Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 89 (10.11.1904)
- Date
- 1904-11-10
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Ebenso erweisen sich viele der willkürlichen Textänderungen auch in pädagogischer Beziehung als verfehlt. Wenn z. B. Müller Gott sprechen läßt: „Rühret nicht daran, sonst müßt ihr sterben," so verwischt diese Erzählung einen geradezu typischen Zug im Charakter der Eva; oder wenn Abraham zu den Engeln spricht: „Badet euch . . .".so zerstört diese Schilderung ein Meisterwerk anschaulicher Erzählungskunst der Bibel. Wo der Verfasser sich bemüht zu ergänzen, was ir. der biblischen Erzählung „zwischen den Zeilen" zu lesen ist. läßt er es immer an der für die „Anschaulichkeit" so nothwendigen Detailmalerei fehlen. Sätze wie: „Rach dieser schrecklichen That suchte er (Kain- Gott zu belügen .. er wurde ernst und traurig.. fühlte Reue und weinte,, — oder: „Josef trug sein Unglück mit Geduld und vertraute auf Gott" sind abstrakte Reflexionen, die in einer Erzählung für die Unterstufe keinen Platz haben. Sittliche Urtheile in abstrakter Form, die vom Schüler auf konkreter Grundlage von Handlungen erst erarbeitet werden können, leiten häufig die Erzählung ein. Fertige Urtbeile über Personen, die zu deren Eharaktensirung vorweg der Erzählung eingefügt sind, (die Häufung der Beiwörter, wie: „die gottlosen Menschen (in Sodom), — die bösen Menschen, — die rohen Menschen, — die gcwaltthätigen Menschen") erklingen bei der Nacherzählung durch die Kinder wie altkluge, abgeschmackte Redensarten und erziehen zu einem frühzeitigen Raisnnniren über Personen und Dinge, deren Beurtheilung Kinder nicht ansteht. Die angeführten Beispiele sind nicht etwa „ausgesucht". dergleichen lassen sich fast ans jeder Seite des Müller'schen Buches anführen. Aus den angegebenen Gründen muß das Buch trotz einzelner Vorzüge, die vom Referenten uns mehr als gewürdigt erscheinen, entschieden abgelehnt werden. Ein anderer Kollege führte aus: Müllers biblisches Geschichtenbuch ist ein einzig großer Verstoß gegen den Geist und die Methode der Bibel selbst. Ob ein Mensch gut oder böse handelte, soll das Kind selbst finden, um sich einen sittlichen Maßstab bilden zu können, nicht aber die ausgesprochenen Tendenzen des Erzählers nachbeten. Müller wollte eigentlich mehr bieten als eine Zeichnung des Verlaufes der Geschichte des jüdischen Volkes von der Wiege bis zum Grabe seiner politischen Selbstständigkeit' in historisch genauen Linien. Auch in der jetzigen Auflage seines Buches sind manche Verfettungen gegen die historische Wahrheit noch nicht ausgemerzt. Aber Müller hat oftmals den Pinsel in die Farbe getaucht, um ein Portrait oder ein Gemälde zu geben. Man vermißt aber bei Schilderungen die Farbenpracht des Midrasch, dessen feinsinnige psychologische Vertiefung in die Charaktere. Verfasser scheint zu wenig vertraut mit den Bibelkommentaren zu sein, um selbst zwischen den Zeilen lesen zu können. Wäre dies aber der Fall, dann wehte vielleicht dem Leser seiner Erzählungen ein Hauch jenes ewig frischen Geistes der heiligen Schrift aus seinem Buche entgegen und konnte dieses Werk den Anspruch mit Recht erheben, einigermaßen als Ersah für den Urtext gelten zu können. Herr Ehrmann-Friedberg hält Müllers „Kleine Bibel", trohdein sie sich zuweilen ganz unnöthiger Wesie vom Bibeltext entfernt, für das beste der gegenwärtig vorhandenen Lehrbücher, weil sie nicht nur den geschichtlichen. sondern auch den gesetzlichen und poetischen Theil der Bibel, soweit als irgend zulässig, ausschöpft. Einige anstößige Stellen müßten allerdings noch entfernt werden, um sie für jedermann empfehlenswerth zu machen. Rach Schluß der Debatte wurde den Referenten Tank für ihre Arbeit ausgesprochen. Wegen vorgerückter Stunde, die Glocke hatte die sechste Abendstunde verkündet, mußte vom letzten Punkt der Tagesordnung: „Freie Besprechung" abgesehen iverden. Der Vorsitzende schloß die Versammlung und man trennte sich mit dem Bewußtsein, einen genußaber auch arbeitsreichen Tag verlebt zu haben, unter dem Zurufe: „Auf frohes Wiedersehen bei der Jubiläumsversammlung!" Aron Mandelbaum, Schriftführer. Sprechsaal. In einem, im israelitischen Lehrerverein für Posen und Schlesien gehaltenen Vortrage über die Fortbildung des jiidischen Lehrers, hat der Herr Referent unter anderem betont, daß in Süddeutschland die Oualifikation des jüdischen Lehrers bei seinen Genleindeanaehörigen weder nach seinen pädagogischen noch nach seinen kantoralen Leistungen bcurtheilt wiirde, sondern vornehmlich nach seinen Schiurvorträgen. Wenn auch Schreiber dieser Zeilen obiger Behauptung nicht ganz beipflickten kann, denn leider gibt es auch in Süddeutschland Gemeinden, in denen man, dem Zuge der modern sein wollenden Gegenwart folgend, einem Schiur abhold ist, so liegt immerhin für uns süddeutsche Kollegen im angeführten Ausspruche ein gutes Körnchen Wahrheit und ein nicht zu unterschätzender Ansporn zum rechten Schiurlernen. Verfasser dieser Zeilen, der in seiner bisherigen. Praxis in verschiedenen bayrischen Landgemeinden! thätig war. hat noch immer gefunden, daß die Gesammtbeurtbeilung seiner Thätigkeit auch von der Art und Weise seines „Lernens" bedingt wurde. Er konnte deutlich wahrnehmen, daß sich Gähnen, Schläfrigkeit, Lispeln und schließlich lautes Sprechen nur dann bei