Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 100 (19.12.1904)
- Date
- 1904-12-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Familien, die für ihre Wohnung bloß zwei Rubel (etwa ■4 Marl) monatliche Miethe zahlen und deren Gesommteinkünfte 10 bis 15 Rubel ausmachen bei sehr angestrengter Arbeit des Familienhauptes: Es sind zum übergroßen Theile Handwerker, die bei der ungeheuren Konkurrenz keine rechte lohnende Arbeit finden; Hausirer, Markthandler, Brodbäcker. Auch "Volkslehrer — „ÜMambim4' — befinden sich unter den Zivilklägern. Alle diese Leute sind schon an manch: -Schicksalsschläge gewöhnt und im sortwährmden verzweifelten Daseinskämpfe abgehärtet; doch die Erlebnisse am Krawalltage, die sie unmittelbar an ihrem Leibe fühlten und die sie vollständig ruinirten, wurden von ihnen tief empfunden und blieben in ihrem Gedächtniß haften, umsomehr, als manche noch bis jetzt die Spuren der erlittenen Mißhandlungen an sich tragen. ' Viele haben sich wirthschastlich noch nicht wieder ausrichten können. Die Aussagen der Beschädigten stimmen ziemlich überein: die Arbeiter der hiesigen Eisenbahnwerkstätten -und die Bauers aus der Umgebung haben im vorigen l Sommer wiederholt bei jedem nichtigen Streite den Ju, den gedroht, ihnen ein Blutbad nach Kischinewer Art zu bereiten; die Juden, namentlich in den Vororten, waren in Angst und Sorge; man fühlte sich, wie der Zeuge Sacharin aussagte, wie Einer, der zur Todesstrafe verurtheilt ist und von Tag zu Tag die Vollstreckung des Urtheils erwartet, ohne zu wissen, wann und wie das Verhängniß kommt. Als bedrohliches Symptom galt, daß man es nicht mehr für nöthig hielt, die 'Juden für die.von ihnen geleistete Arbeit, bezw. bei ihnen gekaufte Maaren zu bezahlen. - Beschwerden darüber blieben in der Regel erfolglos. Besonders stiegen die Unruhe und die Befürchtungen nach der großen Schlägerei am Markt am 11. September v. I., so.daß die Vertreter der Gemeinde apr 12. September, bei'her ÄehotÄ vdrstellig wurden üstd um Maßnahmen zur Ausrechterhaltung, der Ordnung ersuchten, tporauf sie die Antwort bekamen: „Würde eine politische De-, monstration stattsinden, so wird es auch einen Pogrom (Krawall) geben; wir werden Euch nicht Helsen, Eure Demokraten sind allein an allem schuld." Am 13. September kehrte das hiesige Regiment aus dem Lager nach - Homel zurück: das beruhigte gewissermaßen die Juden. Aber die Eisenbahnarbeiter hatten mehr Fühlung mit den Soldaten und wußten besser, was sie von den letz- . teren zu erwarten haben. Am Montag, den 14. Sep- ' tember, pünktlich um 12 Uhr, gingen die Eisenbahn-, arbeiter aus ihren Werkstätten in geschlossenen Reihen;*ur Stadt hinaus und fingen an, die Nächstliegenden jüdischen Wohnungen und Läden zu demoliren. -Bauer» und Landstreicher schloffen sich ihnen an. Es erschienen Militär und Polizei in genügender Stärke.' um M Ordnung aufrecht zu erhalten; aber sie beschränkten sich auf du Bewachung der Eingänge in die Zentralen und reicheren Theile der Stadt, in den von ärmeren Leuten bewohnten Straßen dagegen ging der Raub ruhig und ungestört vor sich; „die Leute arbeiteten." wie es in der vorgelesenen schriftlichen Aussage des Obersten Sulimow. der jetzt in Ostosien kämpft, beißt, „gutmiihtig"! Dabei wurden Hunderte wirthschaslicher Existenzen vernichtet. Ein Familienvater, der fein ganzes Eigenthum auf 80 bis 100 Rubel schätzte, berichtete weinend, daß er und die Seinigen nach dem Krawall vollständig nackt und obdachlos geblieben seien und sich an die private Wohlthatigkeit hätten wenden müssen. Solche Aussagen mit verschiedenen Einzelheiten machen sehr viele, liegen diese Leute hat sich gerade der Volkshaß gewendet! So behauptet die Anklage. Wenn man aber näher zusieht, scheint es, daß nicht der Bolkshatz. sondern die Hilflosigkeit. die geringe Widerstandsfähigkeit und thatsächliche Straflosigkeit solcher Exzesse die Armen zu Opfern des Krawalls gemacht haben. Wer wird ihnen Genugthuung verschaffen und ihnen den materiellen Schaden ersetzen? Beim besten Willen könnte , es der Gerichtsbof nicht. Die als allein verantwortlich gemachten 44 christlichen Angeklagten, die aktiv am Krawall theilnahmen. haben gar nichts; die Räuber wie die Beraubten sind zum größten Theil selbst Proletarier. Der Hauptschuldige ist zweifellos der Staat, dessen Pflicht es war. die Bürger zu beschützen; er allein mußte auch in diesem Falle die Verantwortung für die Fahrlässigkeit und gesetzwidrigen H^.dlungen seiner Beamten tragen. Aber der Gerichtshof, wie dies auch in Kischinew der Fall war. hat von vornherein jede Andeutung auf die Schuld und Verantwortlichkeit des Staates oder der Behörde aus den Verhandlungen entschieden und unwiderruflich ausgeschaltet. Vsrsonakiem M a inz. Per berühmte Hebroner Rabbiner und Verfasser des mehrbändigen Werkes mtP, Rabbi Eheskiia Medini f. A., ist am 2. d. M. einer mehrwöchentlichcn Krankheit erlegen. Der Verblichene zählte zu den hervorragendsten Talmudgelehrten unserer Zeit. Vor nicht langer Zeit siedelte er nach Palästina über pnd versah seit vier Jahren unentgeltlich das Rabbinatsamt zu Hebron. Sein Hintritt darf von allen gesetzestreuen Juden auf's Tiefste beklagt werdest. vpn rtsüxi apsBo flk ,toj. Möge nopn unser Judenthum in unserer thöraarmen Zeit vor derartigen empfindlichen Verlusten bewahren. •roA Tran fei. ' ' Kl. - Schwabach. Mit Ende dieses Monats..verläßt nach sünfiahriger erfolgreicher Mtigkeit Herr " Dr. L. Sommer, praktischer Arzt dahier, unsere Stadt, um in Nürnberg feinen verantwortungsvollen Berus fortzufetzen. Herr Dr. Sommer erfreute sich