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Der Israelit · 1903-04-06 · Heft 27 (6.4.1903) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 27 (6.4.1903)
Date
1903-04-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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: 611 khrw. Nabb. Dr. Werner: „Eine Wanderung durch die jüdische Geschichte;" 39. Febr.: Bdr. Löwenstein: «Der Hellenismus." In den Fuchsenstunden besprach Bdr. Sichet nächst d2n Tendenzen und der Geschichte des „B. I. C." aktuelle Fragen auf dem Gebiet Mischen Geisteslebens, wie Zionismus, Assimilation, Reformbewegungcn, dann den Antisemitismus und die Rassen- sowie Nationsprobleme, während Bdr. Dr. Kahn sich im Geschichtskurs über die Juden in der neuesten Zeit verbreitete. Unsere Bibliothek, durch liebenswürdige Schenkungen der Herren Dr. Werner, Siegm. Frankel, sowie unseres Hospitanten S. Jonas auf die Höhe von über 80 Bänden gebracht, wurde eifrig benutzt. An den Vortragsabenden des „Vereins für jüd. > Geschichte und Litieratur" nahmen wir regelmässig offiziell theil. — Auf die seit dem vorigen Jahre bestehende Zeitung des „B. I. C." ivaren wir abonnirt und fanden in den mannigfachen Artikeln wissenschaftlichen Inhalts rege Belehrung, Auf dem Schlusskonvent wurden zu provisorischen Chargirten skud. chem. Weiger, Phil. Kirschner, Med. Koschland, in die Ferienkomnrission stud. med. Schweitzer, med. Koschland, phil. Kirschner gewählt.' Briefe sind an cand. Phil. B. Kirschner, Göthestr. 31, zu senden. Zum Schlüsse sprechen wir allen denen unseren warmen Dank aus. die es sich auch im vergangenen Semester haben angesessen sein lassen, unseren Verein durch Vorträge, Tedikationen oder auf sonst einem Wege zu fördern. Rußland. Dnbosary. (Zur B l u t b e s ch u l d i g u n g.3 Der Antisemitismus ist allmählich ein Saisongeschäft geworden! Zwar wird zu allen vier Jahreszeiten in Judenhass gemacht, allein 'im Frühling geht die das ganze Jahr hindurch ausg'estreute Drachensaat auf, und gegen Ostern blüht den Juden bald hier, bald da ein „Blutmärchrn". Kaum ist ein Jahr verflossen, seitdem in Wilna der arme Barbier Blondes von der Beschuldigung. zu rituellen Zwecken gegen sein polnisches Dienstmädchen einen Mordversuch unternommen zu haben, freigesprochen wurde, a'ls in einer anderen Gegend des jüdischen Niederlassungsgebiets. in der im Gouvernement Cherson gelegenen Stadt Dubosarv gegen die Juden schon eine neue Blutanklaae erhoben wurde. In dieser zum überwiegenden Theil von Juden bewohnten Stadt ist nämlich am 16. Februar der 17jährige Bauernsohn Ribalenko in einem der zahlreichen, am Dnjester gelegneen Gärten todt aufgefunden worden. Eine.nähere Besichtigung ergab, dass unzweifelhaft ein Mord vorlag. und dass Ribalenko mit einer scharfen Stichwaffe, anscheinend einer Heugabel, mehrere tödtliche Wunden beigebracht wurden. Trotzdem kein „Schächtcrschnitt" vorlag. verbreitet sich doch bald das Gerücht, die Juden haben den Nibalei^lo zu rituellen Zwecken ermordet, und die antisemitische Presse Ruß> lands beeilte sich, durch ungeheure U'ebertreibungen und gewissenlose Entstellungen der Thatsachen, den Mord zu einem sensationellen Blutmarchen zu gestalten. So belichtet die „Nowoje Wremja", dem Ermordeten feien 17 Dolchstiche bekgebracht worden, und „Swjet" beeilte sich, seinerseits, die 17 Dolchstiche auf 36 zu steigern, während endlich der südruffische „Bessarabetz" geheimnißvoll berichtet, daß die Leiche, der sämmtliche Qeffnungen am Kopfe (wie Rase, Mund, Ohren und Augen) zngenäht wurden, nur „feine Dolchstiche in den Venen" aufzuwrisen hatte. Man sieht, die Antisemiten sind an der Arbeit, diese etwas ungewöhnliche Mordaffaire, da sie sich nicht sofort ans das durchaus klare Motiv des Raubes zurückführen läßt, „den Juden" in die Schuhe zu schieben. Glücklicherweise sind die durch die glänzende Freisprechung Blondes von ihrem Blutabcrglauben gründlich kurirten russischen Behörden diesmal vollständig auf Seite der Juden. Die Leiche würde ärztlich untersucht. und nach Aufnahme Mes amtlichen Protokolls beerdigt. Gleichzeitig erklärte der Landrath von Jiraspol, sowie der Gouverneur von Cherson, Lewa« schew, einer jüdischen Deputation, daß die Behörden die Juden mit allen ihnen zu Gebote stehenden staatlichen Mitteln gegen Pöbelexcesse schützen werden. Auf eine Denunziation gegen die Polizei, „wonach diese bemüht sei. die Spuren des Mordes zu verwischen, und daher die Leiche ohne vorhergegangene Sektion beerdigen ließ, kam am 2. März Staatsanwaltsgehilfe Sacharewitsch in Begleitung eines Firaspoler Arztes auS Odessa herüber und ließ die Leiche exhumiren und nochmals seziren. Die Exhumirung ergab, daß die Denunziation ebenso böswillig wie falsch war, worauf gegen den Denunzianten Anklage wegen Beamtenbeleidigung erhoben wurde. Die Sache nimmt den gleichen Verlauf. wie in Könitz. Inzwischen sind Polizei und Gericht in fieberhafter Thätigkeit, um den lvirklichen Mörder zu eruiren; man ist aber einstwerten über einen gewissen Verdacht nicht hinausgekom'men. Man vermuthet. daß Ribalenko. der ein reicher Erbe und seinen Angehörigen bei der bevorstehenden Erbfchastsregulirung sehr im Wege war, von diesen beseitigt worden ist. Um aber den Verdacht von sich abznlenken und die Untersuchung auf eine Weit abgelegene Fährte zu bringen, haben sie die Leiche in die Nähe von Dubofary gebracht, und der Affaire den Anstrich eines Blutmordes verliehen. Leider will es scheinen, als wenn der auf den Judenhaß und die Dummheit der abergläubigen Volks- Massen spclulirende Tric gelingen und der wirkliche Mörder dem strafenden Arm der Gerechtigkeit entschlüpfen dürfte. Die Beispiele von Xanten. Könitz und Polna beweisen, daß ein Mörder nur den Verdacht auf die jüdische Gesammtheit zu lenken braucht, um für

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