Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 28-29 (9.4.1903)
- Date
- 1903-04-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Daß selbst Vas zum Genuß bereits von der Hand Erfaßte noch einer Scheidung unterworfen sein kann, lehrt in anschaulicher Weife fw, die nun folgende Nummer, welche vorschreibt, die mittlere Mazzo zu theilen, und die eine Hälfte dem Genüsse zunächst zu entziehen, um dann zur eigentlichen rrun, zur Erzählung des Auszugs aus Mizrajim überzugeyen. Die Haggada schel Petzach, die sich in ungezählten Sprüchen. Ausgaben. Erklärungen und Illustrationen in den Händen der über das weite Erdenrund zerstreuten Festgenossen befindet, ist trotz ihres geringen äußeren Umfanges ein wahres Compendium von Geschichte und Pädagogik, riu wirkliches Schmuckkästchen, von dem jedes einzelne Stück einen unschätzbaren Werth besitzt. Von dem im babylonischen Sprachidiom gehaltenen ersten Stück bis zuM letzten deutschen Lied, das in die Sehnsucht zum Allmächtigen.aus klingt, daß Er Seinen Tempel wieder erbaue, und in die Zuversicht, daß der Heilige, gesegnet sei Er, einst die Macht des TodesrngelS brechen werde, 'wie schlägt die Haggadah zwischen der grauen Vergangenheit und der fernsten Zukunft eine Brücke, die kühn alle Abstände von Zeit und Raum überspannt und sie Harmonisch in der Feststunde in den Festgenossen vereinigt, die dieses wunderbare Büchlein in Händen haben und daraus vom Auszug aus Mizrajim erzählen! Von Rabbi Elieser erzählt sie und von Rabbi Jehosch'Ua, von Rabbi Eleasar b'en Asarjah, Rabbi Akiba und Rabba Tarphon, daß sie die ganze Nacht hindurch bis zum Anbruch des Morgens vom Auszuge aus Mizrajim erzählt hätten. Eine Nacht? Tausend und Eine sind für den Stoff zu kurz, der sich seitdem die Jahrtausende hindurch angehäuft hat, und täglich mehr und mehr anschwM! : Wenn unsere fragenden Kinder gleich bei dem ersten Stück der Haggadah bei N'V rwntz rrn Halt machen und sich nach der fteMden Sprache erkundigen, in der es abgefaßt ist, wie könnte ein verständiger Vater die Gelegenheit benützen, ihnen hier eine Antwort zu geben, die weit über die Sederab'ende hinausreichte! „Liebe Kinder!" könnte ein solcher Vater sagen. „Ihr kommt mit Eurer Frage zwei, drei Jahre zu spät! Vor wenigen Jahren war es noch eine fremde Sprache, die Sprache Babels,, in der unser tm* rrvntz rrn zu uns spricht, aber heute ist ja die ganze Welt davon voll! Die alte Haggada schel Peßach ist mit ihrer babylonischen Introduktion ja über Nacht zeitgemäß geworden; das ist unser babylonisches Täfelchen, das aber aus einer Zeit stammt, in der man Bibel und Babel noch nicht als Gegensätze ausspielte, sondern sie als das gerade Gegentheil erkannte und würdigte. Was uns Juden von der nichtjlldischen Welt scheidet, das ist nicht die Bibel, wie sie in unseren heiligen Rollen geschrieben sieht, sondern die Bibel, wie wir sie aus Babel, aus dem Talmud Vabli haben, in der die ganze mündlich überlieferte Thora Gottes niedergelegt ist! In der Zeit, aus welcher unsere Hagüda schel Petzach stammt, war die Wahrheit und Weisheit des Talmud und seine Sprache allen geläufig. Deßhalb beginnt sie mir diesem Sprachidiom und schließt mit derjenigen Sprache, die nach Jahrtausenden heute unsere tägliche Umgangssprache ist, also bei uns die deutsche. Wo sind die Babylonier, die, wie wir, über die ganze. Erde zerstreut, das Fest der FreihÄt feiern? Das Thontäfelchen wäre, bei aller Dechifftirkunft, erst noch zu entdecken, das den Geist des babylonischen Satz-' ch'ens athmeke, das alle Hungernden zu Gast, alle Genossen zum Feste ladet, das dem Raum und der Zeit zum Trotz, schon auf's künftige Jahr für seine Sänger Land und Freiheit rekkamirt, und sie mit solch* unerschütterlichem Vertrauen erfüllt, daß sie ihr Fest mit dem zuversichtlichen Jubelruf schließen: .-acn nwb D'toTO Künftiges Jahr in Jerusalem!" Unsere ganze allermodernste Bibel- und Babel- Litteratur könnte ein solcher Vater als Excurs zur Erklärung des N'w rwnb rrn erledigen, wozu ihm freilich eine Nacht nicht ausreichte. Aber eine zweite brauchte er doch nicht darauf zu verwenden. Wenn mit dem anbrechenden Tage die Schüler kämen und an die jüdische Gotteshukdrgung erinnerten, die in nnnv bv vvV iwip liegt, so bedauerten sie die Zeit und die Aufmerksamkeit, die sie auf diese baylonische Scherbenweisheit verwandten und vertrauten ihrem Nationaldichter, wenn er singt: ytsb dtan bki dVt» *pwi rnivN uw Was hätten Nil und Euphrat Großes auch? Was hält' ihr Wahn, das Urim's Kraft entspricht? Gesalbte, Dichter, Priester und Propheten — Was hätte neben diesen noch Gewicht? O deine Kronen wahren ew'grn GlaiH, Wenn über Götzen flam'mt einst das Gericht, Nach dir sehnt sich selbst Gott — Heil Menschen, euch. Die nkmwer ihr aus Zions Nähe wicht. Heil ihm, der noch erharrt, erlebt die Zeit, JEßo sich durch Nacht drin Klagen strahlend fich't; Wenn die Erleftnen jauchzen auf vor Lust, Der Jugend Goldkranz dir in's Haar sich flicht. Jehuda Halewi. Allotria dieser Art waren es sicher nicht, mit deren Widerlegung und Richtigstellung ein Rabbi Elieser und seinen Genossen die Nacht verbrachten, die der Erzählung des Auszugs aus Mizrajim gewidmet ist. Sie standen gewiß anderen Schwierigkeiten gegenüber, aber es ist und bleibt eine wunderbare Eigentümlichkeit unserer Haggadah. daß sie für alle Erscheinungen der Zeiten durch die Eigenart ihres Inhaltes, seiner Gruppirung und der Sprache Anknüpfungspunkte in ungeahnter Fülle bietet. Bei den nun folgenden Stücken ist in dem ersten Theil dieser