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Der Israelit · 1904-12-29 · Heft 103-104 (29.12.1904) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 103-104 (29.12.1904)
Date
1904-12-29
Page
– (sequence 17)
Language
German
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45. Zaörgaag. weite Deik, zu M103 & 104 des „KsmeKt, Hirsch und Grätz. Zum JahrzettSiage von Samson Raphael Hirsch am 27. TeweS. I. Dieses Thema wurde schon einmal an dieser Stelle behandelt (Jahrgang XXXI Nr. 7), aber es ist ungemein vielseitig und regt immer zu neuen Betrachtungen und Vergleichungen an. Damals handelte es sich um eine Würdigung der vernichtenden Kritik, welche das Grätz'sche Geschichtswerk durch Hirsch erfahren hat: also um Hirsch's Urtheil über Grätz. Der Gegenstand der heutigen Betrachtung ist das Urtheil von Grätz über Hirsch. Man rann das geniale Verdikt, in dem Hirsch den Stab über Grätz' Geschichtsmacherei bricht, lesen und wieder lesen ohne auch nur im entferntesten auf den Gedanken zu kommen, daß die beiden Männer sich je persönlich irgendwie nahe standen. Das Attentat auf die verleyie historische Wahrheit nimmt den Richter so ausschließlich in Anspruch, daß die Person des Gerichteten ganz in den Hintergrund tritt und mit keinem Sterbenswörtchen erwähnt wird. Wie hätte Hirsch die Anwürfe und Verdächtigungen, die ihm diese freimütbige Kritik eingebracht hat, so leichter Hand zurückweisen können, wenn er nur ein Wort über das persönliche Verhältniß verloren hätte, in dem er zu Grätz stand, daß es das des Lehrers zum Schüler, des Gönners zum Schützling war, daß es also nicht wohl Mißgunst und Scheelsucht sein könne, was ihn zu seinem flammenden Protest bestimmt hat. Hirsch hat dieses Wort niemals gesprochen. Seine vornehme Natur bat ihn gewiß vor jeder Versuchung dazu geschützt. Nur wenige, den beiden Männern näher stehende wissen von dem Bande, das sie verband und auch unter denjenigen, die davon wissen, sind nur wenige, welche die Entstehung und die Innigkeit dieser Beziehungen so in allen Details kennen, wie sie uns eine Broschüre enthüllt, die vor wenigen Monaten erschienen ist. Sie führte den Titel: Heinrich Graetz, Ein Lebens- und Zeitbild von Philipp Bloch. - Es wird uns hier in sehr ansprechender Weise der ganze Werdegang van Graetz besonders eingehend geschildert. wie auch der nachhaltige Eindruck, den Hirsch .auf Grätz übte. Grätz war Autodidakt und der einzige Lehrer, den er überhaupt hatte, war Hirsch, obwohl der Meister nur sieben Jahre älter als der Jünger war. An der Hand von Tagebüchern, die Grätz geführt hat. und sonstigem Material, das dem Verfasser von der Familie und anderen Seiten zur Verfügung stand, ermöglicht die Darstellung einen Blick in die Seelenkämpfe des neunzehnjährigen Jünglings. Hirsch's Neunzehn Briefe waren der erste Faden in dem Bande, das die beiden Männer zusammenführte und immer inniger verband. Die Bloch'sche Broschüre sagt darüber: v *-Da trat ein scheinbar geringfügiges Ereigniß ein, welches den heftigen Sturm in seinem Innern beschwichtigte, das zwischen bedenklichen Klippen auf und nieder schwankende Schifflein seines Geistes flott machte und in günstiges Fahrwasser trieb, es war dies die Wirkung eines Büchelchens, das unter dem Titel "psx rm. Neunzehn Briefe über Judenthum, herausgegeben von Ben Usiel, eben damals erschienen war. „Auf religiösem Gebiet hatten bislang die Männer der Reformpartei, welche die religiösen Gepflogenheiten und die herkömmlichen Satzungen des traditionellen Judenthums als mit dem modernen Leben unvereinbar umgestalten und beseitigen wollten, das litterarische Feld beherrscht, das nachwachsende Geschlecht immer stärker zu sich herübergezogen und waren in ihrem Bestreben, die religiösen Besonderheiten möglichst zu verwischen, immer kühner und stürmischer vorgegangen. Dagegen hatte ursprünglich die Gegenpartei, welche den alten Glauben und Brauch der Väter unversehrt erhalten wollte, an die veränderten Zeitverhaltniffe jedes Zugeständniß verweigert, ja nicht einmal. dafür gesorgt, sich mit modernen Waffen für die Ab-, wehr zu versehen, und als die Bewegung immer drohender anschwoll, stand sie rathlos und unbeholfen da; weltfremd auf dem Gesellschaftsboden des Ghetto's ruhend, eingesponnen in den talmudischen Gedankenkreis, erwies sie sich außer Stande, dem Gegner einen wirkungsvollen Wortführer oder Regenerator entgegen zu stellen. Was sie so lange schmerzlich vermißte, das schien nun mit einem Male in einem jungen Theologen erstanden zu sein. Samson R a p h a e l H i r s ch, Rabbiner zu Oldenburg, war in der genannten Schrift „Neunzehn Briefe" gewandt, beredt und tapfer für die volle Geltung sämmtlicher Religionsgesehe eingetreten und verhieß, die alten Religionsgesehe mit * neuem Geist zu beleben. Schon durch die Kühnheit, einen solchen Standpunkt mit allen seinen Kon* sequenzen unumwunden zu vertreten, wirkte diese Sckirift in jüdischen Kreisen geradezu als ein sensationelles Ereigniß; in Grätz' nach einem Halt suchrndes Gemiith fiel sie wie ein Lichtstrahl, um ihn die Spur erkennen zu lassen, der folgender seine Ideale finden sollte. Er selbst berichtet: -

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