Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-04-09 · Heft 28-29 (9.4.1903) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 28-29 (9.4.1903)
Date
1903-04-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449918--58016-2524928
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ein Christenkind vermiet werde. Da Gerüchte dieser Art alljährlich um die Osterzeit hier und dort auftauchen, legte man der Sache anfänglich wenig Bedeutung bei. Aber die Kunde nahm immer festere Form an. und beim Verlassen der Synagoge Wurde den Betern durch die Erregung der feiertäglich geputzten, in Gruppen umherstehenden Bauern der ganze Ernst der Situation zum Bewußtsein gebracht. Es handelte sich, wie sich bald 'herausstellte, um ein einjähriges Kind, das sich also nicht verirrt und verlausen haben konnte, sondern aus seinem Bettchen gestohlen sein mußte. Wer anders, als die Juden, konnten eine solche Unthat begangen haben? Die Vorsteher der Gemeinde versammelten sich bei dem Rabbiner zu einer Berathung, zu der noch einige Notabeln der Gemeinde hrnzugezogen waren; unter letzteren befand sich auch Feiwel Schick. Zunächst beschloß die Gemeinde die Aussetzung eines Preises von zweihundert Rubel für Auffindung des KindeS. Dann erörterte man die Frage, ob man nicht eine Deputation an den obersten Gerichtsherrn, Baron von Korsf, entsenden solle, um die jüdische Gemeinde seinem Schutz zu empfehlen. Bei solchen Schritten ist es üblich, daß die Deputation durch ein reiches Geldgeschenk ihrer Ergebenheit klingenden Ausdruck gibt. Auch die Mittel hierfür wurden bewilligt. Der erste Vorsteher glaubte versichern zu können, daß der Poriz (Gutsherr) durchaus kein Judenfeind sei, das könne man schon daraus sehen, daß er vielfach Juden anstelle und zwar für die wichtigsten Posten. Dagegen habe er wieder die bei einem russischen Hochgestellten fast unglaubliche Ergenthümlichleit, daß er für Geschenke unzugänglich sei, dieselben sogar auch nicht einmal anttah'm. „Ich muß lachen trotz des Ernstes unserer Lage," entgegnete darauf der zweite Vorsteher, „wenn ich die Argumente höre, die unser Rosch Hakoho'l (Gemeinde- Präsident) da vorbringt. Als ob die größten Reschoim von Porizim nicht gerade mit besonderer Vorliebe Inden anstellen, weil sie wissen, daß sie so am besten versorgt sind?! Jgnatieff, der größte Howon unseres Landes, läßt fast alle seine Güter durch Juden verwalten. Ich will nicht sagen, daß der Baron ein Feind der Juden ist, aber wenn weiter kein Beweis vorlieqt. als die Anstellung jüdischer Pächter, so ist das lächerlich. Nicht weniger lächerlich ist es zu sagen, der Poriz nehme kein Geld an. Rabbausei! (meine Herren!) hat's denn schon einmal einen Voriz gegeben, der keine Geschenke nimmt? Hat's schon einmal einer von Euch bei unserem Voriz probirt? So etwas läßt sich gar nicht reden; ich beantrage, daß man einmal Rabbi Feiwel hört, er muß doch den Voriz am beiten kennen." Alle Augen richteten sich auf den Verwalter des Schloßautes, der in seiner schlichten Weise sagte: „Ich bin zwar erst kaum ein halbes Jahr hier. Verwalter, aber soweit ich meinen Herrn kenne, glaube ich, daß der Rosch-H'akohol vollkommen im Rechte ist. l Unser erster Gerichtsherr ist ein Freund der Juden und j ein Feind von Bestechung. Er hat schon so viel Beweise seiner guten Gesinnung für uns Juden gegeben, daß ich sicher bin, er wird seine Hand nicht dazu bieten, einem Juden auf diese Blutanklage hin auch nur ein Haar zu krümmen. Wenn die Herren einverstanden sind, gehe ich sofort zu dem Herrn Baron, um seine Gesinnung zu sondiren und danach festzustellen, ob die Entsendung einer Deputation nothwendig oder.wünschenswerth ist." Die Zuversicht, mit welcher diese Worte gesprochen wurden, ließ Alle erleichtert aufathmen. Man nahm das Anerbieten dankbar an und wollte eben die Diskussion schließen und die Versammlung aufheben, als es plötzlich anklopfte. Man öffnete die während der Berathung verschlossene Thüre und herein trat der Polizeidirektor, gefolgt von zwei Polizisten. Er hatte den. vom Baron von Korsf Unterzeichneten schriftlichen Befehl in Händen, den Schloßverwalter Feiwel Schick sofort zu verhaften. „Darf ich den.Haftbefehl selber 'lesen?" fragte der Verwalter. „Wenn Ihr lesen könnt, habe ich nichts dagegen," erwiderte höhnisch der Polizeichef, und reichte ihm den Zettel tym. Feiwel erbleichte, das war ylbrahams eigene Hand und Unterschrift. Jetzt blieb ihm nichts übrig, als dem Befehl Folge zu leisten. Der Polizeidirektor wollte ihn fesseln lassen, aber dagegen protestirte Feiwel mit einer Festigkeit und Entschiedenheit, die selbst dem allmächtigen Poli'zeiherrn i'mponirte. „In dem Haftbefehl steht nichts von einer Fesselung; dazu haben Sie erst ein Recht, wenn ich einen Fluchtversuch mache," bemerkte der Verwalter. Er reichte jedem der Anwesenden die Hand und verließ, von der polizeilichen Eskorte gefolgt, die Versammlung.. „Wenn in die Cedern-die FkaMme fällt, was soll der 2)sop an der Wand erwarten?!" sprach beklommen der Rabbiner, als sich die Thüre hinter den Weggehenden geschlossen hatte. „Noch vor wenigen Minuten haben wir uns auf Grund von Rabbi Feiwel's Takifus (Ansehen und Einfluß) den sichersten Hoffnungen hingegeben, wenn unser Schtadlon (Vermittler) aber selbst keine Gnade findet, was sollen wir für uns erwarten?" Rathlos Mg die Versammlung auseinander, nachdem man beschlossen, sich Nachmittags wieder zu versammeln; inzwischen solle jeder Einzelne auf eigene Faust Nachforschungen anstellen, um den Urhebern dieses verbrecherischen Komplotts auf die Spur zu kommen. Die Aufregung in der Stadt hatte einen bedenklichen Grad erlangt. Als man nach langem Durchsuchen aller Häuser die Leiche des vermißten Kindes unter dem Fliederbaume im Hofe des jüdischen Gutsverwaliers fand, kannte die Wüth der Massen keine Rücksicht mehr. Berittene Kosaken mußten Tag und Nacht die Straßen durchziehen, um die Ordnung aufrecht zu erhalten und Ausschreitungen gegen die Juden zu Verhüten. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.