Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 89 (10.11.1904)
- Date
- 1904-11-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1890 die falten höhnischen Züge verloren; der Rabbi erbleichte, als er es Härte. Aar denn gar feine Rettung? Schon so nabe am Ziele und doch vergeblich! Der Geistliche ahnte wohl, was in ihm vorging und saust redete er ihn wieder an: „Ja. es thut mir leid um Euch und Eure Tochter; ich will thun, was in meiner Macht steht, ich will Euch ein Schreiben an den Grasen mitgeben, hoffentlich hat es Erfolg; mehr kann ich jetzt nicht thun. Wartet einige Minuten, da könnt Ihr das Schreiben gleich mitnehmen." Mit diesen Worten verließ er das Empfangszimmer. Erschöpft ließ sich der Rabbi auf die Polsterbank fallen; sehr widersprechend waren seine Gefühle, die er jetzt hegte. Hatte sein Werk Erfolg? Würde der Graf auf das Schreiben des kurfürstlichen Vertreters nachgeben? Das waren Fragen, mit denen üch der Rabbi sein Gehirn zermarterte, ohne stch eine Antwort darauf geben zu können. Auch über die Person des Geistlichen war er im Unklaren, wie hatte er ihn empfangen! Und wie freundlich und leutselig waren leine letzten Worte gewesen; er wußte nicht, was er von ihm denken sollte. Wieder vergingen einige Minuten, endlich erschien der Geistliche wieder, in der Hand einen langen Pergamentstreifen: ein Schreiben an den Grafen Gersdorf. mit dem Siegel des Kurfürsten versehen. Flüchtig übersah der Rabbi die Schrift, als ste ihm der Geistliche übergeben hatte, da fuhr er plötzlich erstaunt auf, das Schriftstück trug am Ende mit großen starken Zügen die Namensunterschrilt: Johann Reuchlin. Der Geistliche sah ihn lächelnd an: „Ihr staunt wohl, die Unterschrift des Mannes zu sehen, der weit und breit durch seine Gelehrsamkeit berühmt ist." Der Rabbi, kaum eines Wortes mächtig, stieß stockend hervor: „Wie-ist er denn hier?" „Ja, er ist auf der Durchreise begriffen, und hält stch hier nur einige Tage auf. Ich erzählte ihm kurz Eure Geschichte und sofort war er bereit, dies Schreiben au den Grafen zu unterzeichnen. Er wäre wohl selbst gekommen, doch kann er eben nicht abkommen." „O. Herr, wie soll ich Euch danken für das, was Ihr mir gethan habt?!" „Laßt das sein, alter Rabbi, danket mir. wenn das Schreiben seinen Zweck erreicht hat. Jetzt aber bitte ich Euch, mich zu verlassen, wichtige Geschäfte warten auf mich." Mit diesen Worten reichte er dem Rabbi freundlich die Hand, dankbar küßte dieser ste und mit einer tiefen Verbeugung verließ er das Gemach. Ungeduldig schritt Jakob vor dem Palaste auf und ab; da endlich erschien der Rabbi wieder im Thore. Er eilte auf ihn zu und rief: „Ich sehe es Euch an, Rabbi, Ihr habt gute Nachrichten." „Was ich hier in Mainz erreichen wollte, habe ich nicht ganz erreicht, doch ich bin mit meinem Erfolge zufrieden, Gott gebe es, daß mir mein Befreiungswerk ebenso gelingt!" Der Rabbi erzählte ihm nun auf dem Wege nach der Judengasse alles ausführlich, was er in dem Hause des Kurfürsten gesehen und gehört hatte. Wie staunte Jakob, als ihm der Rabbi das Schriftstück mit dem Namenszug Reuchlins zeigte. „Jetzt könnt Ihr sicher sein. Rabbi, der Graf wird stch den Worten Johann Reuchlins beugen," erwiderte Jakob, als der Rabbi'geendet hatte.- Von Jakob und seiner Familie gedrängt, und auch durch den Umstand, daß er wahrscheinlich vor dem Sabbat nicht zu Hause sei, bestimmt, entschloß sich Rabbi Schlamm nach langem Ueberlegen, den Sabbat in Mainz zu verbringen. Kaum graute der Tag am Sonntag Morgen, als auch der Rabbi von Mainz anfbräch, begleitet von den besten Wünschen der freundlichen Gastgeber, gestärkt durch neue Hoffnungen auf das Gelingen seines Vorhabens. (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit" erscheint w5chentllch zweimal, Montag» nnd Donnerstags, jedesmal In mindestens zwei Bogen. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Ausland entsprechend hSher Man abonnirt ganzjahrlich, halbjährlich oder vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Dev Buchhandel verkehrt durch V. x. Slrinackrr, Leipzig, Notzplatz J0. — Inserate 25 Pfennig die vieraesvaltene Nonpareillezeile oder deren Raum. Preis der Zelle im Reclamethell 75 Pfennig. — Directe Franco-usendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oestecreich 14 Reichs-Mark oder 16 Kronen österr., für's Ausland 16 Mark, an die Expedition franco einsenden. Postzeitungsliste 3932. Telephon 1015. Inhalt (Lauptblatt.) Ein neuer Gottesdienst in Frankfurt a. M. — Das Rencontre mit dem Graf Pückler. — Graf Bückler geistesgestört. — Hilfsverein der Deutschen Juden. — Israelitische« GemeintchaftSheim. — Schachmatt der Lrael.— Vom AntisemitiSmu«!n Lmriesland. — Würzburger Brief. — Schriftsteller Salomon »lohn — Neue Judenlrawalle in Rußland. — Feuilleton - Mirjam (Fortsetzung). _ . <«• . v ~ Anhalt der ersten Beilage: Die Versteigerung der MizwoS m der «ynagoge. — Ein sunger südlicher Molin-Mrtuo«. — ^ur Frage der jüdischen Auswanderer. — Ausschreitungen der Slmrontcn in Bychowa. — DaS Glas- und Porzellanwaaren-Geickätt in Liberias. — Papst Pius der Zehnte und die Juden. — Lvrechsaal. — Vermischte«. Inhalt der »wetten Beilage: Der Wucher in Rumänien. — Der Prozeß in Homel. — Vermischte«. Padagogtsch« Beilage: Israelitischer Lehrervein für da« Königreich Boyerir. — Sprrchsaal. Verantwortltche Redaktion: v»ear Lehmann in Mainz. — Spedition de« ^Israelit". Schottktraße Nr- 2, Druck und Verlag der 2 oh. Wirt dich en vokbuchdruckerel Aetten-Gelellschaft tu Hierzu drei Beilagen.