Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 101-102 (22.12.1904)
- Date
- 1904-12-22
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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ohne Schaden zu nehmen, mitgemacht, ließ sie nicht aus den Händen. Vorsichtig balancirte sie es an. dem verwundert dreinschauenden Portier vorüber. Am Arm ihres Sohnes, der sie sorgsam führte, schritt sie langsam die weiße, mit rothen Plüschläufern belegte Marmortreppe hinauf. Aber sie zeigte nicht sehr viel Auf- - merklamkeit für die fremde, prächtige Umgebung, ihr Herz war noch zu sehr erfüllt von dem.schweren Verlust, den sie erlitten. Oben 'öffnete ein Mädchen in hellem Kleid mit blendendweißer Spitzenkrause im Haar. Sie sah verwundert auf die kleine, alte, leichtgebeugte Frau. Dann trat sie diensteifrig zur Seite. In diesem Augenblick kam aus einer der Thüren eine hübsche junge Frau mit klugem, feinen Gesicht und dunklen, mandelförmig geschnittenen Augen. Sie trug ein wallendes, loses Gewand. Der alten Frau dünkte diese schöne, jugendliche Erscheinung wie ein geschautes, herrliches Bild. Mar das ihre Schwiegertochter, ihres Sohnes Frau? So sein und jung hatte sie sich dieselbe nicht vorgestellt, ihre kühnsten Erwartungen waren Lbertroffen. Die junge Frau bot ihrem Manne zärtlich den Mund zum Kusse. Dann flog ein Blick zu der alten Frau hinüber. Nur für die Dauer einer Sekunde zuckte es wie lebhaftes Erstaunen über das hübsche Gesicht. Aber sie faßte sich rasch und reichte der alten Frau beide Hände zum Willkommen. Nun endlich konnte das Mütterchen sich des Korbes mit feinem Inhalt entledigen. Und sie that es mit großer Vorsicht und Umständlichkeit. Dann saßen alle drei um den prächtig gedeckten Tisch. Das hellgekleidete Mädchen ging ein und aus. servirte und verschwand wieder. Auf dem hochlehnigen Eichensiuhl saß die alte Frau und blickte unverwandt in das Gesicht ihres Sohnes, der neben seiner Frau saß. Jetzt erst empfand sie es so reckt, kam ihr zum Bewußtsein, was aus ihm geworden. Menn das der Vater erlebt, dieses Heim gesehen hätte, und vor Allem diese schöne, junge Frau! Ob er auch so glücklich war. ihr Sohn? Sie glaubte es bestimmt. Sie hätte es sicher gefühlt, ihm angesehen, wenn es nicht der Fall gewesen? Mutteraugen sehen scharf, durch allen Glanz und Prunk hindurch, mitten in's Herz hinein .... Mit leiser Hand fuhr die alte Frau über das feine, glänzende Damastgewebe des Tischtuches. dann gingen ihre Augen durch den schönen, harmonisch ausgestattcten Raum ... Gediegene, geschnitzte Möbel, feine Teppiche und Bilder, ganz wie im gräflichen Schloß daheim. Als das hellgekleidete Mädchen die Tafel abgedeckt und verschwunden war. saß die alte Frau lange und andächtig da. Ihre Lippen bewegten sich in leisem Gebet.- Einige Wochen lebte nun schon die alte Frau im Hause ihres Sohnes, des Rechtsanwalt Dr. Strauß, in der großen Stadt. Die Schwiegertochter begegnete ihr freundlich, ihr Sohn mit liebevoller Aufmerksamkeit. Es war alles schön, geradezu prächtig hier; behaglich und bequem auch das ihr angewiesene, große Zimmer. Aber so recht heimisch fühlte sie sich dennoch nicht in dem neuen Heim. Sie dachte oft mit Sehnsucht an die kleine Scholle, die sie daheim besessen, ihren verstorbenen Mann, das kleine Häuschen. Sie fühlte sich gedruckt, nicht recht an ihrem Platze. Am liebsten wäre sie immer in einen stillen Winkel geflüchtet, wenn die feinen Besucher. die zu ihrer Schwiegertochter kamen, die Zimmer betraten, die wohl recht freundlich, aber doch nicht herzlich mit ihr waren, wie es im Städtchen, wp man weder Sckeu noch Konvention kannte. Brauch war. Und so war auch das Benehmen Else's zu ihr, freundlich, aber es kam nicht aus dem Herzen heraus; es blieb bei ihr das Gefühl und wollte sich nicht bannenlassen, als ob sie sich des alten, runzligen, unmodernen Frauchens, das sie nun einmal war und blieb, vor diesen Leuten ein wenig schäme. Nur ihr Sohn tvar unverändert zärtlich und voller Liebe zu ihr. Er umsorgte und umgab sie mit schrankenloser Liebe, und.sie. fühlte sich stpmer weitsicherer in seiner Gegenwart und bedauerte cs doppelt, daß er tagsüber abwesend war. Frau Else aber zupfte und zog an ihr-, ordnete hier und dort etwas an ihrem Anzuge, modelte ihre Kleidung um. so daß sie sich selbst fremd und verändert vorkam. Sie wurde dadurch ganz linkisch^und unsicher. Innerlich und äußerlich sollte sie modernisirt werden, plötzlich langjährige Gewohnheiten: abstreifen. Das ging doch nicht. Ihre friedfertige Natur, der alles Streiten in der Seele zuwider war, paßte sich, so gut es ging,' der veränderten Lebenslage an. lind sie hoffte auf die Zukunft. rechnete mit ihr. Wenn erst das zu Erwartende Enkelchen da war. würde sich ohnedies vieles andern, da fand sie auch wohl viel liebe Beschäftigung, war sie hier am Platze, konnte der Schwiegertochter mit,.Rath und That zur Seite stehen. Fn solche hoffnungsfrohe Gedanken vertieft, saß die alte Frau eines Vormittags auf dem Erkerplatz im Wohnzimmer, den sie besonders liebte. Hier weilten ihre Augen so gern auf Baumen und Sträuchern des freien Platzes, an dem das Haus gelegen röqt, ßuf all dem farbenfrischen Grün, das ihn umgab. Bereits blühte der Flieder in üppiger Pracht in weißen und blauen Tönen, und dieser Duft erinnerte die alle Frau an die alte Heimath. an ihr kleines Gärtchen, das von großen Gärten umgeben, in Blumenduft gefaucht war. Nebenan im Salon war Besuch. Sie war froh, daß sie nicht gesehen worden, denn sie liebte.die Cousine ihrer Schwiegertochter, die hochmüthige, elegante Frau eines reichen Banquiers, nicht sonderlich. Mit einemmale hörte sie ihren Namen, ganz deutlich,, nun noch einmal, sie hatte sich nicht verhört. Man vermuthete sie . nicht hier, solle sie aufstehen, hineingehen?. Aber die 1i ' .