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Der Israelit · 1903-04-09 · Heft 28-29 (9.4.1903) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 28-29 (9.4.1903)
Date
1903-04-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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der Friede hergestellt und erhalten blieb. Zu Zeiten des israelitischen Congresses spielte er eine bedeutende Rolle und war er denn auch stets Mitglied der orthodoxen Durchführungskomrniffion. Sein Haus stand Jedermann offen; es verging kein Tag, an welchem er nicht Arme bei sich zu Gaste hatte, und Geld besaß für ihn nur so weit Werth, als es ihn in die Lage versetzte, es an Arme zu verschenken. Trotz seiner tiefernsten Frömmigkeit, zollte er den Anforderungen der Zeit ihren Tribut — in der Form, die jedoch das Wesen unberührt lassen mußte. Sein Körper war in den letzten Fahren sehr schwach, jedoch sein Geist war frisch noch drei Stunden vor seinem Tode. Zu seinem Leichenbegängnisse hatten sich nahezu sämmtliche Gemeindemitglieder unter Führung des Präsidiums eingefunden; aufrichtige Trauer begleitete ihn auf seinem letzten Wege. Ehre seinem Andenken! $ «ul II eton Vmr Mobert Känkern. 132 Abraham durchschauerte es bei diesen Worten. Unwillkürlich machte sich die Erinnerung an all' den Wahn und das Leid geltend, das diese Verleumdung schon über die Wohlthäter seines Lebens gebracht. „Du hast recht, liebe Frau!" Das war alles, water mühsam Hervorbringen konnte. Eine halbe Stunde mochten sie so hinter dem Fliederstrauch ungesehen und ungestört gestanden haben, als sich plötzlich die kleine Seitenthüre öffnete, die von der Straße in den Gutshof führte. Sie sahen beim Scheine des Vollmondes ein zerlumptes, altes Weib leise hineinhuschen, mit der einen Hand vorsichtig die Thüre öffnend und schließend, dir andere hielt sie unter der Schürze. Als das Weib eben hart an dem Mederstrauche vorüberging, trat Abraham vor und direkt auf dasselbe los. „Was habt Ihr da?" herrschte sie der Baron an. Erschreckt fuhr das Weib zurück und stammelte: „Ich' soll das Paquet hier unter diesen Baum werfen." Abraham nahm ihr das Paquet ab. Es war ein Gegenstand in altes Linnen gehüllt. Wie erschrak er aber, als er darin die Leiche eines einjährigen Kindes mit durchschnittenem Halse fand! Abraham erkannte sofort die Situation. DaS Weib machte den Eindruck einer verkommenen Idiotin, deren volle Zurechnungsfähigkeit ihm höchst zweifelhaft schien. In ganz gleichgültigem Geschäftston fragte er die Alte: . „Wer hat Euch denn hierhergeschickt?" „Herr Priklonski, der frühere Verwalter dieses Gutes." „Was hat er Euch dafür gegeben?" „Wenn ich den Auftrag recht besorge, so bekäme ich vom Popen Ablaß für alle Sünden." „Wie heißt Ihr?" „Marie Makofski." ' „Nun, wenn Ihr Ablaß von allen Euren Sündenwollet, so führt Eueren Auftrag aus; aber sagt keiner Seele in der Welt, wenn Euch Euere Seligkeit lieb ist, daß Ihr mich 'gesprochen habt. Wenn es der Pope oder irgend ein Mensch erfährt, so bekommt Ihr den Ablaß nicht. Verstanden?" „Ich danke Euch, Herr!" sprach die Alte, warf ihr Päckchen unter den Fliederstrauch, daß es fast die Füße der Baronin streifte und huschte zur kleinen Gartenthüre wieder hinaus. Abraham trat wieder hinter den Flieder zurück, hinter dem die junge Frau starr vor Schrecken und Entsetzen stand. . ' . . „Abraham, warum hast Du die Alte nicht festgehalten und sie mit ihren Hintermännern der strafenden Gerechtigkeit überliefert?" fragte erregt die Baronin. „Sei unbesorgt, sie entgehen uns dicht. ÜBir kam-. men dem ganzen Anschlag und allen dabei bettzeiligten Komplizen viel sicherer auf die Spur, wenn wir der Sache freien Lauf lassen. Dazu ist vor allen Dingen erforderlich, daß wir vollständiges Schweigen über das Vorgefallene beobachten. Wenn ich die halb blödsinnige Person und ihren Auftraggeber jetzt festnehmen und bestrafen würde, so würde die große Masse doch an die Schuld des Verwalters Schick glauben. Deßhalb muß Schick's Unschuld und die Aufdeckung des ganzen Komplotts nicht durch mein persönliches Eingreifen sondern durch öffentliche Gerichtsverhandlung festgestellt werden. Ich muß Schick morgen einkerkern kaffen, denn man wird die vermißte Krndesleiche mit durchschnittenem Halse in seinem Hofe finden, und ihn mir als Mörder denunziren. Wenn die alte Megäre schwätzt, dann macht sie mir allerdings einen Strich durch die Rechnung. Aber die Furcht vor dem Verlust ihrer Seligkeit, die ich ihr beigebracht habe, wird schon das ihrige thun. Im klebrigen wollen wir auf den Gott Israels hoffen, der uns so wunderbar zur rechten Zeit an den rechten Ort gestellt hat, um die Pläne der Listigen zu vereiteln." Aus der Feststube klang eben das Hallel-Lied in die Nacht hinaus. Die Sänger hatten keine Ahnung vcn der Gefahr, die über ihren Häuptern schwebte, und von den rettenden Engeln, die ihnen Gott bereit gestellt hatte. V xxm. Als am ersten Peßachtage die große, jüdische Gemeinde zum Morgengebet versammelt war, ging durch die Massen das dunkle, unkontrollirbare Gerücht, daß

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