Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 91 (17.11.1904)
- Date
- 1904-11-17
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1Ö53 und mein Reisegepäck dorthin zu bringen. Auf dem Wege dahin fragte mich einer derselben, wie ich heiße, und ich nannte ihm meinen Namen. „Nicht wie Sie sich schreiben, wie Sie heißen möchte ich gerne wissen," bemerkte mein Begleiter. Ich nannte ihm meinen jüdischen Namen. Diesen führte ick seitdem, solange ich mich in Hunsdorf aufhielt, und war so wieder um eine Unterscheidung reicher, auf die ich sonst nie verfallen wäre. Nachdem ich mich wohnlich eingerichtet hatte, holte mich ein junger Mann zum Minchagebet im Beth Hamidrasch ob. Auf dem Wege dahin hörte ich, daß die Ieschiwa zwischen 130 und 140 Hörer zähle, und zwar zum größten Theil aus Söhnen wohlhabender Eltern bestehe. Da die Gemeinde nicht in der Lage ist, arme Vachürim zu unterstützen, so können nur solche Aufnahme finden, die iiber die nöthigen Mittel verfügen. Der Leiter der Ieschiwa ist deßhalb genöthigt, unbemittelte Bachurim zurückzuweisen, was sehr bedauerlich ist und von Niemandem schmerzlicher empfunden wird, als von dem Zurückweisenden selber. Haben doch unsere Weisen gerade die Kinder der Armen als besonders zum Studium der Thora geeignet, unserer besonderen Fürsorge empfohlen, eine Empfehlung, welcher die armen Bachurim dieser Ieschiwa alle Ehre machen. Denn viele derselben lassen sich trotz der entschiedenen Weigerung und trotz der sicheren Aussicht auf Mangel und Entbehrung nicht zurückweisen. Ihre Liebe zur Thora ist stärker, als die Furcht vor Hunger und Armuth. Die wohlhabenden jungen Leute haben sich deßhalb zu Chewroth verbunden, welche durch monatliche Beiträge das Loos der Armen erträglicher zu macken sucht. Der Rabbiner hat, als diese Unterstützung sich als unzulänglich erwies, voriges Jahr sich an die jüdischen Gemeinden der nächsten Umgebung gewandt, die seitdeni ebenfalls in halbjährigen Beiträgen sich an diesem Liebeswerk betheiligen. Aber die von Jahr zu Jahr sich steigernde Frequenz der Jeschiwo erfordert eine viel ergiebigere Unterstützung. Die Jeschiwo hat zur Zeit ihrer Gründung mit 15—20 Bachurim begonnen, eine Zahl, die seitdem um das achtfache gestiegen ist und allem Anschein nach noch wesentlich wachsen wird. Die Gemeinde selbst ist aber in diesen Jahren an Zahl und Leistungsfähigkeit sehr zuruckgeganaen. Bor der den Juden Ungarns gewährten Freizügigkeit war Hunsdorf die einzige Gemeinde des Eomitats, in welcher Juden wohnen durften. Damals war sie eine angesehene, zahlreiche, leistungsfähige und auch opferwillige Gemeinde. Eine große, herrliche, ca. 100 Jahre alte Synagoge erinnert noch an jene Glanzzeit. Aber nicht in der Synagoge, sondern in das Bes Hamidrasch, führte mich mein Begleiter zum Mincho- Gebet. Noch mehrere Schritte davon entfernt, hörte ich schon die Stimmen der Beter und glaubte, wir kämen zu spät. Aber in Wirklichkeit hatte das Mincho- Gebet noch nickt begonnen. Ein Theil der Anwesenden sagte laut Tillim, andere Gruppen lernten, einige diskutirten. aber Alles geschah mit einem Ernst und einer der Heiligkeit des Orts entsprechenden Haltung, die mich bei jungen Leuten dieses Alters in wahres Erstaunen setzte. Dieses Staunen wuchs, als beim Eintritt des Rabbi alle Stimmen verstummten und nun das Mincho-Gebet begann. Es waren das junge Leute im Alter von 14—15 Jahren, aber ich habe noch nie diese Andacht und Innigkeit beim Gebete gesehen, von der ich hier Zeuge war. Am anderen Tage besuchte ich den Lehrvortrag (Schiur); derselbe findet Vormittags und Abends statt. Vor ersterem trägt der Rabbi ca. *4 Stunde lang die „Herzcnsvflichtcn" und in den Teschubatagen die Hilchos Teschuwo von Rambam vor. So ausgeprägt heiter ich auch den Grundton der ganzen Vortragsweise des Talmud hier fand, von so tiefem sittlichen Ernst war die erwähnte, dem eigentlichen Vortrag vorausgehende Einleitung getragen. Als der Vortragende die ergreifenden Stellen von der Bedeutung der Teschuwo mit von Thränen erstickter Stimme vortrug, ging diese tiefe Ergriffenheit auf jeden Zuhörer über. Wenn ich nichts als diese Ergriffenheit von jungen Leuten gesehen hätte, die doch alle in einem Alter stehen, in dem andere noch spielen und tändeln, so hatte sich meine Reise hierher reichlich gelohnt. Bei dem eigentlichen Talmud-Vortrag und den einschlägigen Rischonim und Acharonim bewunderte ich die klare, faßliche Darstellungsweise, in welcher die tiefsten, schwierigsten Probleme zuerst vom Blatt und dann auswendig so leicht verständlich vorgetragen wurden, daß auch der weniger Geübte leicht dem Meister folgen konnte. Von dem Verständniß des Vortrags zeugte die freie Diskussion, welche die Hörer an die einzelnen Theile knüpften. Es waren darunter junge Männer, deren talmudisches Wissen sie befähigt, bereits selber als Rabbiner zu fungiren, deren Einwendungen daher auch einem Meister der Thora zu schaffen machen können und deshalb einen lebhaften Gedankenaustausch zur Folge hatten; aber trotzdem entfuhr in diesem Streit der Geister, weder dem Meister noch den Schülern auch nur einmal ein einziges lautes Wort. Die gesetzte Ruhe des Meisters, die nie lärmt und poltert, niemals spitzig oder gern verletzend wird, ist auch auf die Schüler derart übergegangen, daß ich mich oft anstrengen mußte, um die von ihnen gemachten Bemerkungen nur hören zu können. Aber dem Vortragenden selber entgeht nichts. Während er ganz in seinen Vortrag vertieft scheint, hat er jeden seiner Schüler im Auge, das sogar jeden Abwesenden sofort vermißt. So schickte er mitten im Vortrage nach einem vierzehnjährigen Jungen, dessen