Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 91 (17.11.1904)
- Date
- 1904-11-17
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Abrvesenheit er bemerkte und dem er dann in einigen wenigen, ganz leise gesprochenen Worten seine Mißbilligung in einer Weise kundgab, daß dieser sich nachträglich noch bei mir entschuldigte, ich möchte, doch keine schleckte Meinung von ihm haben, denn cs sei nicht sein Verschulden gewesen, daß er heute gefehlt habe. Ueberhaupt ist die Kontrolle, die der Rabbiner über die ganze Lebensweise seiner Schüler führt, gewiß eine der wesentlichsten Ursachen von dem wahrhaft bildenden, segensreichen Einfluß, den die Jeschiwo auf ihre Besucher hat. Ich denke dabei nicht an die strengen wöchentlichen, monatlichen und halbjährigen Prüfungen, sondern wie gesagt, an die ganze Lebensweise, wie sie sich auch außerhalb des Bes Hamidrasch vollzieht. Jeden Morgen. Sommer wie Winter, werden die jungen Leute zwischen 2 und 3 Uhr geweckt und eine Stunde später macht ein Kontrolleur die Runde, um festzustellen, daß bereits alle beim Lernen sind. Die Säumigen werden notirt und von dem Rabbiner zur Rede gestellt. Keiner darf ohne eingeholte Erlaubniß das Dorf verlaffen. Dieses selbst bietet aber so wenig Ablenkung, daß es wunderbar zugehen müßte, wenn Jemand seine Thätigkeit und seine Zerstreuung in etwas anderem als im Thorastudium suchen und finden wollte. Dabei hat diese gewissenhafte Beaufsichtigung nichts Beengendes und Gehässiges an sich. Die Schüler erblicken in dem Leiter der Jeschiwo noch mehr ihren treuen, väterlichen freund als ihren Lehrer, der ihnen mit weisem, sürsorgenden Rath und allezeit hilfsbereiter That, in allen Anliegen treu zur Seite steht. Am liebsten nimmt daher der Rabbi Schüler im Alter von 13 und 14 Jahren auf. die dann gewöhnlich 7 bis 8 Jahre und mehr die Jeschiwo besuchen und so ihre ganze Ausbildung und Entwickelung vom Knaben- bis zum Jünglingsalter hier finden. Sie verlassen in der Regel die Anstalt erst, wenn sie in ein Geschäft oder in den Ehestand treten oder sonst eine Lebensstellung anzutreten im Begriffe sind. Das Band verehrungsvoller. dankbar liebender Anhänglichkeit, das die Schüler mit der Jeschiwo verbindet, reicht daher weit über die Zeit hinaus, in welcher sie dieselbe besuchen. Eine ganze Anzahl bereits verheirateter Männer kommt, so oft es nur die Verhältnisse gestatten, besonders über die Festtage zu dem Lehrer zurück und auch dieses Jahr war ein ganz stattlicher Kreis solcher früherer Schüler da. welche die heiligen Tage an der Schwelle des neuen Jahres in der Umgebung ihres geliebten Rabbi verbrachten. Durch diese Gäste wurde mir der Geist so recht zum Bewußtsein gebracht, der von einer solchen Pflanzstätte der Thora ausgehend, das jüdische Gemeindeleben befruchtet und für die Erhaltung und Er- "ft2riung des Judenthums in den Gemeinden sich so überaus segensreich erweist. Wenn die Jeschiwo zu Hunsdorf sich auch die Ausstellung von Rabbinen nickt zur eigentlichen Aufgabe gestellt hat, wenn sie ebenso und vielleicht noch mehr darauf bedackt ist Jechidim und Baale Battim heranzubilden, welche wahre Gottesfurcht mit griindlicher Kenntniß der Thora verbinden, so sind in diesen Gemeinden, in welchen so vorgebildete Mitglieder leben und wirken dennoch unwissende Rabbiner und Lehrer von vornhinein unmöglich. Das empfindet vielleicht keiner tiefer als Jemand, der von Deutschland kommend, die geringe Kenntniß der Thora als den schweren Schaden kennt, an dem unser Gemeindeleben kränkelt. Wie müßte diese Unwissenheit, die uns schwerer schlägt als der schlimmste Judenhaß, dem Geiste weichen, den die Jünger solcher Thora-Pflanzstätten in die breiten Massen des Volkes tragen! Das wäre praktisches Judenthum, während es der gebildeten Gedankenlosigkeit als polnisches erscheint. Der Leiter der Hunsdorfer Jeschiwo ist der modernen Bildung durchaus nicht abhold. Aber ihre Aneignung ist nicht der Zweck seiner Lehranstalt. Sie will ihre Besucher zur Gottesfurcht, zur Thorakenntniß und zur Wettsitte erziehen, und diesen Zweck erreicht sie in einer geradezu idealen Weise. Für diejenigen. die sich daneben auch noch profane Kenntniß ancignen wollen, fehlt es ia G. s. D. nicht an Jeschiwoth, die auch dieses Ziel in den Kreis ihrer Bestrebungen zieben. Indem die Jeschiwo zu Hunsdorf ihren Schwerpunkt ausschließlich aus das gründliche Studium der Thora legt, zeigt sie an ihren Schülern die bildende, sittigende Kraft der Thora, wie sie ohne unsere gewöhnlichen Bildungsmittel die Geister dieser Jünglinge erleuchtet, ihre Gemüther veredelt und die Herzen für alles Gute und Wahre höher und rascher schlagen läßt. Das ist ein großer Triumph der Thora — in unseren Augen. In den Augen der Kenner und Verehrer der Thora als der Ausspruch Gottes, ist das etwas Selbstverständliches. . Ich werde es nie vergessen, wie der verstorbene Würzburger Rav s. A. mich einmal auf eine Erklärung des Ramban zur Thora aufmerksam machte, die mich so frappirte. daß ich unwillkürlich ausries: ^Merkwürdig. wie in der Thora Alles sieht!* Der Angeredete sah mich einen Augenblick ruhig an, und meinte dann lakonisch: „Wo sollte es denn sonst stehen?" Dock ich komme in's Plaudern, weil mir unwillkürlich der Mund überkäuft, wovon das Herz voll ist, und ich hätte noch so Manches zu erzählen. Don den Sekichostagen, vom Rosch Haschono und Jom Kippur, von der frommen Scheu, mit welcher Alle diesen heiligen Tagen entgegen gingen und von der innigen Andacht^ mit welcher Alle ihre Gebete beteten, fasteten