Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 101-102 (22.12.1904)
- Date
- 1904-12-22
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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2196 eine jüdische höhere Anstalt gab, deren Direktor ein ganz' entfernter Verwandter der alten Frau Strauß war. Hier hatte er sich derart durch Fleiß und musterhaftes Betragen ausgezeichnet, daß ihnen dringend gerathen wurde, ihren Sohn studiren zu lasten. O, sie erinnerte sich noch fol deutlich des Tages, La der Direktor zu ihnen herausgekommen, eigens deßhalb, um ihnen im Interesse des Jungen, der fein Liebling war, persönlich diesen Vorschlag zu machen. Welche Ehre und Freude für sie! Gewiß, nun sollte der Junge auch studiren, sie hätten ja eher gedarbt, als des Jungen und auch des Direktors Wünsche nicht zu erfüllen. Und ihr Max half auch, wo er konnte. Ter Direktor hielt seine Hand über ihn, wies ihm Privatstunden nach, als er in den oberen Klaffen saß, und niemals, auch auf der Universität nicht, hatte er sie sehr in Anspruch genommen. Dann bestand er sein juristisches Examen glänzend 8ummu rum luucke, machte zur rechten Zeit den Assessor, und nun hatte er schon eine namhafte Praxis als Rechtsanwalt in der großen Stadt, der sie Zufuhren. Ja, der Junge war mit Gottes Hilfe vorwärts getommen, er hatte gehalten, was er versprochen, ihnen stets Freude gemacht. Das Häuschen, in dem sie zur Miete gewohnt, hatte er ihnen gekauft und es nicht mehr zugegeben, daß der Vater seinen Handel weiter betrieb, er habe nun genug gearbeitet, das müsse er ihm nun schon überlassen, denn was die Eltern für ihn geihan, das' könne er in seinem ganzen Leben nicht wettmachen. Und jedes Jahr einzweimal, so oft seine nun schon'große Praxis es erlaubte, besuchte er sie trotz der beträchtlichen Entfernung, gewöhnlich zu den Herbstfeiertagen. Das waren' dann immer doppelte Festtage, eine Reihe von wundervoll schönen Tagen gewesen. Sie freuten sich an seiner Gelehrsamkeit, an seinem stattlichen und doch bescheidenen Auftreten. Es war immer ein großes, gewichtiges Ereigniß für sie, wenn er in ihrer Mitte zum Tempel gegangen. Sie sparen, was sehr natürlich ist, sehr stolz auf den stattlichen, klugen Sohn, nach dem die ganze Gemeinde jedesmal äusblickte. Und jedesmal gedachte er der Armen seitrer Vaterstadt, der kleinen Gemeinde, in der es doch deren gab, und spendete ihnen reichlich. Run war der Vater plötzlich gestorben. Aber vorher hatte er den Sohn noch zu segnen vermocht, ihn an sein Herz gedrückt. Ja. ja, zur rechten Zeit war er gekommen, der brave Junge. Zwei helle Thränen tropften aus den trübest'Augen der alten Frau. Aber sie wendete sich eilig dem Fenster zu, damit der Sohn es nicht sehe. Der saß still in seiner Ecke, in Gedanken versunken. Ab und zu flog ein Blick des Mitleids, der Sorge, zu der Muttet herüber. Er.empfand den Tod des Vaters gewiß tief, aber viel größer dünkte ihn der Verlust für die Mutter, die ein ganzes Menschenleben hindurch Leid und Sorge. Glück und Freude in Ergebenheit und Liebe mit ihm getbeilt. . . Dann eilten seine Gedanken dem Zuge voraus. Sie flogen in die Stadt, die nun schon nahe vor ihnen lag, in ein schönes, prächtiges Haus. Darinnen im ersten Stockwerk desselben, in feinem eigenen Heim, weilte sie, die nun schon seit Jahresfrist ihm neben der Mutter die Nächste war, sein junges Weib. Er hatte sie telegraphisch davon unterrichtet, daß sie an diesem Tage zusammen eintreffen würden. Und wenn sie auch niemals vorher über diese Angelegenheit gesprochen, so war es doch wohl selbstverständlich, daß sie seine Mutter, die nun auch die ihre war, freundlich aufnehmen, ihr ein ruhiges Eckchen, einen stillen Platz in ihrer geräumigen Behausung gönnen würde. Sie war aus einem ganz andern Milieu hervorgegangen als er, als die Tochter eines reichen jüdischen Fabrikanten, der außerdem eine hervorragende Stellung im öffentlichen Leben einnahm, aber er selbst hatte niemals aus seiner einfachen Herkunft ein Hehl gemacht, sondern mit Stolz von seinen braven, tüchtigen Eltern erzählt. Und sie besaß ein reiches, tiefes Gemüth, eine gute, gediegene Bildung, religiöses Wissen. Er glaubte zuversichtlich, sie würde sich rasch an das alte Frauchen und die veränderte Häuslichkeit gewöhnen. Sie war ja so anspruchslos, seine kleine Mutter, und so gut und friedfertig. Und schließlich war sie doch die Mutter des Mannes, den sie liebte und achtete. Es war ja auch nicht anders denkbar: Er war seiner Mutter einziges Kind. Sie sich weit entfernt, allein, ganz allein, zu denken, das ging nicht! Da hätte er keine Ruhe gehabt. Und so hatte er, rasch entschlossen, das Häuschen verkauft, die Mutter mitgenommen. Sie hatte sich anfangs gesträubt; in eine so junge Ehe, eine so feine Häuslichkeit paffe sie nicht. Aber er hatte ihre Bedenken doch rasch hinweggescheucht. Nur eins hatte sie noch vorher zu wissen verlangt: er möge ihr in aller Aufrichtigkeit sagen, ob sie. die ihr ganzes Leben lang nach den Vorschriften und Gebräuchen des Judenthums gelebt, in seiner Häuslichkeit alles so finden würde, wie er sein mußte. Und das hatte er mit ruhigem Gewissen bejahen können, denn die Familie, aus der seine Frau hervorgegangen, war religiös, wie diese selbst, wenn sie auch sonst modernen Anschauungen huldigte. Das war ihr eine große Freude und Beruhigung gewesen. Er stellte sich nun die erste Begegnung der beiden Frauen vor. Die Mutter kannte Elfe noch nicht. Ihrer Hochzeit hatten die Eltern nicht beiwohnen können, da der Vater damals schon recht leidend gewesen. Er hatte seine junge Frau gebeten, nicht zur Bahn zu kommen, sondern sie in ihrem Heim zu erwarten. Nun hielt die Droschke vor dem eleganten Hause der vornehmen Straße des Villenviertels. Der Portier stand schon am Schlage und öffnete, dem schwerfälligen Kutscher zuvorkommend. Langsam stieg die alte Frau--' aus. Das Körbchen mit den Eiern, das die weite Reise.