Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 89 (10.11.1904)
- Date
- 1904-11-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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188« sinnreichsten Preise vielleicht besser wiedergibt, als der Minister. Es wird in leitenden Beamtenkreisen immerfort dariiber gesprochen, das; man in ..liberaler; Politik" zu weit gegangen sei und daß die entrüstete; Volksstimmung über diese Politik jetzt ibr Urtbeil spricht. Man bat dem Dürften seine Menschenfreundlichkeit (er hatte nämlich den Math zu erklären, er sei kern Feind der Juden. Finnen. Armenier) übel angerechnet und fürchtet das Aushören der Verfolgungen, die ja feit langem den russischen Beamten eine reiche Einnahmequelle ünd. Daß solche Strömungen, denen aus den unteren Stufen entweder direkte Hetze oder passives Zusehen bei Mord und Raub entspricht, bis in die obersten Regionen reichen, zeigt der Umstand, daß in den Rapon der Unruhen zwei höhere Beamte entsandt sind, von denen einer ein höfischer Streber, der andere ein berüchtigter Hetzer ist. Das sind die jüngsten Thatsachen über die russische innere Politik. Wie es also mit dem „neuen Frühling" steht, den uns der Herausgeber der „Rowoje Wremja", Herr Stuuwrie, verkündet, dürfte dem deutschen Leser allmählich klar werden. Feuilleton. t r ja m. Historische Erzählung aus dem 16. Jahrhundert, von Mvtyuv Slevn. i? Der Eingang war von zwei Wachen besetzt, die ihm drohend ihre Hellebarden entgegenstreckten. , „Es darf Niemand herein, der nicht unbedingt hier zu thun hat; ich muß jeden abweisen." rief ihm der eine de/ Wachhabenden zu. „Wenn der Kursürst nicht selbst zu sprechen ist. kann ich dann nicht seinen Vertreter sprechen, es handelt sich um ein Menschenleben." ..Ach was," entgegnete ihm der ztveite der Wache, „spart Euch Euere Worte, ich lasse Niemanden durch, besonders keinen Juden; das wäre nock schöner, wenn wir euch Juden auch noch zu dem schwerkranken Fürsten ließen." „Kann ich denn leinen der höheren Beamten des Kurfürsten svrechen? .Meine Sache ist dringend, wie ich Euch sagte, es handelt sich hier um ein Menschenleben.".; Der erste der Wache, scheinbar ein freundlicher und vorurtheilsfreier Mann, kratzte sich verlegen hinter den Ohren. Er überlegte, ob er nicht doch diesen Mann,. trotz des Verbotes, vorlassen sollte; es waren ja ge-'I nirgend einflußreiche Personen im Palaste anwesend,tz die dem Rabbi helfen konnten. Lange kämpfte er mit sich; als er jedoch in das von Kummer und Gram verzerrte Gesicht des Rabbi sah. siegte sein Mitleid, und alsbald öffnete er die hohe Eingangspforte und befahl dem zweiten Wachhabenden, den Rabbi zu dem Stellvertreter des Kurfürsten zu bringen. — Die Pforte schloß sich hinter dem Rabbi und seinem Begleiter, und nun befand er sich in einem unermeßlichen Gange, in den mehrere Nebengänge mündeten. Mit Staunen betrachtete Rabbi Schlaume die mächtigen Säulen, auf denen die gewölbte Deck? ruhte, die reichen Verzierungen der Wände, welche meist aus Siegestrophäen, wie Fahnen und Feldzeichen, als uuch aus gemalten Wappen bestanden. Mehr als fünfzig Zimmer befanden sich auf beiden Seiten des Ganges, und fast am Ende desselben öffnete der Soldat eine Thür und hieß den Rabbi eintreten. „Wartet hier, ich tverde den Vertreter des Kurfürsten von Eurem Hiersein benachrichtigen; es kann allerdings eine geraume Zeit dauern, bis Ihr empfangen werdet. Vielleicht könnt Ihr auch mir es sagen, weshalb Ihr hier seid, und könnte ich Euch dann direkt die Antwort bringen." „Nein, mein," wehrte der Rabbi ab. „was ich Vorbringen will, kann nicht durch einen Boten geschehen; saget aber Eurem Herrn, es stehe ein Menschenleben auf dem Spiel." Brummend entfernte sich der Soldat, und nun hatte Rabbi Schlaume Muße, den Raum, in dem er sich befand, einer näheren Musterung zu unterziehen. Es war ein geräumiges Gemach, scheinbar ein Empfangssaal, in dem er sich befand. Rings um die Wand zog sich eine grün gepolsterte Bank, auf der die Anwesenden, die auf Empfang warteten. Platz nehmen konnten. Das Zimmer war jedoch leer, niemand war von der Wache eingelassen worden. Die Wände waren wie der Hallengang prächtig geschmückt und die buntgetäfelte Decke entzückten das Auge des Rabbi. Ihm gegenüber befand sich eine hohe Flügelthiire, die. wie er richtig vermuthete, in das Audienzzimmer führte. Die Thür war nur angelehnt und dann und wann drang ein gedämpfter Laut zu dem Ohre des Rabbi. Die Stimmen wuchsen allmählich an; die Sprecher wußten wohl nicht, daß sich jemand im Nebenzimmer befand. Da hörte er eine Stimme sprechen: „Nun. wie steht es mit seiner Hoheit?" „Schlimm, schlimm, wenn nicht rasch eine Aenderung zum Bessern eintritt, verliere ich jede Hoffnung." Rabbi Schlaume erschrack, als er diese Worte hörte; jedenfalls war es der Leibarzt des Kurfürsten, der diese Auskunft gab. I »Ist nicht jemand im Nebenzimmer?" hörte der Rabbi jetzt eine andere Stimme fragen. •>* j »Nein, ich habe der Wache strengen Befehl gegeben, ^niemand vorzulaffen."