Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 103-104 (29.12.1904)
- Date
- 1904-12-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450079--62083-2524825- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2212 . ' j. . r,, j.v. > Juden den Zutritt zu den militärischen Befehlsstellen verschlössen. Hoffentlich werden, da die Juden in anderen Ländern selbst zu dem Posten des Kriegsministers und zu den höchsten Kommandostellen sich geeignet erwiesen haben, den schönen Worten auch bei uns in Deutschland bald die entsprechenden Thaten folgen! Allerdings gibt es in wenigen Ländern eine solche antisemitische Meute, die ähnlich wie hier zu Lande bei der (übrigens nicht perfekt gewordenen) Kunde von der Berufung eines Juden in das Herrenhaus ein wahres Wuthgeheul ausstoßen würde. Die Antisemiten suchten allerdings vielleicht hierbei ihrem Aerger über die Verleihung einer sehr hohen kaiserlichen Auszeichnung an den ehrenamtlichen Vorsitzenden des Hilfsvereins der deutschen Juden Luft zu machen. Aus den Einzellandtagen ist innerhalb des abgelaufenen Jahres wenig hierher Gehöriges zu berichten gewesen. -Erfreulich indetz war die Wahl von drei Israeliten in den Landtag von Sachsen-Meiningen. In einem io kleinen Lande sehen sich die Wähler sicher die Männer genau an. denen sie dieses höchste Zeichen ihres Vertrauens geben. Im Königreich Sachsen sind die früher nur als Vereine geduldeten jüdischen Gemeinden jetzt rechtlich anerkannt worden. Ebenso wie der in diesem Jahre verstorbene König Georg von Sachsen hat sein Sohn und Nachfolger versprochen, die Rechte unserer Glaubensgenoffen zu schützen >;rl. zu achten. Hoffentlich erleben wir noch die Absch -'jung der veralteten Bestimmung, wonach in Sachsen kein Jude ein Staatsamt bekleiden darf, eine Bestintmung, welche die sächsische Landesuniversität Leipzig seiner Zeit des tüchtigen Professors der Pathologie, unseres im letzten Jahre verstorbenen Glaubensgenossen. Prof. Weigert, beraubte. Wahrscheinlich wird es noch während der jetzigen Tagung des preußischen Landtags eine Debatte wegen der' jüdischen Professoren geben. Nur Kräfte allerersten Ranges, wie Traube und sein. SchÄlev/'Pi'öfesso^ Senator, der jüngst seinen 70. Geburtstag. unter Theilnahme der höchsten Staatsbeamten feierte, gelangten früher , noch als Juden zu ordentlichen Professuren. Neuerdings kommt aber, in Preußen wenigstens, auch kein Jude mehr in eine außerordentliche Professur. Man speist selbst hervorragende Mediziner mit dem bloßen Titel eines Professors ab, der jetzt in Preußen allen Gnmnasiallehrern der Reihe nach und sonst auch in so großer Zahl verlieben wird, daß er jede Bedeutung verloren hat. So kann es kommen, daß Männer, wie unser Glaubensgenosse Professor Mendel, der in seinem Fache einen Weltruf genießt, der Kliniker Fränkel, der Neurologe Oppenheimer (beide Letztere haben deshalb ihre Professur niedergelegt) noch heute keine staatsamtliche Professur erlangt haben, während 'christliche Gelehrte von geringerer Bedeutung ihnen vorgezogen wurden. Das heißt doch auf die Taufe geradezu eine Prämie setzen! Es bleibt also für den Kampf um unsere^ wirkliche verfassungsmäßige. Gleichberechtigung auch im neuen Jahre für uns noch genug zu thun Übrig." Ein wenig besser steht es im Königreich Bayern, wo kürzlich erst wieder einige Juden zu Offizieren ernannt wurden. Selbst in dem antisemitischen und klerikalen Strömungen immer mehr ausgelieferten Oesterreich sind kürzlich trotz des Gezeters der „Allteutschen" und Christlich-Sozialen ein Jude zum General-Schiffbauingenieur und ein anderer Glaubensgenosse zum Generalmajor der Infanterie befördert worden. Letzterem wurde auch der Adel verliehen. Ob noch ein anderer Kaiser so viel jüdische Nobilitirungen jemals vornehmen wird, wie Kaiser Franz Joseph, der sogar einem jüdischen Schauspieler, allerdings einem hervorragenden Künstler, wie Leopold Sonnenthal, mit dem Orden der eisernen Krone den Adel verlieh, muß die Zukunft lehren. Unter großen Ehrungen hat Leopold von Sonnenthal, ursprünglich ein armer jüdischer Schneider, jüngst in Wien seinen 70. Geburtstag gefeiert. Die zahlreichen, ihm von der Elite der Bürgerschaft dargebrachten Ovationen zeigen, daß des antssemitischen Bürgermeisters Lueger Macht, trotz der christlich-sozialen Protektion, noch ihre Grenze findet. Allerdings ist es auch nur in Wien möglich, daß ein Oberbürgermeister zu Weihnachten öffentlich die Parole ansgeben darf: „Kauft nicht bei Juden!" Im vergangenen Jahre verstarb in Wien Theodor Herzl, ein begeisterter Jude, der unerschrocken ..vor Fürsten und Völkern" die Rechte seiner Brüder vertrat und dessen hinterlassene Tagebücher Einblick in die wichtigen Unterredungen gewähren, die er mit Herrschern und Staatsmännern über jüdische Kolonisation gepflogen hat. Der Zionismus hat sicher das eine Verdienst, die Juden wieder für den Ackerbau, namentlich für den so hoffnungsvollen, ertragsreichen PUnbau in Palästina mehr intereffirt zu haben: leider hatte gerade die für die Hebung der 'Industrie in Palästina thätige Partei innerhalb der Zionisten im letzten Jahre außer dem Verluste Herzl's noch den Tod des unermüdlichen Willi Bambus zu beklagen. der auch den „Hilfsverein der deutschen Juden" wesentlich gefördert hat. Hoffentlich wird es auch im j neuen Jahre nicht an Männern fehlen, die. wie dir hier Genannten, mit Zurückstellung ihrer eigenen Interessen für die immer neu sich darbietenden zahlreichen Auf- | gaben der jüdischen Gesammtheit sich opfern wollen und , die zugleich die hierfür nothwendige. fast universelle . Befähigung besitzen. So lange noch so viele energische . und geistig hervorragende Männer diesen Aufgaben . ihre Kraft aus freiem Antriebe widmen, braucht das Judenthum nicht, wir andere religiöse Gemeinschaften., an die Staatsbilfe zu appelliren. Bereites sich doch jetzt gerade in Frankreich, wo die Juden ihre bisher vom Staate besoldeten Konsistorien haben, die