Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 101-102 (22.12.1904)
- Date
- 1904-12-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450078--62058-2524799- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
SL88 Maimonides nur den Verfasser des „Moreh" be- « wundern und verehren, uns ist er als Verfasser dieser beiden Riesenwerke theuer und verehrungswürdig. Sein religionsphilosophisches Werk hätte niemals vermochi, seinen Namen durch die Jahrhunderte zu tragen. Denn das Werk war nur ein Produkt der damaligen Zeit und nur aus dieser Zeit heraus zu verstehen. — wie wir es demnächst in einem anderen Zusammenhänge auseinander zu setzen gedenken. — Die Männer der sogenannten „Wissenschaft des Judenthums*, die unter dieser Bezeichnung Alles verstanden wissen wollen, nur nicht Thorawissenschaft, klammern stch an dieses eine Werk — und wollen uns vormachen, als sei d i e s e s die Hauvtleistung des Maimonidischen Geistes. UnS Talmudjuden ist unser „Rambam" doch noch waS Anderes und auch unsere intimsten Feinde werden es zugeben, daß wir Talmudjuden das Andenken an ibn, den größten der Tolmudjuden, wach und lebendig erhalten haben. — Doch keine bittere Polemik soll dieses bescheidene Blatt des Gedenkens entweihen, es soll nur ihm geweiht sein, der uns Lehrer, Führer und Meister war und ist. Auch die wenigen Worte der Abwehr nach der anderen Seite sollen nur dazu dienen, uns in's Bewußtsein zu rufen, was er uns ist und sein soll. Uns ist er einer unserer größten Gesetzeslehrer, derErhalter undTräger der Tradition, der souveräne Herrscher auf dem Gebiete der talmudischen Litteratur, der „große Adler", dessen hoher, geistiger Flug auch uns Erdenbewohnern den Weg in die Höhe wies. Damit nun das Bild ein vollkommenes sei, wollen wir an ein kleines, bescheidenes Blättchen erinnern. das auch von ihm stammt, und uns zeigt, welch reiches und tiefes Gemüthsleben die Seele dieses „Mannes der reinen Vernunft" umschloß. Es ist ein Brief, den er an seinen Sohn schrieb. Mögen einige Sätze aus diesem Briefe hier Platz finden und wir werden sehen, daß dieses Blatt nicht das welkste an dem Lorbeerkranze ist, den er stch selbst gewunden und den ihm Mit- und Nachwelt freudig zuerkannten. Echte und tiefe Fröinmigkeit, lautere und innige Dankbarkeit gegen Gott sprechen aus jeder Zeile. „Ich preise Gott," so beginnt dieser Brief. ,,der mich auf den Weg der Wahrheit geführt, Seiner Gnade will ich stets, eingedenk sein. Er züchtigte mich, doch dem Verderben gab er mich nicht preis. Seine strafende Rechte traf mich, doch Seine Linke schützte mich. In dem Schmelztiegel der Zeit rrvaigte Er mich, von Jrrthümern errettete Er mich, gegen meine Triebe war Er mir SLutz. Vom Staube richtete Er mich auf und setzte mich zu den Fürsten. Meine Lehrmeister waren die Tage, mein Führer die Erfahrung, mein Zuchtmeister die Zeit. Nun da ich das Ende meiner Tage herannahcn fühle, so empfinde ich es als Pflicht, meinen .Lindern, die mir Gott geschenkt, den Weg zu Gott zu zeigen. Gesegnet seid Ihr, meine Kinder, von Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Werdet stark und seid Männer, und fürchtet den Gott Euerer Väter, den Gott Abrahams. Isaaks und Jakobs. Dient Ihm aus vollem, liebenden Herzen, denn wisset, die Furcht hält nur von der Sünde zurück, während die Liebe allein den Eifer zur treuen Pflichterfüllung weckt. Wisset, daß Er Rechenschaft fordert für alle Thaten des Menschen, und wer das Gute übt, dem wird es schon in dieser Welt Wohlergehen. Die ihn sehen, loben ihn, die ihn kennen, preisen ihn und wenn dann seine Zeit um ist. legt er sich ruhig hin. der Tod hat nichts bitteres für ihn. Wer dagegen dem Bösen nachjagt, den verfolgt das Böse. Im Finsteren wandelt er und ewiger Vergessenheit fällt sein Name anheim. Ich bitte Euch daher, erkennet den Vorzug des Lichtes vor der Finstcrniß, wählet das Leben und das Gute und meidet das Böse. Möge das Gute Euch zur Gewohnheit werden, denn Gewohnheit wird zur zweiten Natur. Pfleget Eueren Körper, denn die Gesundheit des Körpers ist eine Vorbedingung für die Gesundheit der Seele, sie ist gleichsam der Schlüssel zu den Pforten der Vollkommenheit. Meidet die Gesellschaft der Leichtsinnigen und suchet die Gesellschaft der ernsten Männer. Hütet Euere Zunge und Euere Lippen, daß nichts Unbedachtes ihnen entfahre. Strebet nach Weisheit und eifert den Weisen nach. Lernet in Eurer Jugend, denn da ist das Gedächtniß noch stark. Wenn Ihr auf eine schwierige Stelle in der Lehre stoßet, so schreibt diese Schwierigkeit Eurer Kurzsichtigkeit zu. Liebet die Wahrheit, denn sie ist die Zierde der Seele." So belehrt er seine Söhne und auch wir sind ja seine Söhne. Wollen auch wir seine Worte beherzigen und sie unseren Kindern und Kindeskindern vererben. — Das jüdische Volk errichtet seinen großen Söhnen keine Denkmäler aus Erz und Stein, aber es hat ein treues Gedächtniß und ein dankbares Herz und im Herzen eines jeden Juden haben diese Großen ein unvergängliches Denkmal. Sie leben fort im liebenden Gedächtnis der Nachkommen, denen sie. g!ä»zenden Sternen gleich, leuchten und ihren Lebenspfad erhellen. Als eine Sonne erglänzt Maimonides am Himmel der jüdischen Welt und wie die Sonne auch nach ihrem Untergehen in den milden Strahles des Mondes weiterstrahlt, so leuchtet auch Maimonides fort in den milden Strahlen all derer, die an dieser Sonne ihr Licht entzündet, die von ihr Licht und Leben empfangen.