Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 101-102 (22.12.1904)
- Date
- 1904-12-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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LlSS , weniger einsichtigen Beobachter, als es Lipman Osterode - war. auffallen mußte. «Davon weiß ich nichts/ entgegnete er harmlos. «Auch den Begleiter kenne ich nicht naher, wir haben uns zufällig vor dem Hause getroffen. Ich komme nur um Euch zu fragen, ob die Kette nicht zu kaufen ist. die Ihr diese Woche bei mir eingelöst habt. Es hat sich nämlich gestern ein Liebhaber gemeldet, der sie kaufen; würde, wenn der Preis nicht zu hoch ist/ «Die Kette, das glaube ich. daß die Euch in die! Augen sticht. Ein Jude aus der Ellstraße. ich glaube i Hekscher heißt er. hat meinem Mann schon 15 Mark i für das Loth geboten. Mein Mann hat sogar ein An- , gebot von 161/;» Mark erhalten, aber die Kette ist nicht j feil, sie ist mein Eigentbum und soll es bleiben/ ..Ich dächte baares Geld sei immer noch besser als , bloßes Kettengold, mit dem man doch nicht viel anj fangen kann. Wie Ihr am Mittwoch Morgen plötzlich r Geld gehabt habt, um die Kette einlösen zu können, so kann maws auch wieder verlieren. Deshalb dachte ich mir. die Kette sei vielleicht doch zu haben. Aber es war mir das so zweifelhaft, daß ich nicht einmal Geld mitgebracht habe, was gewiß geschehen wäre, wenn ich gedacht hätte, es ließe sich ein Geschäft machen/ Diese Bemerkung hielt Osterode nicht für überflüssig, denn es Lberkam ihn jetzt dieselbe Furcht, die seinen Genossen beim Betreten des Hauses befallen hatte. Er suchte daher so bald als möglich fortzukommen, da eine Besichtigung des Hauses unter solchen Verhältnissen ausgeschlossen war. . „Ich muß also sehen/ sagte er im Weggehen, „daß ich ein ähnliches Goldkettchen anderwärts auftreibe. So sehr ich meinen Kunden Geld und zwar recht viel Geld wünsche, so wäre es mir doch lieber gewesen. Ihr hättet am Mittwoch das Pfand nicht auslösen können: dann hätte ich es leicht von Euch kaufen lönnen/ Ein Blick auf die Wirtbin. als er zum zweiten Male, das Geld als am Mittwoch erhalten erwähnte, zeigte ihm, daß sie plötzlich erbleichte. Aber sie gewann sofort ihre Fällung, wenn auch nicht ihre volle Frechheit wieder. In viel ruhigerem und herablassenderen Tone sagte sie zu Osterode, der schon den Thiirgriff in der Hand hatte: „Wenn sich sonst ein Geschäft bietet, und das kommt ja oft bei uns vor. so will ich an ihn denken. Dagegen möchte ich nicht, daß irgend Jemand erfährt, daß ich die Kette bei Ihnen versetzt und sie am Mittwoch eingelöst habe. Es ist ein Geschenk von meinem Mann und da hätte ich nicht gern, wenn ich in den Mäulern der Leute als eine Frau herumfahre, welche die Schmucksachen, die sie von ihrem Mann hat. bei den Juden versetzt. Versteht Ihr mich?" „Vollkommen/ entgegnete Osterode. „Verschwiegenheit gehört zu unserem Geschäft und darauf könnt Ihr rechnen. Dafür halte ich mich aber auch für die Zukunft empfohlen? Lebt wohl!" Mit diesen Worten verließ Osterode das unheimliche Haus mit dem festen Vorsatz, es nicht mehr allein zu betreten. — Es war ihm auch jetzt kein Zweifel mehr, daß der Verdacht seiner Fruu, doch etwas mehr als bloßes Spinnengewebe war. Warum kam^.die Wirthin mit ihrer Bitte um Verschwiegenheit so spät und nicht schon zur Stunde des Versehens oder doch bei der Einlösung? Damals hätte eine solche Bitte einen Sinn gehabt, aber heute? Heute hatte sie auch einen, der aber stark nach der Richtung hinwies, die seine kluge Frau zuerst gezeigt hatte. IX. Wenn wir von einem Verbrechen vor Jahrhunderten hören, das nicht entdeckt und daher nicht gesühnt werden konnte, so sind viele Kinder unserer Zeit leucht zu glauben geneigt, heute sei so etwas bei dem großen Fortschritt der Wissenschaft und des allgemeinen Verkehrs ganz ausgeschlossen. Die das glauben, vergessen an die Unthaten. die noch heute täglich vor aller Welt geschehen, die ganze gesittete und ungesittete Menschheit in Athem halten und trotz aller geheimen und öffentlichen Polizei, trotz aller findigen Kriminalbeamten und der höchsten ausgesetzten Prämien unenthüllt bleiben. Ja, wenn eine Statistik der in früheren Jahrhunderten unentdeckt gebliebenen Verbrechen existirte und einen Vergleich mit den Fällen dieser Art in unserer Zeit zuließe. so müßte ein solcher Vergleich selbst dann zu Ungunsten der Gegenwart ausfallen, wenn auch die Zabl der unaufgeklärten Verbrechen hier wie dort die gleiche wäre. Denn unsere Zeit hat so viel an'äußeren Hilfsmitteln, einen Verbrecher zu verfolgen vor der Vergangenheit voraus, daß man glauben sollte, in einer Zeit, die unter dem Zeichen der Eisenbahn, des Telegraphen. des Telephons, des Zweirads und des Automobils steht, müßte es einem Verbrecher schier unmöglich sein, der strafenden Gerechtigkeit zu entgehen. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß unsere Zeit über viele mächtige Mittel verfügt um einen Verbrecher zu entlarven und dingfest zu machen, die der Vergangenheit abgingen. Aber diese Mittel sind alle zweischneidige Schwerter, weil sie dem Verbrecher ebenso zur Verfügung stehen, wie denjenigen, die auf. ihn fahnden. Die Vergangenheit hatte dagegen vor der Gegenwart etwas voraus. Die sittliche Entrüstung aller Schichten des Volkes, welche die ganze Bevölkerung zu Rächern des verübten Verbrechens machte. Der Zeitungsphilister von heute, dem etwas fehlen würde, wenn er bei seinem Morgenkaffee die Rubrik der „Unglücksfälle und Verbrechen" in seiner Zeitung leer fände, bringt auch jeder Unthat ein gewisses Interesse entgegen, wenn es auch nur das Echauffement seines Sensationsbedürfnisses ist. Aber ob sie sich elfhundert