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Der Israelit · 1918-10-24 · Heft 43 (24.10.1918) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
59 (1918)
Issue
Heft 43 (24.10.1918)
Date
1918-10-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Sette § X:.. 43 24 Oktober '$18 Hier ist die Formel bereits enthalten, in welche sich für mich der alte Dualismus aufgelöst hat and die meiner Betrachtungsweise richtunggebend dient: eS gilt, den (nationalen) Begriff deS Volkes von dem (geistigen, religiösen) Begriff Gemeinschaft zu scheiden. Nicht um die Gemeinschaft und das Geistige als ihr Band geringer zu werten — ich glaube, das; die von mir durchgeführte Trennung der Gemeinschaft nicht minder wie dem Volke zum Besten dienen wird — sondern nur, um uns zur Wehr zu setzen gegen geistige Erdrosselungsversuche, an denen die 'Geschichte unseres Volkes übermäßig reich ist. Marguiies setzt sich oann mit Bwds Auffassung von Achad haams „geistigem Zenrrum" auseinander. Auch dieser betrachte Palästina an sich durchaus als materiellen, ungetstigen Mittelpunkt wie „Warschau für da? Pole-ntum.^ „Nun. ich denke, Warschau dürfte ein ganz müti> rieller säkularisierter Begriff sein — und ähnliches erhoffe ich von Palästina, wo wir unter allen Umständen eine erneute Fusion von Staat und Kirche, eine erneute Theokratie (und sei es auch unter der Firma „Diktatur des Geistes") zu verhindern haben werden. Palästina wird so^weltlich sein wie jedes andere Land — nur wie wir Hüffen, fortgeschrittener und freier. Die Priester und die Apostel des Geistes werden dort ihre Heimat finden, aber die Zeit einer Gewaltherrschaft ist für sie endgiltig vorbei! Sich den Zionismus darzustellen als „die Aktivierung jener jüdischen Nationaleigenschaft", die darin besteht, nicht national zu sein, sich Palästina zu konstruieren als rin Himmelreich auf Erden, als Verwirklichung jenes Gottesreiches, an dessen Knechtschaft das Christentum in ohnmächtigem 2000 jährigen Kampfe verblutete — das scheint mir Ausfluß einer Geiftesrichtung, die schwerlich noch im lebendigen jüdischen Volke wurzelt, das scheint mir vor allem auch symptomatisch iü.r die herrschende Unklarheit den jüdischen und den christlichen Grundeinstellungen gegenüber." Wir müssen anerkennen, daß Marqul-es' Anschauungen vom Standpunkt deS Baseler Progn.amms lagt sch völlig Utl anfechtbar sind. Sie beweisen eben, daß der moderne Zionismus, ohne Subjektivität aufgefaßt, die a h solure Ass imtlatickn deL jüdischen Volkstums an den AationalirätHgebankeu der europäischen Menschheit bedeutet und grade darum die revolutionärste Geistesmacht ist, mir der sich d"s geschichtliche Judentum jemals auseinanderzu setzen h atde. II. GS gilbt Minner, die des Glaubens sind, I diesen revolutionären Charakter des Zionismus I statt durch offenen Geisteskampf von außen, durch Umwandlung von innen heraus überwinden und den Zionismus selbst so zur Wiederaufnahme des jäk zerrissenen Fadens der Tradition zwingen zu können. Dazu gehören nicht nur die Anhänger des Misrachi, sondern darüber hinaus mancher idealgesinnte Zisnist, den Semütsveranlagung oder Erziehung die Wahrung des Ssttesgesitzes mit seiner aübe-- IIIIP i ,11 ' 1«^————m mm Von Ott zu Ott. (Beobachtuugeu ei.eS HausftrerS.) Geehrter Herr Redakteur! Bon einen, kleinen Hausierer, der sein Bündel noft Ort zu Orr trägt und im Schweiße seines Angesichtes seine heute so spärliche Ware lo»sch!agen muß, hoben Die sicher noch nichts