Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 90 (14.11.1904)
- Date
- 1904-11-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1914 um sich auch in die Hauser der emsigen Einwohner von Gollub einzunisten. Da wurde plötzlich die Mobilmachung bekannt. Ohne auf die Tauglichkeit zum Kriege erst zu untersuchen, ohne Rücksichtnahme auf die Familienverhältniffe. auf die vielen armen und kranken Frauen und Kinder, die ohne Ernährer Zurückbleiben würden, wurden alle nur einigermaßen Waffen- . fähigen, das 60. Lebensjahr noch nicht zurückgelegten Polen und Juden des Ortes, die sonst als Unterthanen letzter Klasse behandelt worden, zur Stellung aufgefordert, um als sicheres Kanonenfutter nach der Mandschurei abgesandt zu werden. Kein Wunder, daß diese Unglücklichen, um dem sicheren Tode zu entgehen, schaarenweise zu ihren Verwandten und Freunden nach Gollub flüchteten, wo sie Rath und Unterstützung für ihr weiteres Fortkommen zu finden hofften. Es waren nicht, wie die Tagesblatter berichteten, 2000, sondern bloß 200 Flüchtlinge, die sich vorige Woche auf dem Marktplatze in Gollub versammelten und händeringend um Schutz und Zuflucht flehten. Allein diese 200, die mehrere Tage verpflegt und zum Theil mit Geldmitteln zur Weiterreise unterstützt werden mußten, haben in Dobrzyn die vierfache Seelenzahl von armen Angehörigen zurückgelassen, die nunmehr auf die Mildthätigkeit der nicht minder armen Golluber angewiesen sind. Unter den Flüchtlingen befanden sich auch einige aus alt-polnischem Adel. Ein Herr von Borzewski aus Dlage suchte schon einige Tage früher das Weite, während der Gutsberr von Dzialin. von Ezechowski, als russischer Reserve-Offizier, sich gleich nach der Bekanntmachung der Mobilisation aus Verzweiflung vor den Augen seiner Frau und Kinder eine Kugel in den Kopf jagte. Das traurige Ende dieses, in der ganzen Gegend beliebten Mannes in den bellen Jahren, wird von allen, die ihm nahe standen, aufrichtig betrauert. Aehnliche Szenen spielten und spielen sich täglich auch in den untersten Volksschichten ab. Aus verschiedenen Orten des Kreises wurde berichtet, daß manche einberufene Reservisten, bevor sie sich stellten, ihre Frauen und Kinder hinschlachteten, damit diese nicht unversorgt oder durch russische Staatsunterstützung versorgt. Zurückbleiben sollten. Man mag vom patriotischen Standpunkte aus diese traurigen Bealeiterscheinungen des Krieges, insbesondere die Massenflucht, noch so sehr verurtheilen. eins aber darf nicht außer Acht gelassen werden: Vaterlandsliebe läßt sich nicht, wie eine Treibhauspflanze, künstlich ziehen. Die Polen und Juden in Gollub zogen 1870 in den Krieg mit der größten Begeisterung. und noch leben dort einige Veteranen, die mit berechtigtem Stolz auf das ihre Brust schmückende Eiserne Kreuz zeigen. Die Polen und Juden jenseits der Drewenz aber, die nur Chikanen und Zurücksetzungen erfahren, und von den russischen Machthabern wie Zitronen ausgepreßt werden, haben wahrhaftig keine Ursache, sich gerechter und großmüthiger als der sie verfolgende finstere, fanatische Haß zu zeigen. Wer Liebe säet, erntet Liebe, wer aber Haß auspreut, darf sich nicht wundern, wenn seine Saat giftige Fruchte trägt, die früher oder später ihm selbst zum Verderben gereichen. A. K. Russische Reisepässe. Leipzig. Die Anerkennung der Pässe in Rußland reisender Juden soll nach dem „Leipz. Tgbl.* bei den Verhandlungen in Norderney zwischen dem Reichskanzler und dem Präsidenten des russischen Ministerkommitees v. Witte erörtert worden sein. Graf Bülrro habe fr«* Besprechung dieses. Punktes mit den Worten eirigeleilei: „Was ich jetzt fordern werde, liegt vielleicht mehr in Ihrem als in unserem Interesse." Dermuthlick, wollte der Kanzler darauf Hinweisen, daß die zur Zeit bestehende Gesetzgebung in ganz Europa als rückständig empfunden wird und ihre Abänderung in allen Kulturländern günstigen Eindruck Hervorrufen werde. Herr v. Witte sagte darauf: „Sie haben vollkommen recht T Demnach stehe zu erwarten, daß die deutschen Wünsche in dieser Richtung Berücksichtigung finden. D!s Unruhen ln Mohilew. Ans Rußland. Gegenüber den Ausstreuungen der russischen Negierung, als seien die gegenwärtig von allen Seiten gemeldeten Ausschreitungen gegen die Juden hauptsächlich das Werk der für den Krieg eingezogenen Reservisten, die abwechselnd über die jüdischen Händler, die jüdischen Revolutionäre oder die jiidischen Deserteure in Wuth gerathen. verdient ein Privatbericht über die Unruhen in Mohilew besondere Beachtung. Man erfährt aus ihm, daß es in Wirtlichkeit der Pöbel der Städte ist, der geringe und der vornehme, der im Bunde mit den Behörden seine längst gehegten Gelüste befriedigt. Die Mobilmachung dient als schönste Gelegenheit zu Plünderungen und Erpressungen. Die begreifliche Erregung der Reservisten soll nach dem Wunsch der Oberen auf die Juden abgelenkt werden, damit sie nicht politisch zum Ausbruch komme. Doch die Leute wissen, daß bereits Zehntanlende ihrer jüdischen Kameraden ihr Leben für den Zaren preisgeben und dürften sich schon aus diesem Grunde weigern, denen zu folgen, die den Staat zu einer Räuberhöhle erniedrigen. Ilnfer Gewährsmann berichtet aus Mohilew wie folgt: : r Nach der Kundgebung der jüdischen Arbeiter vom 15. Oktober sagte der Pokizeichef Rodionow öffentlich zu Lehnerson und einigen anderen Juden der Stadt: „Zu Euch Juden habe ich kein Vertrauen; sollte während der Mobilisirung ein Krawall ausbrechen, so