alte, vorschreiben kann und muß. Nuri muß man sich doch fragen: verdienen nicht die in der Sprache niedergelegten jüdischen Heiligtümer den gleichen „Heimatschutz" wie die Sprache, die bei aller Heiligkeit ja doch nur ein äußeres Gewand ist? Ist nicht, trotz Hebräisch, ja sogar innerhalb der hebräischen Kultur überall heute in Palästina der Hang zur fremden Kultur merkbar? Sind nicht die Schulen gänzlich darauf eingestellt, Vorstufen der europäischen Hochschule zu'sein? Ist nicht das ganze Erziehungswesen ein europäisches, ins Hebräische übertragen? Selbst die jüdische Gerichtsbarkeit, die eigentlich all die Jahrhunderte im Golus nie vollständig, aufgehört hat, muß jetzt^ in Palästina der Institution der modernen Friedensgerichte weichen. Also erfreut sich her „Schulchan Aruch" nicht des gleichen Schutzes und des gleichen Heimatrechtes, wie cs für die Sprache, in der er geschrieben ist, mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln erkämpft wird! Vieles, was heute im neuen Palästina geschieht, ist aus der Tatsache zu verstehen, daß die Kraftzentrale der Bewegung sich zur Zeit in London und Paris befindet. Und damit tritt die Gefahr her Assimilation — der nationalen — in Palästina so deutlich zutage, wie noch nie zuvor in allen Zeiten nnd Ländern des Golus. Nehmen wir es darum nur ja nicht als Axiom, daß das eigenjüdische Milieu uuo die sogenannte „jüdische Reinkultur" in Palästina uns von vornherein vor Assimilation schützt. Der dreißigjährige Makkabäerkrieg war in erster und letzter Reihe gegen die nationale Assimilation auf dem eigenen heiligen Boden gerichtet. WochemmdschM. l.vc,. Landflucht. Es ist ganz unverkennbar, daß die psychologischen Vorbedingungen zu einer H e m - m ung der seit Jahrzehnten in unaufhaltsamem Strome aus den jüdischen Landgemeinden in die Großstadt sich vollziehenden Wanderbewegung heute in einem Maße gegeben sind, wie man vor dein Krieg nimmer zu hoffen wagte. Wir tnöchten darum die besondere Aufmerksamkeit unserer Leser auf die in dieser Nummer enthaltenen Ausführungen unseres geschützten Mitarbeiters lenken, der zu einer rettenden Tat für die Erhaltung der Landgemeinden aufruft. Der Artikel erschöpft den Gegenstand nicht — aber er möchte anregend wirken und der verzweifelnden Resignation entgegentreten, mit der weitere Kreise der bisherigen Entwicklung zufahen. Gern stellen wir darum die Spalten des „Israelit" für eine.ernste 'Aussprache all denen zur Verfügung, die etwas Neues zu dem bedeutungsvollen Gegenstand zu sagen haben. DeHamps gegen die ostWische Einwanderung. Die antisemitische Propaganda hat in derr. letzten Monaten ein für ihre' Zwecke trefflich geeignetes Stichblatt gefunden, dessen Ausnutzung ihr nicht nur bei den eigenen Gesinnungsgenossen, sondern leider bis tief in die Reihen wohlmeinender Bürger, ja der jüdischen Kreise selber, mehr oder minderentschiedene Zustimmung einträgt. Es ist die feit einem halben Jahre die polnisch-deutsche Grenze überschreitende Einwanderung jüdischer Flüchtlinge. Bei der in Deutschland herrschenden Wohnungs-, Nahrungsmittel- und Brennstoffnot wird das Erscheinen zahlreicher Mitkonsumenten aus dem großen Menschenreservoir des Ostens naturgemäß äußerst unangenehm empfunden. Allein man sollte sich hier vor allem vor U eb e r tr eibun g en hüten. Bon gut unterrichteter Seite wird z. B. die Zahl der nach Berlin gekommene^ Ostjuden auf höchstens 7- 8000 geschätzt, während die antisemitische Presse von siebzig- bis achtzigtansend spricht. Hierher nach Frankfurt sind vielleicht fünf- oder sechshundert Personen gelangt, die aber zum großen Teil allmählich von der weiteren Umgegend, vom Industriegebiet insbesondere, absorbiert werden. Es handelt, sich überhaupt zumeist um arbeitsfähige und arbeitswillige jüngere Leute, die der deutschen Volkswirtschaft, sobald man ihnen nur ein wenig Zeit zur Akklimatisation läßt, letzten Endes durchaus zum Vorteil gereichen werden. Hält man sich weiter vor Augen, daß diese Leute wahrlich nicht aus liebermut oder Erwerbstrieb, sondern bitterstem physischem Zwange und judenfeindlicher Entehrung entrinnend, zu uns kommen, daß sie die Opfer des gleichen nationalen Chauvinismus sind, dessen Faust die Deutschen der Ostmark im Jahre des Heiles 1919 so schwer empfunden haben, so sollte man die kleinlichen, engherzigen Futter-- nnd Unterkunfksberechnungen wahrlich zurückstellen und sich zu einer etwas' großzügigeren Auffassung der Dinge durchringen. Eine weitherzige Menschlichkeit kommt übrigens erfreulicherweise auch in einer zu bem.Gegenstand erlassenen Verfügung des preußischen Ministeriums des Innern vom 1. November d. Jszum Ausdruck, die von einem antisemitischen Blakte bruchstückweise veröffentlicht wird, und auf die wir nach genauerer Kenntnisnahme noch zurückkommen. Wir deutschen Juden insbesondere haben jedenfalls die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, unsere Brüder nach wie vor in