Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 59 (1918)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1918)
- Date
- 1918-10-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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H£\| Ein Centralorgan ffir das orthodoxe Judentum I / I KXJBsapsa iifrfjfcf nb Dr. Uran Io fflaiez 58. Mrwna mm SranMurt - NI, Sen jrl;|$jS5W- ■" •»” USsynement Pro Vierteljahr r Gewöhnliche Ausgabe Mk. 3.— Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 4.50 Lr. Rußland 1 Lud., England 2 8h., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abom»sm«E, Sei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HeftauSgave nur direkt. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 50 Pfennig für die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratsnannahme durch den Verlag deS JSrüelit G. m. b. H., Frankfurta. M., Gr. Efchenheimerstr. 23 Le!. 884», AmtHansa, sowie sämtl. Annoncen-Exped. der In- und Ausland». Platzvorfchrtsten ohne KerbludUchKrn. II Zahlungen fintten außer direkt «n den lolq ,^»lß«n Pc- Conto Sei Ser «. «. Postsparkaffe »ion »ko. 70 6<U Conto Sei dem K. Postfparkaffenamt Budapest Si». lL4»r Conto bei der Rigaer Commerzbank in Riga und deren Filiale«. Oer Nachdruck 9er NriiKe! un9 torrespongenzen 9es „Israelit“ iü nur unter oenauer Quellenangabe, un9, soweit es lick um größere Nuffiibe fiandelf, nur nach Dorfterfoer Genehmigung gestattet. Inhaltsübepftchr i. ii e i in v t fei #J)£r Zisnirmus nnd die Rer»rltiichung des jüdilchra Kolkes. Aufsätze: Gin Heim .für jüdische Kuvgeitkrimke in Davos. 3. Kleiner Feuilleton: Kon Art;u Ort. - Die Wederbringung der Lhorarollcn nab Jaffa. -- Natorp über CohenS Judentum. — Die Bahn Kairo -Jerusalem. — 4. Korrespondenzen und Nachrichten: Warschau (Pogromstimmung.) Warschau (Aktionen der „AgudaS Hoorthodoxim". — Marschau (Jüdische Erklärungen zum freien Polen.) Wien (Selbstbestimmungsrecht.) — Wien iDie Aufgaben her jüdischen Fugend.) — Allerlei auS Polen und Litauen. --6. Personalien: Mainz (Dr. Nathan Friedmann — Mainz. — Homburg v. d. H. - Biebrich a. Rh. — Hamburg. — Grötztugen - Berlin. — Berlin. — Alsbach — Rrichenfachsen. — Braunßbach. — Bromöerg. — 6. Bermisch tes : Krakau. -- 7. Feui lk etv fl : Kus ullt Schloß. -».Frankfurter Berichte: Heinrich Lthtt — Gretkl «vttlieb rry. - Armut und Per« brechen. — Perein „Liwjath Chen. -- Der jüdische Turnverein. — Fümiliennachrichten. — Bcreinskalender. — Gebetzeiten. -«9. Erziehung Und Lehre: 86. General Versammlung des Israelitischen Lehrervereins für da- Königreich Bayern. — Protokoll der »6. Jahresversammlung de< Vereins jüdischer Religion-lehrer" Ostpreußen» am 30. Juni 1918 in den Räumen der Kantloge in Königsberg Pr. — Thoraschulen. Der Zionismus und die Verweltlichung des jüdischen Volkes. I. Bor uns liegt der von der Wiener Jüdischen Zeitung herausgegebene „Jüdische Nationalkalender -auf das Jahr S679", der eine Reihe theoretischer Untersuchungen zur zionistischen Ideologie, daneben auch belletristisches Material und hübsche Abbildungen enthält. Für die Beurteilung der zionistischen Lendenzen, die heute angesichts der Vorgänge in Palästina über den Rahmen "er Partei hinaus ernste Beachtung verdienen, scheint un: am wichtigsten ein anregender Aufsatz von Heinrich M arg ulk es: „Europäisches imZisnismus". Margulies Grundidee ist die bewußte Verneinung j.-der übernormalen Besonderheit des jüdischen Volkes. Der Glaube an die „Aus erwähltheit" ist ihm ein Wahn, der die jüdisch- Geschichtsbetrachtung ihrer natürlichen VorauSe setzungen und damit tragfähtger Ergebnisse beraubt hat. Und der Zionismus ist nichts an» heres wie die NnwestdunF d?r allgemeinen VstionaLitätentheorle auf das jüdische Volk,- er wird unwahr, sobald er mehr zu sein vorgirbt. Hieraus ergiebt sich, daß eine wahrheitSgemäße Erkenntnis der gedankliche« Probleme deS jüdischen Volkstums nur im engsten Ansammenhang mit der allgemeinen Forschung möglich ist, j« daß es im wesentlichen gilt, die Krgesnisse dieser Forschung, die Anschauungen von ^Jlennex, Bauer u. a. einfach auf daS Ju- "denproblew anzuwenden. tznzwische» hat Margultos in einem «n Rax Orod gerichteten „offenen Brief" die Konsequenz seiner Anschauung für das religiöse Problem im ZisniSmus dargelegt und dabei mit solch' entschiedener Kolgerichtigkrit dis völlig» Verweltlichung (Läkularifterung) desJAdtU' tums als Kerngedanken und Grundlage deS zionistischen Programms entwickelt, daß es sich verlohnt, seine Ausführungen im Wortlaut wiederzugebsn. MargulieS schreibt — gegen M«x Brods „aeistitze^" ZisniSmuS gewendet —: Ihr absolutes Verkennen dessen, was den Versuchen einer weltlichen Auffassung deS jüdischen Problems zugrundeliegt, wurzelt in