Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 91 (17.11.1904)
- Date
- 1904-11-17
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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//MW li mmk das L'MM-S , s » L »»- ILI^ l ÜH3STO 17. Nov. 1904.] [Kt. 26. ♦ Cs flißi unter unseren sogenannten ^Gebildeten" Viele, welche allen Ernstes glauben, daß ivenige Meilen östlich von den Grenzpsählen ihres Wohnorts Polen beginne. Allen ihren geographischen Kenntnissen zunr Trotz, ist ihnen Polen ein undefinirbarer und uferloser- Begriff, gilt ihnen Polen als der ungeheure Topf, in den sie Alles werfen, was ihnen an ihren jüdischen Brüdern ungewohnt und fremdartig in Sprache und Lebensweise, an langen Röcken und Bärten erscheint; die niger est, der ist ein Pollack. In ihren Karten und Atlanten wissen ste ganz genau Grenze und Umfang des einstigen und heutigen Polens anzugeben, aber in ihren Köpfen und Herzen spukt Polen als ein unermeßliches Reich, in dem die Sonne nicht unter- oder vielleicht nie aufgeht. Ungarn, Galizien, Rumänien find nichts als Provinzen dieses utopischen Polenreichs, ganz Rußland gilt ihnen als ein Anhängsel von Polen, ja ste würden selbst Jemand, der mit Kaftan, Schläfelocken und fremdem Sprachidiom vom Mond herunterfiele, als von Polen kommend deklariren. Denn was nicht ganz genau nach der gewöhnlichen, landläufigen Schablone dressirt ist, kurz, was man nicht dekliniren kann, steht man als einen Polen (ul Ich will auf das Kleinliche, Spießbürgerliche und Engherzige, das dieser beschrankten Anschauungsweise zu Grunde liegt, hier nicht eingehen, noch weniger auf die Quellen, aus welchen ste fließt und auf die Konsequenzen, zu welchen ste führt; denn das ist ein Kapitel, viel zu wichtig, als daß man es nur so nebenbei behandle. Aber die eine Bemerkung kann ich nicht unterdrücken, daß. es nicht immer so war, daß die so oft belächelte Einfalt unserer Vorfahren noch vor hundert und zweihundert Jahren gerechter, weitherziger und vorurtheilsfreier war, als die Bildung ihrer kosmopolitisch schwärmenden Enkel. Damals hatten die Rabbinatsstühle der ersten deutschen Gemeinden Rabbiner von Polen inne und ebenso wirkten Rabbiner aus Deutschland segensreich in den osteuropäischen Gemeinden; eine Thatsache, die uns heute wie eine Mythe anmuthet. So gewiß die Thora eine einende, verbrüdernde Kraft hat, so sicher scheint unsere mdderne Alltagsbildung eine zersetzende, trennende zu haben, das sehen die in diesem Bildungsdrill Geschulten allerdings nicht ein und würden, wenn sie es einsähen, es gar noch als. einen Vorzug erklären. Dazu kommt noch die deutsche Taktlosigkeit, die ein Lächeln der Ueberlegenheit nicht unterdrücken kann, wenn sie auch einen Franzosen pder Engländer daS Deutsche mangelhaft sprechen Hort; eine Unart, die sich selbst der Ungebildetste in England oder Frankreich nicht zu Schulden kommen ließe, wenn ein Ausländer die französische oder englische Sprache nicht frei von Fehlern und Anstößen spricht. Aber füglich ist Jedermann ein Kind seiner Zeit und hat bewußt oder unbewußt sein gerütteltes Maatz ihrer Vorzüge und Mängel. Ich erinnere mich ganz gut der Jahre, in welchen ich selber noch bis über die Ohren in diesem polnischen Aberglauben, steckte, und der Muhe und Selbstbearbeitung, die mich seines Ueber- Windung kostete. Eines der . bewährtesten Mittel zur Ueberwindung dieses polnischen Köhlerglaubens ist . das Reifen und die dadurch vermittelte persönliche Be*