Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 103-104 (29.12.1904)
- Date
- 1904-12-29
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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1 2229 nellen Bemerkungen und anregenden Einfällen, welche seinen neuen Schüler in helle Begeisterung versetzten. Er war der e i n z i g e wirkliche L e h r e r. von dem Grätz' autodidaktische Natur wissenschaftlicheJmpulse empfing, ja vielleicht der e i n z i g e Mann, der auf diesen spröden, selbstständigen Charakter eine nachhaltige Einwirkung geübt, insoweit die starke Eigenart seines Wesens es eben zuließ. Bei seinem Eintreffen in Oldenburg wurde der Ankömmling sehr wohlwollend empfangen und sogleich in dessen Haus installirt, wo er fortab Wohnung und Verpflegung erhält. Gleich am anderen Tage wird der Unterricht begonnen. Sie beschäftigen sich des Vormittags mit dem Talmud, am späten Nachmittag mit den Psalmen, und der Jünger fühlt stch von dem Geist und der durchdringenden Methode, mit der die Exegese dieser Schriftwerke behandelt wurde, wunderbar angezogen und angeregt, geradezu gehoben. Es kommt nun Plan und Ordnung und Zusammenhang in seine Kenntnisse. Hirsch nimmt sich seines Schützlings wahrhaft väterlich an, er bemüht sich, seinen Geist zu discipliniren, seine sittliche und religiöse Kraft zu festigen; dabei hütet er sich, als wenn ihm selbst schon eine Ahnung von der ungewöhnlichen Kraft und Begabung dieses nach Wissen und Belehrung lechzenden Jünglings aufgegangen wäre, ihn von oben herab zu schulmeistern, er behandelte ihn stets als einen bei allem Abstand doch ebenbürtigen Jünger. Mag auch die Wirkung der Jahre dazu beigetragen haben, Gräh reiste sichtlich unter derLeitung dieses Meisters, der an ihm seinen ersten Schüler gefunden. Die Verwendung, die er im Hause seines Lehrers fand, war hauptsächlich das Amt eines Famulus. Er begleitet den Landrabbiner auf seinen Inspektionsreisen, wobei sie sich die Stunden unterwegs mit Erörterungen über talmudische und biblische Gegenstände verkürzen. Er sieht mit ihm die letzten Abschnitte der „Horeb" durch, hilft ihm bei diesem Buche die Korrektur der letzten Vogen besorgen, von dem der Jünger ganz entzückt und ergriffen wird und dgl. m. Welche vorthkilhafte Meinung muß der rigorose Landrabbiner von seinem Famulus gehabt haben, wenn er zur Herstellung seiner geschwächten Gesundheit ein Bad aufsuchend, demselben die Befugniß . ertheilte, während seiner Abwesenheit in religionsgesetzlichen Fragen (mtzrw) zu entscheiden!**) Unser Faniulns verfährt auch dabei so gewissenhaft, daß die übernommene Verantwortlichkeit ihn drückt, und er gesteht, wie er sich das Treffen konkreter Entscheidung viel leichter vorgestellt habe. Seine Stimmung lodert fast schwärmerisch auf, als ihm von Hirsch das folgende liebevolle Schreiben zukommt: „Mein lieber Gräh! .Ich bin Ihnen noch herzlichen Dank für Ihre freundlichen Zeilen schuldig. Es **) Wie gering muß die Meinung sein, die verr Lloch von Grütz hat. wenn er sich darüber wundert! freut!nich, daß Sie fleißig sind und auch daß Sie ineine Stunden so hübsch wahrnehmen. Lernen S i e nur brav, denn i ch werde bald alles Lernen verlernt haben und ganz buchstäblich wieder zu lernen beginnen müssen. Ich habe Sie vor rneiner Abreise noch auf etwas aufmerksam machen wollen, was ich jetzt nachholen will. Ich habe Sie häufig in Bayle lesen gesehen. Es ist das ein Schatz von Gelehrsamkeit und viel daraus zu lernen. Aber der Mann hat sich Pikirt, besonders my nr hervorzuheben; dergleichen ist nvv und nevs. Verweilen Sie bei dergleichen nicht und lesen Sie es nicht, es nützt nicht und schadet; lesen Sie nur das rein Wissenschaftliche. Befolgen Sie meinen Rath" u. s. w. Solche freundschaftliche, taktvolle Form der Unterweisung, welche des Schülers Art gewähren ließ, wie Hirsch sich ihrer stets bediente, entflammte immer auf's neue den Enthusiasmus von Orätz. Und diese enthusiastische Anhänglichkeit an den Meister erlischt ' keineswegs durch den täglichen und vertrauten Verkehr mit ihm, trotz der kritisch veranlagten, dabei sanguinischen Gemüthsart des Jüngers, auch alsdann nicht, da er nicht mehr im Zweifel sein kann, daß ^r seinem Ideal an historischer Vertiefung, an wissenschaftlichem oder vielmehr philologischem Blick gebricht.*) (Fortsetzung folgt.) Die (Lhanukafeier der Talmud-Thoraschule zu Leipzig. Wieder war Chanuka, das liebliche Fest gekommen, wieder erstrahlten in allen jüdischen Häusern die traulichen Lichtlein von dem Chanukaleuchter herab auf das endlose Getriebe, auf das Thun und Lassen der Menschen. Beim Anblick dieser vielsagenden Lichtlein, fühlt sich jeder denkende Jude zurückversetzt in die Zeit, da sein Volk weit über alle Völker herausragte; vor seinem geistigen Auge entrollt sich die Geschichte seines Volkes; er sieht einen dunklen Blutstrom, der sich träge durch Juda wälzt, denkt dann aber stolz an die Hasmonäer, an Makkabß denkt an dessen Heldenthaten und liest er dann von den Wundern des, der oben thront, der die Leiden seines Volkes sieht, dann fühlt er stch stark und frei und hofft, einst zurückzukehren in's Land seiner Sehnsucht, in's Land, wo die Asche seiner Ahnen ruht, wo die schnelle Jordanswelle tränkt den Boden, auf dem die Väter kämpften und starben; er hofft zurückzukehren an die lieblichen Gestade des Mittelmeeres, in die Wälder der Cedern und Cypressen. Solche Gedanken beschäftigen den frommen, den denkenden Juden, wenn er die Menauro erstrahlen steht.. Aber wie viele unserer Glaubensgenossen gibt es, die noch nie die Kerzen des Chanukaleuchters entzündet haben, die das herrliche Chanukafest nicht kennen! •) VergI. Note U