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Der Israelit · 1904-12-22 · Heft 101-102 (22.12.1904) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 101-102 (22.12.1904)
Date
1904-12-22
Page
– (sequence 20)
Language
German
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alte Frau saß da wie angewurzelt, saß und hörte wie gebannt auf die unbarmherzige Stimme der Besucherin: „Ich begreife Dich nicht, Else/ sagte sie jetzt eben wieder, „wie kannst Du Dir das bieten lassen? Das sollte mein Mann wagen! So um den Ehekontrakt herum die Mutier in's Haus einschmuggeln! Liebliche Sache, in der That! Wenn Deine Mutter noch lebte, sie hätte es sicher nicht geduldet! Hast Du denn so wenig Einfluß auf Deinen Mann?" „Aber Lotte/ erwiderte Frau Else, es klang gedämpfter, ruhiger, „Du urtheilst einseitig. Deine Schwiegermutter lebt in der Stadt, ist reich und führt ihr eigenes Haus. Die meinige aber steht allein und hat ihrem Sobne," meinem lieben Mann, große Opfer gebracht. Er liebt sie über alles, sie ist ja auch ein gutes, altes Frauchen .. / Das Weitere blieb unverständlich für das Ohr der alten Frau. Dann sagte die Cousine wieder laut und rücksichtslos: „Aber ich bitte Dich, Du Närrchen, wozu gibt es denn Altersheime?" „Aber Lotte/ unterbrach die junge Frau sie entrüstet, „es ist doch die Mutter meines Mannes, der ' er alles verdankt, nicht nur das Leben. Geht Dir denn jedes Gefühl ab, und hast Du vergessen: Ehre Vater und Mutter, auf daß es Dir wohl ergehe und Du lange lebest auf Erden/ „Mir wäre es egal/ meinte die andere wieder kühl, „zuerst käme meine persönliche Behaglichkeit in Betracht. Fühlst Du Dich denn so frei und gemüthlich, wie vorher in Deiner Behausung?*' Eine kleine Pause. Dann sagte Frau Else langsam: „Und wenn dem wirklich nicht so wäre, es ließe sich nichts andern, es ist doch seine Mutter!" Die alte Frau saß bleich und fassungslos da. Wie das alles auf sie einstürmte, es ergriff sie bis in's Innerste! Wenn doch ihr Mann noch lebte, wenn sie zu ihm hätte flüchten dürfen mit ihrem Kummer, ihren Schmerzen! Mühsam erhöhe sie sich endlich. Nun durste man sie erst recht nicht sehen. Ihr Sohn sollte nicht die leiseste Nbnung haben.... Leise, mit wankenden Knieen verließ sie da? Zimmer. Sie zürnte der Schwiegertochter nicht einmal, wie hätte sie auch? Es war nichts ausgesprochen worden von ihrer Seite, was sie verleben konnte! Nur der Zweifel blieb, der Zweifel. „Und wenn dem wirklich nicht so wäre'" Diese Worte hallten ihr in den Ohren unaufbörlich. Sie war wohl doch eine Last im jungen Haushalt ihres Sohnes. Und sie wollte gehen, es mußte sich ein Ausweg finden, ohne daß Sohn und Schwiegertochter ahnten, weshalb sie ging. Nein, nein, sie wollte kein Störenfried im Hause ihres Sohnes sein, den sie über alles liebte. Er sollte weiter in Frieden und Glück leben, wie bisher. Eine Mutter wird doch ihrem Kinde das Glück nicht rauben! - ' Lange saß sie dann in ihrem Zimmer in tiefe Gedonken. versunken, ohne doch zu einem Entschluß zu kommen. Endlich aber hatt? sie die Lösung gefunden. So würde es gehen, und dieser Grund mußte auch ihrem Sohne einleuchten und ihn die wahre Ursache nicht, entdecken lassen. Sie besaß eine entfernte Verwandte in einer naheliegenden Stadt, es war die einzige, die sie in dieser Gegend hatte. Die wollte sie besuchen und vielleicht ganz dort bleiben. Eine bessere Gelegenheit, das Haus zu verlassen, ohne daß es auffiel, bot sich so leicht nicht wieder. Das Ereigniß, von dem sie Besserung erhofft, auf das sie sich gefreut aus Herzensgrund, das mußte nun als Vorwand dienen, ihr Fortgehen erleichtern. Ja, das konnte ihrem Sohne nicht auffallen. Sie wollte ihm vorstellen, daß der Trubel, der in der nächsten Zeit das Haus hier füllen würde mit Freude und Unruhe, ihr zuviel sein werde, sie fühle sich noch nicht stark genug nach all den Aufregungen der letzten Zeit. .... Und Abends, als er aus seinem Bureau nach Hause kam, ließ sie ihn zu sich in ihr Stübchen bitten. Sie stellte ihm alles in der größten Ruhe vor. die Gründe, welche sie nöthigten. für einige Zeit das Haus zu verlassen. Und sie sagte das alles in scherzender, fröhlicher Weise, obgleich das Herz ihr schwer in der Brust war. ohne daß auch nur ein Schatten des Vorwurfes auf irgend jemand fallen konnte. Aber ihr Sohn wurde doch sehr ernst. Er nahm es nicht so leicht und einfach hin. Er blickte seine Mutter lange an. Es war ein Blick, der sie bis in's Herz traf, ein Blick voller Wehmuth, eine durchdringende. bange Frage. Fast schmerzlich war der Ton seiner Stimme, als er fragte: „Mütterchen, ist es nur ^das? Wirklich nur das? Sag es mir offen? Du fühlst Dich nicht wohl, nicht heimisch im Hause Deines einzigen Kindes!" Und sie: „Ich komme wieder. Mar. gewiß, ich komme wieder, laß mich jetzt fort, mein Sohn!" Und sie bestand so fest auf ihrem Vorhaben, er mußte sie schweren Herzens ziehen lassen. Aber jede Woche, zwei dreimal. so oft seine Zeit es nur eben erlaubte. besuchte er seine Mutter. Frau Else saß nun oft allein, und da sie auch nicht mehr viel ausging unter Menschen, in Gesellschaft, so hatte sie Muße, über mancherlei nachzudenken. Und zuweilen kam ganz heimlich der Gedanke, wenn ihr Mann in die Nachbarstadt zur Mutter gefahren war. eigentlich ist es doch schade, daß das alte Frauchen fort ist. sie war doch die uächste. mit der Du hättest über all Deine Hoffnungen, die frohen und trüben Gedanken, plaudern können. Sie bätte dich besser verstanden, als die moderne, aber oberflächliche Coussne Lotte, die für nichts Sinn hat. als für Gesellschaften und Toiletten und mit der sie seit jenem Tage vermieden hatte, oft zusammenzukommen. Und manchmal war sie recht trübe, gestimmt. Dann eines Tages lag in dem spitzen verhangenen Himmelbett eine junge, strahlende Mutter, noch schwach

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