Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 90 (14.11.1904)
- Date
- 1904-11-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1915 wird Euch die Verwaltung, besonders die Polizei, nicht schützen." Diese Worte machten auf die Juden tiefen Eindruck und sie hörten seitdem nicht auf, davon zu sprechen. In der Nacht zum Samstag. 22. Oktober, lam der Befehl zur Mobilisirung. Am Samstag gingen junge Leute von verdächtigem Aussehen, die ihrem Alter nach keine Reservisten zu sein schienen, in kleinen Gruppen in den Straßen Wietrenaia und Solowskaia auf und ab, warfen auf die vorübergehenden Juden Steine und traktirten sie mit Stockhieben; sie bedienten sich vielleicht auch anderer Instrumente. Man versichert positiv, daß die Gehülfen der Kommissare, vor allem einer Namens Rone, die Juden, die fliehen wollten, festhielten, damit die Angreifer sie besser erreichen konnten. Diejenigen, die sich an den Polizeichef wandten, erhielten zur Antwort, er betrachte diese Ereignisse als gerechte Strafe dafür, daß die Juden der Regierung gegenüber eine unsichere Haltung einnähmen und sich dem Militärdienst entzögen; er rathe allen, sich zu verstecken. Zu den Aufwieglern soll er gesagt haben: „Schont die Greise, aber werft Euch auf die jungen Juden." Unter den Verletzten waren jedoch nicht wenig Greise. Auch Reservisten hielten die Passanten an, aber sie forderten von ihnen nur ein Trinkgeld und waren jedenfalls nicht zahlreich. Mohilew allein zählt 1000 Reservisten, während die Zahl der Unruhestifter kaum JOO betrug. Während des Samstag hatte sich in den unteren Schichten der Bevölkerung das Gerücht verbreitet, daß die Juden einen Reservisten getödtet, und daß sie in der Vorstadt Karäbanowka 68 Männer niedergemetzelt und deren Habe fortgeschlcvpt hätten. Es war kür jeden augenscheinlich, daß diese Gerüchte den Zweck hatten, den Pogrom (Krawall) vorzubereiten. Am Samstag, hielt ich mich bei einem Freunde auf, als der Dienstbote eintrat, um uns diese Gerüchie zu erzählen. Mein Freund ließ mich nicht zu Fuß fort, sondern schickte nach einem Wagen, da er aus den Erzählungen schloß, daß der Pogrom sich spätestens am folgenden, vielleicht am selben Tage ereignen würde. Die Juden brachten diese Gerüchte auch zur Kenntniß des Polizeichefs und man versichert, daß ihm hierbei ein Geldgeschenk gereicht, nach andern bedingungsweise zugefagt wurde. Sonntag Früh erschien folgender Anschlag: Bekanntmachung! Da in der Stadt Gerüchte verbreitet sind, daß während der Unruhen einige Personen schwer verwundet wurden, so erkläre ich, daß diese Gerüchte falsch sind. Es fand gestern nur eine gewöhnliche, ganz unbedeutende Schlägerei statt. Der Polizeichcf von Mohilew!. Rodionow. > Dennoch erhielt man Sonntag Vormittag die. Kunde, daß ein kleiner Haufe von etwa 50 Leuten im» j Zuge sei, Unruhen zu provoziren; alles junge Männer, darunter besonders Journalisten, die Jeder hier kennt, Beamte mit ihren Abzeichen. Schüler der städtischen Schule, auch einige Schüler des Gymnasiums und der Realschule, die der Spektakel vielleicht interessirte; nur wenig Reservisten. Diese Bande erbrach einige Läden des Bazars und raubte die Maaren. Eine Soldatenabtheilung, die herbeiaerufcn wurde, blieb unthätig. Die Polizei beschränkte sich darauf, die erbrochenen Läden lvieder zu schließen, um die Spuren der Plünderung zu verwischen. (Die Eigenthümer hatten vorher die Läden geschlossen in Erwartung des Pogroms.) Die Bande verließ nun den Bazar und wandte sich nebenan zur Straße Krasnopolskaia. Ob sich unter diesen Männern eine große Zahl Reservisten befunden hat, die sich etwa der Brode und anderer Eßwaaren bemächtigten, ohne anderes anzurühren, weiß ich nickt. In der Straße Krasnopolskaia zerschlug die Bande die Fensterscheiben und zerstörte alles Mobiliar auch in den Wohnungen der Aermsten. Den Polizeichef Rodionoiv, der nunmehr ans dem Platze erschien, führte die Bande im Triumph mit sich. Man, erzählt, daß er ihr ein Trinkgeld gegeben habe, die einen svrechen von 15, die andern von 75 Rubeln. Den Juden, die ibn um Hilfe anflehten, antwortete er: „Beribeidigt Euch selbst." Der Bande rief er zu: „Amüsirt Euch gut, Ihr Gassenbuben!" In diesem Augenblicke näherten sich etliche jüdische junge Leute, bewaffnet mit Gelaichten, Stößeln und Pflöcken und nur wenig Feuerwaffen. Die Polizei, die die Plünderer gewähren ließ, nahm alle jungen Israeliten auf den Straßen fest und ließ jeden abführen, bei dem sie etwas Watfenähuliches fand; bis zu meiner Abreise waren sie noch in Gewahrsam. Von der Straße Krasnovolskaia aus erreichte der Hanfe — es waren, soweit ich erfuhr, immer dieselben Leute — den Bazar Bychowsli, wo wiederum auch die ärmsten Läden ausgeraubt wurden. Sodann wurde eine regelrechte Plünderung in Szene gesetzt in der Straße Dubrowenka. die von einer außerordentlich armen Bevölkerung bewohnt wird, und Jeder, der stch zur Wehr setzte, wurde mißhandelt; doch waren das nur wenige. Hin- . gegen leisteten die Juden in der Schumlowkastraße energischen Widerstand und die Plünderer zogen sich zurück, ohne etwas zu berühren. Auf dem Wege nach der Wilenskaiastraße erbrachen sie die Konfektionsläden und eigneten sich auch das Vorgefundene Geld an. Einige jüdische Augenzeugen folgten der Bande und zeigten den, der das Geld genommen, der Polizei an; es war kein Reservist, sondern ein kleiner Beamter. Man fand bei ihm 175 Rubel, die er geraubt hatte; die Polizei ließ ihn wieder laufen. Gegen 4 Uhr Nachmittags nahm derselbe Haufe seinen Weg nach dem ,Gefängniß. Er wählte das elendste Gäßchen, zerstörte Has Mobiliar in den Wohnungen, zerschlug die Fenster-