menschlicher Hilfsbereitschaft zu empfangen und, ein jeder nach seinen Kräften, ihre Sache auch vor den Behörden und der öffentlichen Meinung ohne Scheu zu vertreten. Enttäuschung. Wir haben wiederholt auf die Gefahr hmgewiesen, die für das jüdische Volk, das nun einmal, wie sein Stammvater, hinkend über die Bühne der Geschichte schreitet, in der Ausftachelun g per weltpolitischen Aspirationen liegt. Wir verstehen darunter nicht die berechtigte und natürliche Wahrungder Volksinteressen gegenüber den herrschenden politischen Machtfaktoren, sondern die von bestimmter Seite großgezogene Machtstimmung, die sich und anderen einredet, mit Hilfe guter amerikanischer oder englischer politischer Verbindungen, auf Grund eines fein säuberlich ausgedachten nationalpolitischeu Programms und durch „große" Demonstrationen der jüdischen Volksmassen das ungeheure Problem des Golusjudentums aus der Welt schaffen zu können. Mehr als einmal haben diese Stimmungen in den letzten Jahren das osteuropäische Ghetto mitten in allem Jammer überflutet — man »denke nur an die Tage des Palästina-Plebiszits in Polen, an die „Kongreß"-Bewegung, den Traum von der nationalen Autonomie n. a. m. umso furchtbarer ist die Enttäuschung, 18 Dszemb« 1619 die jetzt, seit Monaten schon drohend, immer vernichtender hereinbricht. In Polen haben die Herren Mo rgenthail nnd Sttlart Samuel an der Spitze amerikanischer und englischer Untersuchungskvm- Missionen nicht das allergeringste auszürichten vermocht, um das traurige Los der jüdischen M assen zu bessern. Nicht nur, daß die Verheißung einer international geschützten national--knl-- turellen Autonomie von den Herren selber ebensowenig ernst genommen worden ist, wie sie in dem vielgerühmten Minderheitsparagraphen des Friedensvertrages Wirklichkeit ward, nicht einmal in der doch wahrlich vitalen Gewi s f e n s f r a g e d e r So n n t a g s ru h e konnte der ausländische Einfluß irgendein Minimum von Schutz für die unglückliche M,illionen-Bevölkerung des polnischen Ghettos erreichen. Die polnischen Politiker berufen sich anscheinend zwar zu Unrecht auf Stuart Samuel als Kronzeugen, uni ihren ablehnenden .Standpunkt zu rechtfertigen, allein das Pochen ans den „Minderheitsschutz", den die nationalistischen Abgeordneten und Petitionen ins Feld führten, hat gerade das Gegenteil der erhofften Wirkung erzielt. Weniger hätte das alte „Schtadlonim"- System, das die Nationalisten so tapfer zu schmähen verstehen, jedenfalls auch nicht erreichen können als die ganze Phalanx unserer Welt- und Machtpolitiker. Nun kommt gar, wie an anderer Stelle berichtet, die unglaubliche Nachricht, daß der oberste Rat der Alliierten nach langem Verhandeln mit der rmnänischen Regierung deren Einwänden gegen den Minderheitsschutz im Friedensvertrag Rechnung getragen, und die ganze Behandlung der Judenfrage für jetzt und' später dem guten Millen der Rumänen überantwortet hat. Man denke: Rumänien, das Land, dessen Judenpolitik! nicht einmal tvie diejenige Polens' vor hundert; oder zweihundert Jahren freundliche Züge aufweist, das vielmehr in der Mißhandlung jüdischer Rechte eine in Jahrzehnten geübte, förmliche Virtuosität erlangt hat, Rumänien wird : der formellen Uebernahme internationaler Pfttch-; teil gegen die Juden feierlichst dispensiert! Wir find zwar optimistisch genug, um zu glauben, daß damit nichts verschlechtert worden ist, denn Pie Geschichte zeigt genugsam, welchen Wort internationale .Sicherungen haben, aber einen eklatanteren Zusammenbruch hätte die ganze „weltpolitische" Orientierung in der Jndenpolitik nicht erleiden können als er in den polnischen und rmnänischen Erlebnissen zutage tritt. Sie predigen mit feurigen Buchstaben die Währfoelt:"ni?wr T? s'8D O18 1NL2N Gin SWwerk für Deutschlands jüdische Landbevölkerung. Von Heinrich Einstädter in Frankfurt a. M. Unsere Landgemeinden boten in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ein Bild anmutenden jüdischen Lebens. Ihre Säulen bildeten Männer voll tiefen religiösen Wissens, die überwiegende Mehrzahl ihrer Mitglieder waren Leute, deren Frömmigkeit ihr ganzes Tun und Lassen bestimmte. Die Jugend wurde sorgfältig in Luten jüdischen Schulen unterwiesen, von'Eltern und Lehrern an strenge Pflichterfüllung gewöhnt und in der Achtung-, vox dem Ueberlieferten erzogen. So entstand eine an sich schon erzieherisch wirkende Gleichförmigkeit der religiösen Betätigung, die der Gemeinde das Gepräge einer großen Familie verlieh. Jedes Familienereignis wurde zur Gemeindeangelegenheit. Familienfeste erhielten höhere Bedeutung, indem sie als Gemeindefeiern begangen wurden, die Einzeltraucr wurde.aber auch, als allgemeines Leid nachempfunden und dadurch leichter getragen. Den Fremden empfing echt jüdische Gastlichkeit, dem Thorawissen begegnete man - mit höchster Achtung. Der Gottesdienst vollzog sich in Andacht und Würde, da Verständnis und Gefühl allen Teflnehmern eigen waren.