Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 59 (1918)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1918)
- Date
- 1918-10-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage zu Ar. 43 des ,/Israelit". K s «tLiHjtv rr. Das alte Schloß. (Aus den chasidischcn Wund rgeschichten.) (Fortsetzung.) Nach einigen Lagesreisen führte sie der Weg durch einen dlchten Waid. Kaum waren, sie mitten unt^r gen dunklen Bäumen drin, als aus einim Vnueck-? sieben unhetmlicüe Gestalt n sprangen, w öe Grellen und bewaffnet bis an die Zähne. Sic fielen «der die Kauffeute her, plünderten sie aus und töteten sie ohne Erbarmen. Wie sie jedoch an den Rabbiner kamen und den Zrrnck seiner Reise vernahmen, hielten eK die Mordgesellen für geraten, diesen am -eben zu laffen um irgend einer reichen Judengemeinde für ihn ein großes Lösegeld zu erpressen. Go nahmen ihn die Räuber mit in ihre Höhl?, wo der Unglückliche noch andere Leidensgenossin fand, die aus gleiche Weise in die Gefangenschaft der Räuber geraten watfit.' Einen Mo nur ungefähr mutzte der Rabbiner das elende Dasein in dieser Umgebung fristen, ungewiß, welches Schicksal seiner wartete. Bis endlich die Räuber eines schönen Tages all' ihre Gefangenen aus einem klemen Schiff unterbrachten und mit ihnen in die weite See hinausfuhrrn. Das Fahrzeug kam nicht sehr weit. Denn es erhob sich bald ein gewaltiger Sturm, der die Kee mächtig bewegte- und die Wagen unaufehörlich peitschte, daß das Schiff hilfios nur so hin und hrrschaukeite. Alle Bemühungen der Schiffer, in ein ruhiges Fahrwasser zu gelangen, waren vergebens. Das Schiff zerbrach und sank in wenigen Minuten mit Mann und MauS in die Tiefe. Nur zwei Menschen konnten sich w e durch ein Wunder retten. &$ waren der Rabbiner und noch ein Unbekannter, die sich verzweifelt an einen Planken des sinkendon Scbiffeö klammerten und sich von diesem, da sich die See inzwischen beruhigt hatte,- an ein unbekanntes Ufer tragen ließen. Der Rabbiner kannte seinen Genoffen, mit dem ihm ein so wunderbares Schicksal zusamengebracht hatte, nicht und hielt es daher für gut, diesem auch von seine: Person nichts zu erzählen. Auch war ihm der Boden, auf den er sich gererret hatte, Völlig fremd, und so folgte er still und ergeben, mit vollem Gottvertrauen im Herzen, seinem Begleiter. Sie gingen und gingen Viele Stunden und Tage, bis sie in einer großen, schönen Stadt anlangten. Dort aber schien ihre Ankunft großes Aussehen zu erregen. Alle Brwohner kamen ihnen entgegen und zeigten ihnen alle denkbaren Ehrungen. Auch die Behörden der Stadt hatten sich zu r^rer^tet^en Begrüßungen eingefunden. Der Rabbiner verstand ohne weiteres, daß all' diese Huldigungen und Ehrenbezeugungen nicht ihm, sondern seinem Begleiter galten und er wußte, daß er sich an der Seite eines großen Mannes, dessen Namen durch alle Lande ging, befand. Es war ihm sehr beklommen zu Mute und er hätte sich am liebsten leise und unbeachtet davon geschlichen. Doch wogte er es nicht zu tun, um so mehr, als sein großer Begleiter ihm ermutigend zusprach, ihm furchtlos zu folgen. Und als btx Rabbiner noch schwankte, gab sich jener mit folgenden Worten zu erkennen: „Wisse, ich bin in großer Stellung und Hinter den Beratern des Königs wohl' der Größte. Herrscher und Volk lieben mich und schenken mir das größte Vertrauen. Ich war in einer wichtigen Mission im Interesse des Landes, als mich das Mißgeschick traf, in die Hände der Räuber zu fallen. Nun da wir beide aus gleich wunderbare Weise Rettung und Befreiung fanden, so mögen unsere Geschicke auch fürderhin aneinander gekettet bleiben. Wir wollen uns nicht verlassen, vielmehr kannst du bei mir bleiben und mit mir Wohnung, wie Speis' und Trank teilen." Der Rabbiner hätte ihn am liebste:; stkhent-- lich gebeten, ihn nach Hause zu entlassen. Doch hatte er nicht den Mur, dem großen Minister durch Zurückweisung seines freundlichen An-r° bietens zu kränken, und er nahm schweigend an. Im Palaste des Miniftkrs wurden große, rauscheude Feste aus Anlaß seiner Erre'tt? ng gefeiert, an denen alle Großen des Hofes, ja der König selbst, teil:-ahmen. Der Rabbiner, im Herzen die brennende Sehnsucht nach seinem stillen, jüdischen Heim, konnte sich nur mit großer Mühe, all' den Festlichkeiten entziehen. In dem ihm zugewiesenen Gemache saß er im beschaulichen Studium de- Gotte-Worte-, soweit ihm auswendig dieses geläufig war, denn von seinen heiligen Büchern hatte er kein einziges retten können. Von im ihm gebotenen Üppigen Speisen genoß er nichts mehr und nichts anderes als Brot und Wasser. Alles übrige bekamen im Geheimen die Hunde des Hofes, die mit dem Rabbiner bald treue Freundschaft schlossen. So verging eine geraume Zeit. Eines Tages kam der Minister vom königlichen Hof in sorgenvoller Stimmung noch r ause. Bom Rabbiner über die Ursache seines Kummers befragt, antwortete er ausweichend und meinte, er könne ihm ja