Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 89 (10.11.1904)
- Date
- 1904-11-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1889 Er wurde bei diesen Worten unterbrochen. Rabbi Schlaume hörte die Thur des Nebenzimmers sich öffnen und jemand sprechen, es war die Wache: „<5in alter Jude bat dringend um Einlatz, er lietz sich unter lcinrr Bedingung abweisen, er sagte, es handle sich um ein Menschenleben; wir Netzen ihn herein, im Nebenzimmer ist er." „Wie konntet Ihr so meinem Befehl zuwiderhandeln - herrschte der erste Sprecher die Mache an. „nun Ihr werdet schon Eure Strafe sehen, auch noch einen Juden einzi'laffenfügte er lachend hinzu; ..ich bin neugierig, was er bringt, ich will mal hören.- — Die Thür öffnete sich und herein trat eine hohe Gestalt mit schwarzem Talar und schwarzem Barrett auf dem Kopf. Es war ein Geistlicher. Unterwürfig begrützte ihn der Rabbi, doch nur ein wegwerfender Blick des Geistlichen war die Antwort des Hochmüthigen. Im ersten Augenblick wußte der Rabbi, mit wem er es thun hatte, nur der eine Blick hatte genügt, um ihn erkennen zu lasten, daß sein Gegenüber kein Freund seines Stammes sei. und daß er wenig von ihm zu erwarten hatte. Schon bereute er. daß er hierher gekommen war. Lange betrachtete ihn der Geistliche von Kopf bis zu Futz; endlich redete er den Rabbi an. „Was habt Ihr Dringendes vorzubringen, das; Ihr fast mit Gewalt in den Palast eindringet; aber fatzt Euch kurz, ich habe nicht so viel für Euch Juden übrig.- Der Rabbi erzählte nun in kurzen Worten den Hergang, von seinem ersten Zusammentreffen mit dem jungen Grafen bis zum Raube seiner Tochter, nach dem Tode des alten Grafen. Ungeduldig hörte ihn der Geistliche an. und als der Rabbi geendet hatte, fuhr er ihn hart an: „Hat man denn das ganze Jahr keine Ruhe vor Euren Klagen; seid doch froh, wenn sich ein solch hoher Herr, wie der Graf Gersdorf. herablätzt. um Eure Tochter zu freien; aber statt besten spielt Ihr die Auserwählten des Herrn, seid noch zu stolz, sich mit einen! christlichen Grafen zu verschwägern. Glaubt nur nicht, daß ich etwas in der Saö^ thue." Der Rabbi sab ihn bei diesen Worten starr an. ein Blick traf den Geistlichen, der ihn zaudern machte, daß er plötzlich im Sprechen aufhörte. ..Verzeihet Herr - antwortete ihm jetzt Rabbi Schlaume. „wenn ich Euch darauf etwas entgegne, aber ich glaube, daß Ihr gegen Eure innere Ueberzeugung sprächet. Nicht umsonst. Herr, seid Ihr ein Priester, und in der ganzen großen heiligen Lebre unseres Volkes bewandert; toohl mistet Jbr, wie streng es uns verboten ist, uns mit Andersgläubigen zu vermählen, und sicher sind diese Worte nicht Euer Ernst.- ' „Eben das ist es. was mir an Euch Juden so mißfällt. daß Ihr stets glaubt, etwas besseres als d'e anderen zu sein, ihr werdet schon sehen, wie weit ihr damit kommet." „Wie weit wir gekommen sind, das könnt Ihr ja aus unserer Geschichte ersehen, Herr. Reiche gingen in Trümmer, Nationen gingen unter, Völkerschaften lösten sich in ein Nichts auf. datz auch nicht eine Spur von ihnen übrig geblieben ist; Israel lebt noch. Nicht konnten es in seiner Glanzzeit feindliche Reiche vernichten, und als das jüdische Volk aufhörte. ein Staat zu sein, lufe ging es ihm da. Verfolgung auf Verfolgung suchten es heim. Tausende und Abertausende wurden hingeschlachtet: nach allen Weltgegenden wurden die Ilebriggebliebencn zerstreut, und nicht glücklich war ihr Loos dort, aber noch existirt das jüdische Volt und immer noch leidet es unter dem Drucke seiner Zwinghcrren, aber es wird die Zeit kommen, da alle Welt zu Israel mit Bewunderung aufsehen wird, die Zeit wird kommen, da jeder Völkerhatz aufhören wird und man wird den einzigen Gott als Herrn anerkennen." Der Rabbi hatte das mit einer Begeisterung gesprock)cn, die den Geistlichen staunen machte. Seine Augen leuchteten vor Begeisterung und mit Bewunderung schaute ihn der an. der ihn noch »venige Minuten - vorher so geringschätzig angesehen hatte. ..Ja." fuhr der Greis fort, „nur dem Umstand allein verdanken N'ir es, daß wir noch existiren, datz wir treu festhielien au der Lehre unserer Väter; und so lange Israel das tfmt, wird es das anserwählte Volk Gottes sein, und fest gewappnet wird es sein gegen alle Angriffe seiner Feinde." Der Geistliche winkte abtvehrend mit der Hand. „Laßt es gut sein, Alter, ich habe noch wichtige Geschäfte zu erledigen, wir müssen zum Ende kommen. Aber was soll ich thun? Nicht so stark ist die Macht der Kirche, als Ihr glaubt. Glaubt Ihr denn, ich hätte auf den Grafen einen solchen Einslutz, datz er mir blindlings gehorcht? Nein, die Zeilen sind vorüber. Zu stark ist die Macht der Ritter geworden; ein Hobnlachcn wäre die Antwort des Junkers, wenn ich ihm befehlen würde. Eure Tochter freizugeben." „Es käme ja auf den Versuch an." warf der Rabbi zögernd ein. „Ich bitte Euch deshalb, ehrwürdiger Herr, richtet im Namen des Kurfürsten ein Schreiben an den Grafen, es »cirb schon seine Wirkung thun." . Ihr irrt.Euch. Alter, wenn Ihr einem Schreiben diesen Erfolg zumcsset: geschwunden ist alle Scheu vor der Kirche seit dem Auftreten jenes Mönchs in Wittenberg. kies im Volte aährt es. im Süden lodern die Flammen des Aufruhrs, Bauernhaufen ziehen sengend und plündernd durch das Land, und wer weiß, was die Zukunft uns bringen kann. Glanbt deshalb nnr nicht, datz da ein Schreiben von mir irgendwelchen .Einfluß auf den Grafen hat." ■ *' Das Gesicht des Geistlichen hatte sich zusehends verdüstert bei seinen Morten, doch hatte sein Antlitz