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Der Israelit · 1904-11-17 · Heft 91 (17.11.1904) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 91 (17.11.1904)
Date
1904-11-17
Page
– (sequence 26)
Language
German
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1960 ' eigenen Familie. Ein Gefühl unendlichen Abscheus bemächtigt sich eines jeden Menschen, wenn er in dem Buche Eotvö's über die. Art. und Weise liest, wie der vierzehnjährige Junge Moritz Scharf, der Kronzeuge des ungarischen Ritualmordprozeffes, zum Feinde seiner Eltern und seiner Stammesgcnossen gemacht wurde. Welche Märchen wurden dem armen dummen Dorfjungen anfgetischt, welche Luftschlösser wurden vor den gierigen Kindesaugen ausgeführt, wie viele goldene Berge wurden ihm verheißen und — last not least — wie unmenschlich wurde der arme Junge gemartert, dis ans ihm der unnatürliche Sohn geworden ist. Prügel und Marter einerseits verhärten den kindlichen Sinn, Kuchen und Leckereien andererseits machen ihn gefügig; — und die Feinde der Eltern spendeten diesen Kuchen. Man kann wahrlich dem armen Jungen keinen Vorwurf machen. Er war ein willenloses Werkzeug in der Hand verworfener, verrohter Gesellen, die in ihm jedes kindliche Gefühl zu ersticken wußten. Gar häufig wollte im Laufe der Verhandlungen, durch die Einwirkung des Vertheidigers der kindliche Sinn Hervorbrechen, aber der Präsident wußte dieses Hervorbrechen der besseren Gefühle noch rechtzeitig zu verhindern und das Trauerspiel konnte seine ruhige Entwicklung nehmen. Es war ein hartes Stück Arbeit, das der Vertheidiger zu bewältigen hatte, bis es ihm ge- . lungen ist, die Unschuld der Angeklagten, gegen die kein einziger Verdachtsgrund von Belang vorlag. nachzuweisen. Eötvös schildert uns die Kämpfe, die ec gegen einen voreingenommenen Untersuchungsrichter, gegen einen voreingenommenen Präsidenten, gegen einen voreingenommenen Gerichtshof und endlich gegen vorurtheilsvolle Sachverständige zu bestehen hatte. Es gehört vielleicht zu den interessantesten Partieen des Werkes, wo uns Eötvös seinen Kampf gegen die Aerzte und Professoren schildert. Er mutzte sich erst in ein ibm ganz fremdes Wissensgebiet einarbeiten, um die Unwahrheiten und Fälschungen der ärztlichen Funktionäre nachzuweisen. Die Gutachten, die er abgegeben, haben die Anerkennung und Bewunderung der Fachgelehrten von Weltruf gefunden. Dos Buch ist glänzend geschrieben, was bei einem Werke Eötvös, der zu den gefeiertesten Prosaikern Ungarns-gehört, eigentlich gar nicht hervorgehoben zu werden braucht. Es wäre dringend zu wünschen, daß das Buch in's Deutsche übertragen werde, denn es ist nicht nur e i n Buch über das Ritualmordmärchen, sondern geradezu das Buch. Es ist ja traurig und beschämend einzugestehen, daß dieses Werk auch im Westen, wo man ja schon d:r Höhen der Kultur erstiegen zu haben glaubt, Segen stiften könnte. Es räumt endgültig mit dem Wahn des „Ritualmordes" auf und zeigt ihn uns als Märchnr, aber als ein giftiges und unheilvolles, das man auch ans der Kinderstube unnachsichtig verbannen sollte. Ob dieser Weckruf etwas nützen wird? Eötvös hofft es und wir wünschen — nicht nur in unserem Interesse — daß er nicht enttäuscht werde. Mainz, im Rov. Dr. Klei». Agava. ivob nn» nn bbs pbn nafci uät yiiuo ran» vbv nbn onm -in» mpi *vmso wwi wyoV, von Rabbiner Israel Braun' in Halle a. S. Druck und Verlag von M. R o s e n L a u m, Paks, Ungarn. Dieser Theil des in diesen Blattern bereits besprochenen Werkes reiht sich den bisher erschienenen (zwei Theilen) würdig an. Derselbe umfaßt v'-in -2122 a-ip'i -iDo und bringt das Werk zum Abschluß. Das „Haus Israel" ist nun vollendet, ein ganzes, ein vollständiges. Im Anfang wird, wie in den früheren Heften, eine Blumenlese von Response« und Entscheidungen über aktuelle halachische Fragen aus der Feder bekannter rabbinischer Autoritäten der Gegenwart reproduzirt. Ueber den Werth des BucheS hier uns auszusprechen, erachten wir jetzt als überflüssig, nachdem wir uns hierüber (anläßlich der bereits erschienenen Theile desselben) wiederholt im „Israelit" anerkennend geäußert haben. Der Umstand, daß es dem verehrten Verfasser gelungen ist und ihm ermöglicht wurde, sein Werk so rasch zum Abschluß zu bringen und in verhältnismäßig kurzer Zett einen Band auf den andern folgen zu lassen, ist der beste Beweis. welch' günstige Aufnahme die Arbeiten des Herrn Rabbiner Braun gefunden haben. Mögen dieselben die weiteste Verbreit! mg finden. S o b o r t e n. Rabb. H. G a l a n d a u e r. Geschichtliches. Ans Vergangenheit und Gegenwart der Jude» und der jüd. Gemeinden in den Poseuer Landen von Rabb. Dr. Heppner, Koschmin und Lehrer I. Herzberg. Bromberg. Heft IV. Verlag von I. T u ch. Koschmin. Preis 76 Pfg. Soeben erschien das IV. Heft dieser so hochinteressanten Schrift. Dieses Heft erzählt uns in fesselnder Weise die Geschichte der Juden Polens von etwa 1676 bis 1680. Die Dynastie der Jagellonen, die unmittelbar den Pioristen gefolgt waren, und unter deren Herrschaft die Juden immerhin noch ein erträgliches Dasein geführt haben, war ansgefiorben, und nun begannen, wie für Polen überhaupt, daS jetzt immer mehr ein Spielball der um die Herrschaft ringenden Partheien wurde, so namentlich auch für die daS Land bewohnenden Juden gar schwere Zeiten. Da,

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