doch nicht helfen, so habe es keinen Zweck, daß er es ihm erzähle. Der Rabbiner antwortete mit den Worten Josephs: „Die Lösungen sind bet Gott, doch erzähle eS nur mir, vielleicht bin ich einer göttlichen Eingebung würdig " Darauf legte ihm der Minister die ganzen politischen Schwierigkeiten deS Bandes dar. Der Hof brauche Geld, viel Geld. Und er als Verwalter der Finanzen wisse keinen Weg, eS zu beschaffen, da alle Quellen längst erschöpft seien, indessen die Staatsschuld ins Unermeßliche wachse. Der Rabbiner überlegte und überlegte, und mit dem klaren, tiefen Verstand und haarscharfen Sinn, die er sich beim anhaltenden Studium des Talmud erworben hatte, konnte er bald einen Rat finden. Er arbeitete einen Steuerplan in aller Form und allen Einzelheiten aus, gab Ratschläge, wie auf diesem und jenem Berwaltungsgebtete Geld zu sparen sei und wies wirklich einen Weg, die Einkünfte des Staates zu erhöhen, ohne damit das Volk sonderlich zu bedrücken. Der Minister hörte die Ausführungen mit großem Interesse an und sprang freudestrahlend von seinem Platz, als er den ganzen Plan überschaute.ränd ihn vortrefflich fand. „Du bist ein weiser Mann und würdig, des Königs Ratgeber zu sein", sprach er ihm seine Bewunderung aus-, indem er ihm dankbar die Hand drückte. Vor dem König und seinem hohen Rate gab jedoch der Minister den Plan als Frucht seiner eigenen Weisheit aus und erntete gar viel Dank und Anerkennung. Eine Gesundung der Staatäsinanzen trat ein, was dem Minister viel Ehrungen und Geschenke einbrachten. Seitdem pflegte der Minister, so oft ihm eine Staatsangelegenheit anvrrtraut war, sich erst mit dem Rabbiner zu beraten und genau nach seiner Weisung zu handeln. Er fuhr sehr gut dabei und niemals standen die Geschäfte des Staates besser und er selbst höher in Ehren, als um die Zeit, da er den Rabbiner in seinem Hause beherbergte. Dem König wurde es aber allgemach auffällig, daß seines Ministers Weisheit just in letzterer Zeit so gestiegen war. Niemals vorher hatte man so weise Ratschläge aus seinem Munde vernommen, als seit feiner wundersamen Errettung alis Räubershand und Meeresfluten- Und der König beschloß/ der Sache aus den Grund zu gehen. Als eines Tages eine besonders wichtige Angelegenheit im Rate verhandelt wurde, erhob sich der Minister und erbat sich eine Frist bis morgen, mit drr festen Versicherung, dag er bis zum künftigen Tage mit gutem Rate dienen könne. Dieser st ste Selbstvertrauen deS Ministers befremdete den König noch mehr und er nahm sich vor, unauffällig und ungekanut seinen ersten Ratgeber in Ser Zwischenzeit in seiner Behausung zu beobachten und zu belauschen. Der König verkleidete sich so, daß er in Maske, Rock und Haltung einem' Bettelmanne glich. In dieser Aufmachung erschien er beim Minister, der als sehr wohltätig galt, und bat um Essen und Nachtlager, waS ihm die Dienerschaft gern gewährte. Der König in Bettlergestalt saß in seinem Zimmer, daS an das Gemach deS Rabbinergrenzte, mit wachen Sinnen. Als er um die Mitternacht ein verdächtiges Geräusch hörte, sprang er auf und lauschte an der Verbindungstüre. Da glaubte er deutlich zu hören, wie der Minister leise ins Nebenzimmer trat und mit einem fremden Manne ein eingehendes Gespräch begann. Wie er genau hinhörte, konnte er deutlich vernehmen, daß eS sich hier um die wichtige Staatsangelegenheit von gestern handelte, die der Minister dem Fremden haarklein auseinanderfetzte. Nach einigem Schweigen ergriff der Fremde das Wort und gab so viele kluge und praktische Ratschläge, daß der König voller Staunen dastand. Nachdem eS ganz still geworden war, begab er sich wieder zu Bett und verschwand mit dem Morgengrauen, von keinem mehr im Hofe gesehen und beachtet. AlS am zweiten Tage der königliche Rat wieder beisammen saß, erschien der Minister freudestrahlend und sagte, Gott habe ihm Erleuchtung zuteil werden laffen und er wisse nun, wie die schwierige Staatsangelegenheit am besten zu ordnen fei. Doch der König schnitt ihm da- Wort ab m d meinte, er wolle zuerst seine eigene Ansicht äußern, da er nachtS ebenfalls einen glücklichen Einfall gehabt hätte. Dabet trug er den ganzen Plan vor, wie er ihn nachts als Bettler an der Türe des Rabbiners erlauscht hatte. Der Minister erbleichte und wußte nicht, wie das mit rechten Dingen zugtnge, daß der König nicht nur um die Gedanken deS Rabbiners wußte, sondern sogar seine eigentümlichen Worte im Munde führte. Doch der König lachte vergnügt und sprach ohne Groll: „Wisse, mein lieber Ratgeber, daß mir deine ungewöhnliche Klugheit in letzter Zeil wiederholt auffiel und mich veranlaßte, der Sache auf den Grund zu gehen. Nun weiß ich, daß eines Andern Weisheit aus deinem Munde spricht. DaS sei dir verziehen. Nur wünsche ich, den unbekannten klugen Mann zu sehen. Schicke ihn schleunigst zu mir, daß ich ihn begrüße und nach Gebühr in meine Dienste nehme." (Fortsetzung folgt.) TW