Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 103-104 (29.12.1904)
- Date
- 1904-12-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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2213 Trenn llkg der Kirche vom Staate vor; der bereits einer Kommission vorliegende Gesetzentwurf, welcher natürlich den Juden ebenso wie anderen religiösen Gemeinschaften die Bildung von Gemeinden und Gemeindeverbänden gestattet, wird das Juden- ' thuni in Frankreich wahrlich nicht vernichten oder schädigen, zumal in der Verwaltung die gegenwärtige französische Regierung keine religiöse Unterschiede . kennt. Allerdings fehlt es nicht an gelegentlichen antisemitischen Unterströmungen, namentlich im Heere, wie die letzten Kammerdebatten bewiesen haben, welche zunr Sturze des bisherigen Kriegsministers Andr<* führten. 'Glücklicherweise haben aber die Nationalisten trotz .hoher Unterstützung einstweilen wenig Aussichten, mit /ihrem Staatsstreiche durchzudringen. Wie bei den antisemitischen Führern in anderen Ländern geht es auch hier: diese meist brüchigen, minderwerthigen Existenzen verschwinden, nachdem ihre Fäulniß eine Weile geleuchtet, doch wieder bald aus der Oeffentlichteit. Sind doch bei den städtischen Wahlen in Paris im vergangenen Frühjahr als Stadträthe vielfach Juden gewählt worden, welche an die Stelle dieser Auf- . ruhrer traten. Wenn auch der frühere Kricgsminifier ^Inbrf* öffentlich noch vor Kurzem in der Kammer aus : die Schwierigkeiten hinwies, welche einzelne klerikal ' verseuchte Regimenter den jüdischen Offizieren in der Praxis bereiten, so ist doch das Grundgesetz der Gleichberechtigung im französischen Heere streng durchgeführt. So wurde auch im verflossenen Jahre wieder ein Jude Divisionsgeneral, — es ist dieses der böchste Rang, den es überhaupt in der Armee der Republil , gibt und dieser Fall, daß ein Jude diese unserem Generallieutenant gleichstehende Position erlangt, ist der siebente seit dem Bestehen der Republik. In Holland ist ein hervorragender Glaubensgenosse, Asser, der sich in einem Schreiben an ein jüdisches Blatt stolz zum Judenthum bekennt, Justizminister geworden, in diesem Lande der Glaubensfreiheit bereits der zweite Fall. dah..cin. Lude dieses, wohl einflußreichste aller hohen Staatsämter bekleidet. Auch in Belgien konnten die dort stetig an Zahl zunehmenden Juden mit dem abgelaufenen Jahre zufrieden sein. In A n t w e r p e n hat die jüdische Gemeinde einen eigenen Großrabbiner erhalten wegen ihrer starken Vergrößerung, ebenso wie das bereits in der Gemeinde Brüssel der Fall war. Diese beiden Großrabbiner werden' theilweise vom Staate besoldet. Zum fünften Male Minister geworden ist im letzten Jahre ein Jude in Italien. Luigi Luzzatti, der sich anläßlich des Babel-Bibelstreites auf einer Konferenz in Rom begeistert als religiöser Jude bekannt hat. Er hat durch den Abschluß der Handels- ' Verträge sich kürzlich den Dank aller Freunde des freien Verkehrs erworben, sich aber gleichzeitig dadurch den Haß der apulischen Weinbauer zugezogen, die bereits offen zu meutern. begonnen haben. Allein Viktor Emanuel ll., der König von Italien, läßt sich durch dergleichen nicht einschüchtern, wie er dennauch kurz nach dem gescheiterten Generalstreik seine Liebe zur Freiheit wieder öffentlich bekannt hat. Mit dem von dem Könige kürzlich neu zum Senator ernannten Baron Treves dei Bonsili in Mailand zählt der italienische Senat jetzt neun israelitische Mitglieder. Leider ist uns durch den Tod im vergangenen Jahr der Kriegsminister Ottolenghi entrissen worden. Es war gewiß der erste Fall, daß ein jüdischer Kriegsminister frpmm in seinen Tallis gehüllt, öfters eine Synagoge besuchte, wie es Ottolenghi in Turin gethan hat. Die Juden ln Italien, die nur Dreizehntel Prozent der italienischen Bevölkerung bilden, können auch in Industrie, Handel, Kunst und Wissenschaft mit der von ihnen errungenen Stellung zufrieden sein. Bon hellem Lichte gelangen wir zu tiefem Schatten, wenn wir uns nunmehr der Lage der Juden in Rußland im abgelaufenen Jahre zuwenden. Erlasse. wie vie Verordnung, welche jüdischen Kranken verbot, die Kliniken berühmter Spezialärzte in Moskau aufzusuchen, weil das Betreten der heiligen Kremelstadt den Juden untersagt sei, sprechen jeder Kultur geradezu Hohn, ebenso wie das erneuerte Verbot, die Seebäder in den Ostseeprovinzen, die Sommerfrischen in Finnland, die klimatischen Kurorte im Kaukasus und am Südufer der Krim zu besuchen. Und das geschieht in einer Zeit, in der tausende von jüdischen Aerzten in der ebenfalls vor Jahresfrist, vor dem Kriege, den Juden als Aufenthalt verbotenen Mandschurei ihr Leben und ihre Gesundheit opfern, in der über 50,000 jüdische Soldaten für die Fahnen Rußlands im fernen Osten kämpfen und bluten, in einer Zeit, in der die Juden voran Geld und Liebesgaben in Mengen für ihre Landesgenoffen gerne hergeben. Allerdings Herr von Plehwe, der allmächtige Minister -des Innern, der den Zaren^dahimLLlagrL^haützÄ)aß nur die Huden in Rußland unruhig Ivären, er ist nicht mehr, und an seiner Stelle ist unter Swiatopvlk- Mirski eine mächtig auf Erlangung verfassungsmäßiger Rechte und der Glaubensfreiheit gerichtete Be, wegung im Lande erstanden. Aber auch diese Konstellation hat sich, nach den jüngsten Ministerkonseils unter Vorsitz des Zaren als eitle Fata Morgan« erwiesen. da der friedliebende Präsident des Ministerkomitees Witte dem Judenhaffer Pobjedenoszew unterlegen ist. Es zeigt sich jetzt bereits, daß es leerer Optimismus wäre, von dem jetzigen Minister des Innern die Durchführung eines Systemwechsels und damit eine Besserung der Lage von fünf Millionen Juden ernstlich noch zu erwarten. Diesem heutigen offiziellen Rußland gegenüber hat auch der bekannte jüdische OMmismus seine Grenzen*). Dauert der