Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 91 (17.11.1904)
- Date
- 1904-11-17
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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iSöS Janntfönft mit Land und Leuten. Jedesmal, wenn ich von einer solchen Reise in eine der vielen „Polnischen" Gebiete zurückkehre, fühle ich mich um eine ganze Ladung von Befangenheit und Vorurtheil freier. Diesmal aber habe ich eine Erfahrung, ich möchte sagen, eine Entdeckung, gemacht, die mir so freudig das Herz erfüllt, das; ich,sie nicht allein für mich behalten und dcßhalb einen Theil davon herunter schreiben möchte. Kurz vor den Selichos-Tagen mußte ich eine Reise nach Ungarn antreten. die üch so in die Länge zog, daß ich zu Rosch-Haschono nickt wieder zurück sein konnte. Schon seit Jahr und Tag ist es mein Wunsch, einmal eine ungarische Jeschiwo (Talmud-Hochschule) von Grund aus kennen zu lernen. Ich machte daher aus der Roth eine Tugend, und beschloß, die heiligen Festtage m einer Gemeinde' mit einer Jeschiwo, oder richtiger, in einer Jeschiwo mit einer Gemeinde, zu verbringen. An Gemeinden mit Jeschiwo's ist in Ungarn G. s. D.. kein Mangel. Die große Mehrzahl der auf dem Boden des gesehestreuen, überlieferten Judenthums stehenden Rabbiner erachtet es für ihre erste heiligste Pflicht, ohne jeden Entgelt einen möglichst großen Kreis von Schülern um sich zu sammeln und der Gemeinde gilt es als Gemeinde-Aufgabe, für die materiellen Aedürfniffe der unbemittelten, thorabeflissenen Jünger nach Kräften aufzukommen. Dies mag nun durch Bewilligung von Geldmitteln, durch Freitische, durch Gelegenheit zum Ertheilen von Privat-Unierricht oder auf welche Weise immer geschehen, immer wird das materielle und numerische Uebergewicht der Gemeinde die Jeschiwo beeinflussen. Ich hörte nun von einer Jeschiwo. die größer ist als die Gemeinde, in der sie sich befindet, in welcher die Jeschiwo nicht von der Gemeinde, sondern die Gemeinde von der Jeschiwo lebt und sagte mir. daß das der rechte Ort sei, um eine solche Anstalt und ihren Leiter in ihrer gänzlich unbeeinflußten Eigenthümlichkeit kennen zu lernen. Es ist dies die Jeschiwo von H u n s d o r f (Hunnen-Dorf) im Zipser Comitat, am Fuße der schneebedeckten Älpenhäupter der Karpathen und speziell der hohen Intra gelegen. Als ich nach einer mehrstündigen Reise dort angelangt, mein Gepäck von dem Bahnhofe ins Dorf tragen ließ, erzählte mir der Träger schon unterwegs, daß kürzlich ein großer Brand^42 Häuser eingeäschert habe, daß es schwer fallen dürste, eine Wohnung dort zu finden, daß das einzige dortige Wirthshaus nur ein einziges Fremdenzimmer habe, das aber gewiß nickt mehr frei sei. Ich ließ meine Sachen trotzdem in's Wirthshaus bringen. Wer mir auf dem Weae durchs Dorf begegnete, kam auf mich zu. reichte mir die Hand und entbot mir so herzlich den Sckolaum-Alechem-Grnß. daß ich mich im Herzen für uns deutsche Juden schämte. Uns ist diese brüderliche „polnische" Herzlichkeit so fremd geworden, daß sich's ein wirklich „Gebildeter" gewiß erst zweimal überlegt, ob er selbst einem Ertrinkenden die Hand reichen soll — er ist ihm ja nie vorgestellt worden! Mein nächster Weg war zum Rabbiner, von ihm hoffte ich auch einen guten Rath für meine Wohnungsnoth zu bekommen. Unter den Reihen der vielen einstöckigen Häuschen, die nur selten von einem zweistöckigen unterbrochen werden, fand ich in einem engen Seitengäßchen die Wohnung des Rabbiners. In einem Vorzimmer hielten-sich mehrere Bachurim auf, die mich herzlich begrüßten und mir sagten, daß ihr Lehrer in wenigen Minuten zu sprechen sei. Als fie hörten, daß ich noch kein Zimmer habe, hielten sie einen kurzen Kriegsrath und vertheilten sich dann im Dorfe, mit der bestimmten Zusage, daß sie mir schon ein gutes Logis besorgen würden; ich solle mich darum nicht weiter kümmern. Vorher führte mich einer derselben in das Zimmer des Rabbiners; dieser kam erst nach wenigen Minuten, so daß ich Muße hatte, einen flüchtigen Blick auf den Raum und seine Einrichtung zu werfen. Wie war das Alles so frugal und schlicht, nach unserer Auffassung vielleicht gar ärmlich! Bett. Tisch, Stühle. Stehpult, sowie ein mäßig großer Schrank mit Folianten und ein Waschgestell, das war Alles. Ich meinte die bereits vorhin betonte einende Kraft der Thora und die trennende unserer modernen Bildung in diesem Zimmer verkörpert zu sehen, noch bevor ich seinen Bewohner zu Gesicht bekommen hatte. Empfangszimmer, Schlafzimmer und Stndirzimmer, die unser Geschmack nicht scharf genug trennen zu müssen glaubt, fand ich hier harmonisch vereinigt. Daß diese Vereinigung nicht bedrückt und nicht beengt, sah ich auf den ersten Blick, als der, weit'über den Kreis seiner Wirksamkeit hinaus gefeierte Gelehrte in das Zimmer trat, in dem er den größten Theil seines Lebens verbringt. Die äußere Haltung. Kleidung und das ganze Auftreten entsprach der einfachen, schlichten, anspruchslosen Ausstattung des Raumes. Aber die Milde und Weisheit, die aus den Augen des Rabbi leuchteten, die Gottesfurcht, die fein Antlitz verklärte, die Menschenliebe und die tiefe, abgeklärte Thoralunde, von welcher jedes seiner Worte zeugte, das scharfe und doch zugleich schonend milde Urtheil. diese Einsicht und Nachsicht, diese Größe und Bescheidenheit und eine ganze Fülle sonstiger Vorzüge des Geistes und Herzens ließen mich über den Edelstein seine schlichte Fassung vergessen. Mein erster Besuch dauerte nicht lange, denn zwei Herren, deren Söhne die Jeschiwa besuchen und die ebenfalls über Rosch Haschono in Hunsdorf bleiben wollten, waren schon vor mir angemeldet und lösten mich ab. Vor der Thure empfingen mich die jungen Leute, die mir inzwischen ein Zimmer besorgt hatten, und ließen es sich nicht nehmen, mich dahin zu begleiten