Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 91 (17.11.1904)
- Date
- 1904-11-17
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Kenlrak-Hrgan für das orthodoxe Iudenlhum. 17. Nov, 1904.1 MkkÜkMt DkllllKt jll 81. lNr. S. xx~xx‘rx x x x xxx x x x x x X x x x x ic x x x x x x x k'x1 x'x jcIT Apologetik« EötvöS, Karl. Der große Prozeß, der bereits lausend Jahre währt und noch immer nicht zu Ende ist. (a nagy per). Budapest 1904. Gebrüder R 6 o a i. Drei Bände. Der berühmte Bertheidiger des Tisza-Eszlarer Prozesses schildert in seinem dreibändigen Werke den berüchtigten Prozeß, der seiner Zeit die ganze Welt lebhaft beschäftigte. Zwanzig Jahre hat Eötvös mit der Abfassung dieses Werkes gewartet, denn es war ihm nicht darum zu thun, Daten über diesen Prozeß zu liefern, sondern er verfolgt mit seinem Buche ein weit höheres Ziel. Das Werk der Wahrheit soll es fördern, die Lüge aufdecken, dem Wahne und dem Aberglauben steuern. Seit tausend Jahren spukt dieses tollste aller Märchen in den Köpfen aller Halbgebildeten, und leider auch in den Köpfen so Vieler, die üch zur Elite der Gesellschaft rechnen zu dürfen glauben. Keine Betheuerungen unsererseits, keine päpstlichen Bullen, keine Zeugnisse der Gelehrten der Vorzeit, waren im Stande, dieses Schreckgespenst zu bannen; es braucht nur der geringste Anhaltspunkt gefunden zu werden, und häufig auch der nicht einmal, so hebt es sein schreckliches Medusenhaupt wieder empor und verbreitet Angst in unseren Reihen und Entsetzen auch in den Reihen derer, die den Geistesfortschritt der Menschheit aufrichtig herbeiwünschen. Wenn wir nach einem Gradmesser der Kultur suchen, so dürste uns dieses Ritualmordmärchen und dessen geistiger Vater, der Antisemitismus, einen solchen an die Hand geben. Ein Kreis, in dem das Anftauchen dieses Märchens zu den Dingen gehört, mit denen man noch rechnen muß, hat die Kinderschuhe menschlicher Gesittung noch nicht ausgetreten. Eötvös zeigt Uns nun in seinem Buche, wie diese Ritualmordgeschichten gemacht werden. Es verschwindet in einem Dorfe irgend ein kleines christliches Mädchen. Eltern, Geschwister, Verwandte. Gespielen n. Brodgeber suchen es vergeblich. Run wohnen auch Juden in dem Dorfe. Zwei, drei Tage nach dem Verschwinden beginnen die alten Weiber etwas von den Juden, von ihren Festen u. Gebräuchen zu munkeln und bringen diese Dinge mit dem Verschwinden deS Mädchens in Verbindung, denn „anders als in anderen Köpfen, malt sich in diesen Köpfen die Welt." Langsam nimmt auch eine gesinnungslose Presse, deren tägliche- Vrod die niedrigste Verleumdung ist, dieses Munkeln wahr und beginnt nun ihrerseits den „Fall" zu verhandeln. Und die Masse, die von niedrigen Instinkten geleitet wird, greift gierig nach diesen noch unäusgesprockienen, aber doch fühlbar genug angedeuteten Verdächtigungen, denn so etwas ist noch immer Kaviar für's Volk. Die Gerichte haben noch nicht nachgeforscht, man hat noch gar keine Anhaltspunkte gefunden, aber die Menge ist schon längst mit ihrem Urtheil fertig. „Die Juden haben es gethan," so lautet des Volkes Stimme. Run nimmt das Gericht diesen Fall in die Hände. Es gibt leider immer Ritter der traurigsten Gestalt, die die entstehenden Volksleidenschaften für ihre selbstsüchtigen Zwecke auszubeuten suchen, und damit ihnen der Nutzen sicher nicht entgehe, nähren und steigern sie womöglich noch diese Leidenschaften. ES sind seit dem Verschwinden des Mädchens kaum einige Wochen verstrichen und aus dem Verschwinden ward die weltgeschichtliche Nitualmordtragödie. Ein großer Theil der Presse, viele Schichten der Bevölkerung, die sog. öffentliche Meinung und Alle, die gerne im Trüben fischen möchten, hüllen sich in das Kleid der Wahrheit und fordern im Namen der Gerechtigkeit die Bestrafung — der Juden. Die Anklage und das Urtheil sind nun fertig, damit aber auch die Form gewahrt bleibe, suchen nun der Untersuchungsrichter, der sich besonders hervorthnn will, der Staatsanwalt und all die größeren und kleineren Lichter der blinden Themis sich hervor zu thun. Es sind keine Beweise gegen die Juden da, macht nichts; man ist nicht umsonst Untersuchungsrichter; es sind keine Zeugen da, mit einigem guten Willen findet man auch solche und wenn man gar könig. Ungar. Untersuchungsrichter ist. so findet man sie im Kreise der Juden, — im Kreise der