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Der Israelit · 1903-04-09 · Heft 28-29 (9.4.1903) · page 34

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 28-29 (9.4.1903)
Date
1903-04-09
Page
– (sequence 34)
Language
German
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Skizze von B. LrLser. ttw ui in Leopoü) Schwab saß in seinem löwenkopfgefchnitzten Lehnstuhl im Privatcomptoir. Recht sorgenvoll blickte er drein — der vielbeschäftigte Fabrikbesitzer. Rur mechanisch fliegt sein Blick "durch die Reihe der Arbeitssäle, hier und dort, ihm selber unbewußt, einen Moment verweilend. Und die dort beschäftigten Leute rennen noch einmal so ftink, sind doppelt so emsig bei der Arbeit. Sehen sie doch finsteren Ernst im Antlitz des sonst stets leutseligen, freundlichen Herrn. Und doch gilt nicht ihnen das verdrießliche 'Aussehen des Fabrikherrn. Sie mochten wohl, wie fast Alle im Schwäbischen Werk, gern und freudig ihre Pflicht erfüllt haben, auch die da draußen, die auf dem mächtigen, fast unabsehbar langgestreckten Fabrikhof hantirten. Leopold Schwab's umherirrende Blicke kehren jetzt zum Schreibtisch zurück, auf dem eine Menge noch unerledigter Briefe seiner fleißigen Hand harren. Er nimmt einen stark cremefarbigen, eng beschriebenen Bogen zur Hand und ein tiefer Seufzer entringt sich der Brust des kräftigen Mannes. Und der Brief ist doch von seinem Jungen, seinem ältesten, stets vergötterten Kinde. Leise steht jetzt der Fabrrkherr auf und zieht die Thür, die nur angelehnt gewesen, in's Schloß. Glaubt er, selbst die Luft könne die Botschaft aufnehmen und verkünden, die Botschaft, daß auch einer aus der Familie Schwab, die der Welt und der Judenheit eine ganze Reihe fleißiger, ehrenhafter, charaktervoller Männer geschenkt/ avirren könne vom rechten Wege, so sehr, daß eine Umkehr fast unmöglich! Dort hing das lebensgroße Bildniß des ersten dieser Männer. Sah es nicht aus, als ob er herabsieigen wolle aus dem mächtigen, goldenen Rahmen, um den Frevel zu rächen, der an seinem Namen begangen! Traurig, fast vorwurfsvoll blickten die dunklen Äugen auf den Urenkel, der in sich versunken in dem geschnitzten Sessel ruhte. Und jetzt, als Leopold Schwab's Blicke sich wie magnetisch angezogen zu dem Bilde des Ahnen hoben, durchfuhr es ihn förmlich, glaubte er diesen starren Vorwurf in den klugen, ausdrucksvollen Augen dort oben zu lesen. „Ja, ja, Abraham^ Schwab," nickte der Fabrik- Herr leise, „als Du vor mehr als 100 Jahren aus dem Frankfurter Ghetto in die Residenz zogst, arm an Beutel, aber reich an Herzen, da ahntest Du nicht, daß Dein Stamm ein solch verkrüppeltes Reis treiben würde. Armer Abraham Schwab, wo bleibt Dein guter Name, der uns überkommen?" - Mt der geballten Hand schlagt der Fabrikherr ] auf das Papier, und dann verdunkeln doch wieder Thronen sein Auge. „Die Schande, die SchaNde! f Ein Schwab ein Betrüger, ein Fälscher!" Seine Lippen murmeln es nur leise, und doch führt er herum der Mann, der nie lichtscheuende Geheimnisse kannte, ob nicht ein Lauscher in der Nähe. * Wie hatte es doch nur so weit mit dem Jungen kommen können? So wert! - - ..: - ': . Immer war Fred sein Liebling, fein Vorzug gewesen^ schon damals, als er Mit seinen beiden jüngeren Briidern, denen er Vorbild hätte sein sollen, und die doch so viel besser gerathen waren, als er, zur Schule trabte. In ganz anderem Glanze hatte Leopold Schwab's Augen geleuchtet, wenn sie auf seinem Aeltesten ruhten! Wie oft er sich innerlich wegen dieser ihm vielleicht selbst kaum zum Bewußtsein kommenden Zurücksetzung der beiden anderen, die äußerlich dem auffallend schönen Fred nachstanden, gescholten! „Ein Prachtjunge!" Jeder hatte es unwillkürlich gerufen, uN'o Herr Schwab wohlgefällig 'hierzu gelächelt. Ob Eitelkeit den.sonst unbestechlichen Mann verblendet, oder die frappante Aehnlichkeit des Sohnes mit der vom Vater vergötterten, früh verstorbenen Mutter nicht ohne Einfluß blieb! Wer kann das Menschenherz ergründen! Freilich, die Lehrer waren von Freds- Leistungen nicht so entzückt. Einstimmig sagten sie es: „Talentvoll, sehr talentvoll, aber flüchtig — flüchtig und nicht-—, — wahrhaftig!" Für Leopold Schwab war das letzte Prädikat, das man seinem Sohne ertheilte, unfaßlich. Er, dem die Lüge etwas gänzlich Fremdes, Widerwärtiges war, konnte doch keinen Lügner zum Sohne haben! Nein, das war wohl nur ein JcrthUm, ein Jrrthum. seitens der Lehrer. . . . Später, als dann der Junge sich mühsam durch alle Klassen hindurchgewunden, war es sein, des Vaters, sehnlichster Wunsch, daß Fred studire. Aber das mochte Fred gar nicht. Weßhalb sollte er denn so viel lernen, sich den Kopf voll lauter thörichten Krimskrams stopfen, das hatte doch der älteste Sohn der Firma- „Schwab Und Söhne" Nicht nöthig! Wenn schon, dann konnte ja 'Georg studiren. Der paßte auch viel besser zum Stubenhocker! Er, Fred, fühle gar nicht das Zeug dazu in sich. - Und in seiner unseligen Schwas flrr dieses Kind hatte er sich auch hier bestimmen lassen. Das war etwas Neues in der Familie. Immer war das Fa- > - I

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