der allgemein üblichen Unklarheit hinsichtlich jenes Dualismus, den man einst in dem Worte von der „Judenfrage oder Judentumsfrage" nur unzureichend erfaßte. Ich bin der Ansicht, - daß die Unklarheit gerade bei dieser Frage Ursache,all der Verwirrung geworden ist, die heute die sogenannte geistige Richtung beherrscht. Gerade in der jüngeren Zeit, die wieder einen Rückfall in eine friiherMekämpfte und fast schon überwundene Hypertrophie des Geistes zu erleben scheint, hat man fick wieder mehr daran gewöhnt, beide Begriffe „Judenvolk" und „Judentum" inniger zu verschmelzen und ersteres nur im letzteren, nur als Geistiges gelten zu lassen. Mir aber schwebt seit mehr als 10 Jahren in allen meinen Arbeiten als eins der wesentlichsten Ziele gedanklichen Fortschrittes das vor, was ich einst dir Säkularisierung des Judentums nannte: die Verweltlichung des Volksbegrifses, seine Loslösung von der Umklammerung durch den Geist (Confessio jeder Art, sei eS als Religion, sei e§ als Philosophie) eine Trennung, wenn man will, don Staat und Kirche. Solange Ich denken kann, habe ich bei meiner innerjüdischen Stellungnahme an eine Art „Los von Rom "-Bewegung gedacht, und nie werde ich zngeben, daß die Rückkehr zum Judentum identisch sein solle mit einer Rückkehr zu Zion im priesterlichen Sinne im Sinne einer Diktatur des Geistes (wobei es ganz gleichgiltig ist, ob der Geist in der Maske des "KirchenpriesterS, des Mystikers, des Apostels oder des Ideologen auftritt). Wohlgemerkt: nichts liegt meinem Wirken ferner als die Reaktion de« Ungeistes gegen den Geist. Mancher, der meine verschiedenen früher veröffentlichim Aufsätze verfolgt hat, wird sich erinnern, daß dadeutsch - jüdische Kulturchaos, ein durchaus geistiges Problem, mir zum Ausgangspunkt' wurde, und daß ich das Wort vom Kulturzionismus zu einer Zeit aus mich nahm, als es noch ein Spottwort war. Auch ich träume don einer Zeit, in welcher der befreite jüdische Geist die Welt und die Menschheit von Neuem befruchten wird. Aber unter diesem Geist selbst verstehe ick zunächst nichts anderes als das, was ein befreites Volk in seinen besten Persönlichkeiten, ganz gleich welcher Richtung, aus sich Herausstellen wirb. Cs deutlicher zu formulieren, ist hier noch verfrüht und bleibt einer spateren Arbeit Vorbehalten. Jedenfalls sehe ich den jüdischen Geist weder in Moses noch in den Propheten," weder in Marx, noch in Spinoza, noch in Buber — sofern man sie alle einzeln betrachtet. Ich sehe jüdischen Geist in allen zusammen und selbst noch in den Sadduzäern, selbst noch in dem so völlig amoralischen Recken, Joab und überdies nicht minder in Ballin und Ratheüäu. Unter der „Los von Rom"-Beweguug im Mischen Sinne verstehe ich, daß man eingesteht: das jüdische Volk ist als Volk genau )0 ein weltliches und un geistig es Volk wie jedes Bol-k. „Ihr sollt sein ein Volk don Priestern" — das ist frommer Wunsch einzelner aber keine Gegebenheit, ein.Wunsch überdies, der alle freien und unabhängigen Geister gegen sich hat — denn irgend etwas Geistiges aus den Sckätzen eines Volkes Herausreißen, von dieser Teilkvu'.ponente«dann behaupten, es wäre allein Kriterium dieses Volkes, die Diktatur dieses Geistigen proklamieren und jeden Bolkszugehörigen zwingen, es nt sich aufzunehmen und es zu bekennen, das steht auf gleicher Stufe mit jenem priesterlichen Gehaben, das den geistigen Rom-Begriff über den weltlichen Volks-Begriff pffanzt. Hiergegen proklamiere ich das Recht des freien Gedankens! Vor jeder Art herrschsttchtigem „tum" hege ich Mißtrauen. Das was man unter „Judentum versteht, ist nur ein Teilbegriff der jüdischen Nation, die nationale Bewegung kann demnach die Judentumsbcwegung nur einbeziehen, nicht mit ihr identtsch sein. Es ist mir durchaus noch kein Axiom, daß man nur den philosophisch-moralischen Gehalt eines BolkSoraa. nismns herauszuschälen hat, wenn man sein Wesen erfassen will. Man kann die deutsche idealistische Philosophenschule gewiß als das Deutschtum an sich pinstellen, wie es Fichte tut — aber es wäre sehr irrig, wollte man unter den „Deutschen" immer nur ein Volk von Kantianern begreifen — ganz zu schweigen davon, daß sich auch dieser philosophischmoralische. Teil des deutschen Geistes im Verlauf der letzten 100 Jahre von Grund auf geändert hat. Siemens und Bernhardt, Peters und Reventlow sind nicht minder Träger des deutschen Geistes als Luther und Fichte. Man kann ein guter Deutscher auch dann sein, wenn man weder an das Christentum, noch an Ehamberlain glaubt; und man kann ein guter Jude sein, obgleich Mein Marx näher steht als der galizifche Wunderrabbi, — vorausgesetzt allerdings, daß man das „Volk" als säkularisierten, nattonalen Deiriff erfaßt und nicht alS religiöse oder geistige