zur Aufnahme J* irn „Israelit" geschickt bekommen. Aber jetzt will ich einmal unter die Schreiber gehen! Sonst schreiben ja iltitf die gelehrten Leute, aber die haben ja seit KrttgSbegiNN, kaum mehr Zeit dazu. Da will ich einmal meine Weisheit zum besten geben! Wenn ich so von Orr zu Ort ziehe, sehe ich manches, das mir dar Herz höher schlagen läßt in Lus! und Freude, einiges aber, das minder erfreulich ist. Da komme ich kürzlich in eine kleine Kehillo im Badischen. Wie ist diese einst so schöne Gemeinde während deS Krieges zusammengeschmolzen! Der Lehrer ist seit Kriegsbeginn Soldat. Als Chason fungierte ein Mitglied an des Lehrers Stelle in tadelloser Weise. Nur leienen mnß er aus dem Chnmesch! Der einzige Bal Habajis, der noch richtiger Bal Koreh ist. ist auch Soldat. Wenn der in Urlaub zu Hanse ist, wird richtig geleient. Kürzlich war der Herr Lehrer in Urlaub — er war aber nicht vorbereitet — und so wurde auch da aus dem Chumesch geleient. „Ob der Chason ganz oder halb aus dem Chumesch die Sidroh vorltest, wird kein Unterschied fein," meinte ein biederer Viehhändler ironisch. Fch wußte, was er sage« wollte. — Sagen Sie mir einmal, Herr Drr ALMeLtt- ' herrschenden Vereölung des jüdischen Volkslebens als Voraussetzung für den Bestand des Volksganzen ahnen läßt. Ein überaus liebenswürdiges und warmherziges Bekenntnis nach dieser Rrchcung lregt «us neuerer Zeit von einem jungen Hiouiften, Hans Gosiar, vor. In der „Jüdischen Presse" fordert Gsslar, der wohl erst durch seinenAufeuthklt im Osten das gesetzestreue Judentum kennen grlernr hat, die Anpassung -es Privatlebens der Zionisten an die Ideale des jüdischen Gesetzes. Er schreibt'. „In unserem Privatleben sollen wir junge Zionisten jüdisch sein. Wenn ich junge Menschen Tefte die sich Zionisten nennen, die aber in grundlegenden Dingen, in der Sexualethik vor allem, in Anschauungen besangen sind, die all dem, was jüdische Ethik und jüdisches Gesetz hierüber in von keinem anderen Bolksgesetz je übertrossener sittlicher Größe und Reinheit fordern, ins Gesicht schlagen, so bin ich mann Zweifel, ob ich diese Menschen wirklich als Gesinnungsgenossen betrachten soll. Es gibt ja keinen Musterschutz für das Wort „Zionist", es. kann sich heute ein jeder, dem die politischen Chancen der Bewegung einlerichten, oder der sonst aus gutgemeinten Gründen sein Herz entdeckt, Zionist nennen und die Idee, der wir dienen, durch sein Auftreten, durch öffentliches Brüskieren jüdischer Ele-i mentarforderungen diskreditieren — wir« haben kein Machtmittel dagegen. Aber nichts kann! mich persönlich hindern, mich zu weigern, jene Meni schen als Gesinnungsgenossen, als Genossen meiner j Gesinnung anzusehen. Ebenso wie ich von meinem j Standpunkt Zionisten nicht als voll ansehen kann, die e glauben, die öffentliche bewußte Nichtachtung grund- « legender jüdischer Religionsgesetze mit ihrem Zioi nismus vereinbaren Lu können. Wer sich bewußt! der Untergrabung von Tragbalken, der r Zuschüttung v o'n Qu ellen schuldig macbt j die tote un'ser Gesetz, seine religiöse nt und sittlichen Forderungen, uns als Volk die Lebenskraft gestärkt und erhalten haben, zeigt eine Inkonsequenz oder Leichtfertigkeit die erweist daß er nicht das Verantwortlichkeitsgefühl besitzt, das ein jeder haben sollte, der geistig selbständig denkend 3^ u m Zi 0 ni IN n s g e k 0 m m e n i st. Derjenige, der den Prozeß der geistigen Umstellung dnrchgemacht hat, der gelernt hat, jüdisch zn