Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 90 (14.11.1904)
- Date
- 1904-11-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1913 auch anschkinend nicht hervor, so müssen wir bedenken, daß wir nicht Alles sehen. Wir sehen nur immer einzelne Ereignisse oder vielleicht Gruppen von Ereignissen, aber wir sehen doch nicht alle Ereignisse. oixn toi* *6 '2 cpton npws bz nx ':x w« repn nnn mm tox nevvn nx xLvb. „Die Werke und Thaten Gottes mutz man im Ganzen betrachten, denn aus einer einzelnen That und aus einem einzelnen Werk bekommt der Mensch keinen Sinn heraus." Wer nicht alle Geschehnisse in ihrem Zusammenhänge zu erfassen vermag, wer nur immer einzelne Geschehnisse beobachtet, wer nur einzelne Werke sieht und nur von einzelnen Thaten hört, der wird immer vor Räthseln stehen, der wird Vieles ohne Sinn und Verstand finden. Ging es ja dem weisen König selbst nicht besser. Als er die einzelnen Elemente menschlichen und universellen Lebens ein jedes gesondert von dem andern betrachtete, da schalt er Alles als thöricht und eitel. Lebensfreude, Lebensgenuß. Weisheit, Reichthum, Frömmigkeit, gottgefälliges Leben, betrachten wir all diese Güter ein jedes für sich, ohne Zusammenhang mit den anderen Gütern, so befriedigen sie nicht, r» vom ‘on im rfic na xi' c'p^x. Ein Endergebniß findet man nur dann, wenn man dies Alles im Zusammenhänge betrachtet. Das Endergebnitz aber ist: Fürchte Gott und hüte Seine Gebote, denn das ist der ganze Mensch, das ist der Sinn menschlichen Daseins, Zweck menschlichen Lebens. Und von dieser deiner Gottesfurcht lasse dich durch nichts abbringen, kein Räthsel entferne dick, von diesem Wege, durch keine Schwierigkeit lasse dich irre machen, denn wisse, deine Räthsel sind eben nur deine Räthsel, die Schwierigkeiten, die du siehst, siehst ebm nur du, weil du Mensch nicht Alles siehst. Du siehst so viele Schwierigkeiten, weil du vom Leben zu wenig siehst. Würdest du Alles sehen, so bliebest du auf dem Wege der Gottesfurcht, denn der Gottesfürchtige ist allein der ganze Mensch. (Fortsetzung folgt.) Rabbiner Dr. Cohn. Potsdam. In Folge eines Schlaganfalles starb dieser Tage in Berlin der den Potsdamern aus seiner langjährigen Amtsthätigkeit bekannte Rabbiner Dr. Phil. Cohn. Dr. Cohn hat ein Alter von 78 Jahren erreicht. 39 Jahre amtirte er und zwar bis zum April 1896 in Potsdam. In seine Amtsthätigkeit fällt der zeitgemätze Ausbau der hiesigen jüdischen Gemeindeeinrichtungen. Bemerkenswerthe Ereignisse in seiner Amtsthätigkeit sind die Säkularfeier der Synagoge am 29. Dezember 1867 und die Trauergottesdienste anlLtzlich der Todes Friedrich Wilhelms IV. und der beiden grossen Kaiser. In seine Amtsthätigkeit fällt auch die Einführung des jüdischen Religionsunterrichts in die hiesigen Schulen, die durch das Wohlwollen des Magistrats und der Direktoren dank der Beliebtheit Dr. Cohns ermöglicht wurde. Zeugniß von dieser Beliebtheit legte auch das herzliche Berhältnitz ab, durch das sich der jetzt Verstorbene dem Prediger der Heiligengeistkirche Persius verbunden fühste, und die Ehrenmitgliedschaft der Litteraria, die ihm beim Scheiden aus dem Amte verliehen wurde. Auch der Staat versagte aus diesem Anlah seine Anerkennung nicht und schmückte den Greis mit dem Rothen Adlerorden 4. Klasse. Seit mehreren Jahren lebte Dr. Cohn in Berlin und verfolgte von dort aus die weitere Entwicklung der hiesigen jüdischen Gemeinde und der Stadt Potsdam. Dort ist er auch aus dem Leben geschieden, dem er selbst als Wahrspruch die Worte gegeben hat: „Haben wir nicht alle einen Vater? Hat nicht ein Gott uns alle geschaffen? Warum sind wir treulos einer gegen den andern?" (Maleachi 2,10). Die Schrecken veS Krieges an ver preußisch» russischen Grenze. G o l l u b, 8. Nov. Die Nachricht von dem Ableben eines nahen Verwandten ° lenkte vor einigen Tagen meine Schritte nach Gollub, dessen Einwohner kürzlich Zeugen des Schreckens waren, den der unselige russisch-japanische Krieg um sich verbreitet. Das Städtchen, das auf ein hohes Alter zurückblickt, — noch ist das 1296 auf einer Anhöhe erbaute Schloss, um das diese Ansiedelung nach und nach entstand, erhalten — ist durch die kaum 20 Meter breite Drewenz von dem polnischen Städtchen Dobrzyn getrennt, dessen Bewohner, ebenso wie die Gottubs, sich vorzüglich durch Ackerbau, Geflügelzucht, Getreide- und Viehhandel schlecht und recht ernähren. Der grösste Thcil der Golluber Einwohnerschaft, Polen wie Juden, stammt ursprünglich aus Dobrzyn. Sie verliehen das unter der russischen Knute seufzende Heimathland, um unter Preußens Schutz ein menschenwürdiges Dasein fristen zu können. Das einzige Band, das deren Nachkommen mit den Bewohnern jenseits der Grenze jetzt noch verbindet, ist neben dem gemeinsamen Glauben hauptsächlich in den verwandtschaftlichen Beziehungen und den mit einander unterhaltenden Handelsinteressen begründet. Schon gleich nach dem Ausbruch des Krieges machten sich die traurigsten Folgen, die er nach sich zog, in Gollub sehr unangenehm bemerkbar. Der sonst ziemlich lebhafte Handel ruhte plötzlich, da Glauben und Vertrauen gänzlich aufhörten, und die ohnehin, in Folge der erbärmlichen russischen Wirthschaft, in Dobrzyn heimisch gewordene Armuth überschritt vor den Augen der sonst so wachsamen russischen Grenzsoldaten die schmale Drewenz,