denken, die Frage nach dem Nutz und Frommen eines Dinges, einer Tat stets im jüdischen Sinne zu stellen, wird sich nie wissend zum Schuldigen machen. Er ist sich klar darüber geworden, daßtzer im Sinne der sittenreinen alten jüdischen Gesetzessorderung seinen Körper rein und gesund für die Ehe halten muß — um der Sittlichkeit an sich willen und änS Verantwortlichkeitsgefühl gegen die kommende Generation — und er wird, wenn er nicht aus eigener Ueberzeugung es heiligt das Religionsgesetz als Urquelle jüdischer Kraft, als H a up te v v luti 0 n jüdischenVolksgeistes doch respektieren. Schon weil er weiß, daß das Ab streifen der Fesseln des Gesetzes,das dochschließlich Volksgesetz i st eine Assimilation an das umgebende Curopäertum bedeutet. Und er will ja gerade kein Affimilant fein, keiner der dazu beiträgt, die Schutzwehr des Judenvolkes cinzureißett. 11 Jüdisch soll unser Privatleben sein, dazu ist eine Umstellung nötig. Sie ist nötig für die, welche nach Palästina gehen wollen und nicht den Kindergkauben haben, patz sie dort, ohne ihre Tat, nur durch den Kuß der Mutter Erde werden. Sie muß erst recht tum solchen dnrchgemacht werden, die hier bleiben werden und denen, wie in alter Zeit, die Familie wieder der Jungbrunnen werden soll, aus dem sie jüdische Kräfte ziehen. Telegiertentage und Jugendtagungen vermögen auf diesem Gebiet nicht sehr diel zu wirken. Dazu ist dies alles zu subtil. Aber sie können den äußeren Anstoß vermitteln, dem spater, im stillen Kämmerlein das Besinnen und das Gelöbnis folgt." „Assimilation an das umgebende Europa er tum" mit diesem Worte har Goslar dem Zionismus in seiner heutigen Prägung das Urteil gesp-»chen. Herzl war nicht umsonst durch und durch ,,Europäer" sein Werk trägt die assimilatorischen Züge, die er ihm eingeschossen, tm& „Inkonsequenz" kann man denen nicht vorwerfeu, die aus der von Herzl konstituierten „Verweltlichung" der jüdischen Natron tztt Kärrftqu az auch für ihr Privatleben ziehen. Inkonsequent handeln vielmehr diejenigen, die sich üv^r die revolutionäre Stellung des modernen Zisnismus zum geschichtlichen jüdischen lalzebanien klar sind und dennoch statt lauten, offenen B^kennens ichrer entgegengesetzten Ueberzeugung, statt tätigen Anschlusses an die Gemeinschaft der dem Nation algesetz Treugebliebenen, die zionistisch-revolutionäre Bewegung moralisch oder materiell fördern, in der vagen Hoffnung, sie von innen her zu wandeln. An diese Wandlung glauben wir nicht. Wohl aber liegt es nicht außerhalb des Bereiches der Möglichkeit, daß in praktischer Hinsicht auf palästinensischem Boden eine Verständigung zwischen dem alten, dem orthodoxen Nationalj ritzen tum und dem neuen zionistischen stattfindet, wenn dieses — auch tzsrt, wo es in der Mehrheit ist — den religiösen Forderungen im öffentlichen Leben ein Mindestmaß von Respekt zu zollen sich entschließt) wenn es sich daraus beschränkt, die „Verweltlichung" des Iuhenvolkes auf dem Wege der privaten Augen derziehung zu erstreben und nicht dem des Umsturzes, dem der „öffentltchenVrüskterung jüdischer Elementa rsorderunqen." Dann wäre zum mindesten eine ge wiffe nationale Gemeinsamkeit auf dem Botzen der Geschichte geschaffen, eine Gemeinsamkeit, die dem unvermeidlichen Ningkawpf der Weltt anschaunngen um die Seele der Jugend seinen Stachel nähme und zugleich der Gefahr vorbeugte, daß die Assimilation an die umgebende Kultur die schüchternen Ansätze neuen jüdischen Geisteslebens gar zu scknell hinwegspülte. Redakteur, wie kommt es, daß so wenig Chasonim richtig ihre Sidrah voriejen? Mtt ist schon mancher beqe.met, der sicher seinc Porscho nicht vo'-her 'anflefehen hatte. Da bUf: dann die beste Spickkunst nichts. Und ich komme doch drnutzen herum, ich könnte Ihnen jede Kehillo meines Bezirks anp.edeu, wo umn qut teient und wo nicht. Und zum leienen biaucht man kein Opernjänger zu sein, aber auf seinem Platze muß man sitzen bleiben und den Trop lernen, sortst hilft alle Kunst nichts. Wenn dies so fort qeht, weiß man in vielen Gemein?en bald nicht mehr, wie eigenl-- lich richtig geleient ist. Ich hörte nta! einen Birtuostn, der im Zweifel mar, ob es K>n oder Km heißt, „hui" lesen! Jour Kippur war ich „Mrnjonär" in einer ganz kleinen Kehisto. Aber Sie hätten ihre Freude gehabt, Herr Rebakreur, an tiefem Gottesörenft, an her Ka, wynoh, mir der einige Gemei>'Ke-Rngetzörrge vor dem Owed standen. CS ging alles wie am Schnürchen. Nur die Owinu malkenuS hatte ich noch Me nach der Melodie von „Zn Mantua in Banden" gehört. Die betreffende Gerneinde auch nicht. Sie war aber für die Neuerung nicht dankbar, das nächste Jahr „zu Gutem" soll wieder die arte Melodie intoniert werden. Wenns Ihnen recht ist, ein anderes Mal weiter, Herr Redakteur. Inzwischen beamiras Scholauni Ihr ergetienster N. N.. (Die Wi derbmngung dee T horarollen nach Jaffa,) Als die Bevölkerung 19l7 evakuiert wurde, nahm sie die Thoraroüen mit sich, damit sie nicht den türkischen Soldaten in die Hände fielen. Sie wurden den Kolonisten in Petach Tikmah zur Aufbewahrung gegebeu und nach der Rückkehr der Bewohner von Jaffa in feierlichem Zug in die 'Stadt zurückgebracht. An der Nordgronze von Tel Awiw war em Triumphbogen errichtet, jedes Hans war mit Blumen geschmückt, und die gan'ze Kolonie festlich hergerichtet. Die Mitglieder des Turnverein- „Makkabi" in blauweißer Kleidung sorgten für die Ordnung. Dem Zug ging die australische Militärkapelle voran, und der Feier am Triumphbogen wohnten der Militärgouvetneur sowie die Mitglieder der zionistischen Kom- »uission bei. Der Lhacham Bascht hiett eine hebräische Ansprache. Unter den Klängen deS Schofar wurden die Rollen unter Bal.mchinrn vom Oberrabbiner, Dr. Weizuiamt und anderen nach den Synugngen, denen sie gehörten, getragen. Bodem Eintritt in die Sy« nagogen wurden Gebete gesprochen. Luch der Nachmittag wurde festlich begangen. Züge uon blumengeschmückien Schulkindern, Jemeniten mit jungen Lämmern und Ziegen auf den Schultern und Kainlknzweigen in den Händen, Erntewagen und Pflüge mit Halmen, Imme?grün und Blumen geschmückt, bewegten sich durch die Straßen. Schulkinder verkauften Blumen und Konfetti, deren Erlös dem von den zionistischen Lehrern begründeten Fonds zur Ukberfltzung und Herausgabe englischer Literatur ins Hebräische zufließt. Am Abend veranstaltete der „Makkabi" ei-t Turnfest. (Natorp über Cohens Jntzentum.) Der be kannte Marburger Philosoph Paul Nat 0 rp hat seinem Heimgegangenen Kollegen und Freunde, Herurann Cohen, in der Universität eine schöne Gedächtnisrede gehalten, die ietzt mit einem Bildnis und Lebensabritz Cohens bei (Sintert itt Marburg erschienen ist. Uever Cohens Verhältnis zum Deutschtum in seiner Eigenschaft als Jude heißt es in dieser Rede: Hat man nun irgend welches Recht, solch reines Sichhtngebcn an die Sache und Elnsrveröen mit ihr als deutsche Eigenaitt auszusprechen, so wird man an-

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