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Der Israelit · 1904-11-10 · Heft 89 (10.11.1904) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 89 (10.11.1904)
Date
1904-11-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1884 geschildert hat. und versteigt sich zuletzt zu einem Lob- Hymnus über jenen „von jüdischem Geist beseelten" Gottesdienst, der als „folgerichtige Weiterbildung" des alten Gottesdienstes gedacht ist und „nicht als einen die bisherigen Grundlagen desselben ne - g i r e n d e Neuerung." Es ist. wie oben bereits bemerkt. ein naiver Standpunkt, von der Reform des Gottesdienstes überhaupt eine Rettung des Judenthums zü erwarten, aber die Veranstalter jener deutschjüdischen Andacht, bei der man stellenweise „das Hebräische aus Gründen der Tradition und Pietät beizubehalten für gut fand" (so das „hebr. Sündenbekenntniß") haben möglicher Weise an den Erfolg geglaubt. ..Der Versuch ist nach jeder Richtung vorzüglich gelungen", so werden wir weiter belehrt; „gar manche haben diesem Festgottesdienste beigewohnt und sind mit innerer Befriedigung ihm gefolgt, die seit vielen Jahren kein GoteslMs mehr besucht und sich von jeder Bethätigung des religiösen Judenthums ferngehalten hatten; sie dem Judenthum zurückgewonnen oder sie an demselben festgehalten zu haben, ist das Verdienst dieser Einrichtung." Soweit der Lobredner jener Veranstaltung. Doch zum Schluffe offenbart sich das Herz jenes unseres jüdischen Freundes in folgendem Ergüsse: „Auch fernstehende junge Leute, die eine streng-orthodoxe Erziehung genossen haben, ieht aber — infolge ihrer fortschreitenden naturwissenschaftlichen Erkenntniß (?!!) — dem Abfall nahe stehen, haben aus diesem Gottesdienste neue Anregung dafür geschöpft, das; man auch ohne Beobachtung der orthodoxen Gesetze ein guter, treuer Jude sein kann." (Hört! hört!) Das also war des Pudels Kern! Man veranstaltet Reform Gottesdienste, die von Unwissenden mit tiefer Andacht besucht' werden, und redet sich dann ein, daß man zur „Rettung des Judenthums" beigetragen habe, wenn mag Me -A n r e g u n g dafür gegeben, daß die Beobachtung der „orthodoxen" Gesetze für das treue Festhalten am Judenthume nicht erforderlich sei. Wir sind neugierig, zu erfahren, was für „orthodoxe" Gesetze das sind. Es gibt nur Religionsgesetze des Judenthums, weder orthodoxe noch liberale. sondern eben nur Religionsgesetze, für alle verbindlich. Anregung geben, diese zu mißachten. nennt man auf gut Hebräisch n'"D' wev sein, auf hochdeutsch: das Renegatenthum befördern. Also: „War der Gedank' nicht so verwünscht gescheit. Man wär versucht, ihn herzlich dumm zu nennen." 11fölitcanttt mit dem Grasen Pückler. Berlin. Der „Berliner Börsencourier" veröffentlicht eine aus zuverläffiger Quelle stammende Darstellung des Rencontres zwischen dem antisemi- * tischen Agitator. Grafen Pückler. und einem jüd. Gaste des „Hotel de Rome". Graf Pückler nahm, nachdem man ihn aus dem Hotel „Bristol" ausgewiesen hatte, im Hotel „de Rome" Wohnung, wo man ihm Unterkommen gewährte, da man zunächst nicht wußte, mit wem man es zu thun hatte und sich, nachdem er seinen Namen genannt, scheute, ihm das'Gastrecht zu kündigen. Im Schreib- und Lesesaal des Hotels traf Graf Pückler mit dem gleichfalls in dem Hotel logirenden Juwelier Levy aus Frankfurt a. M. zusammen, den er durch herausforderndes Fixiren, höhnisches Lächeln, Pfeifen und ähnliche Flegeleien brüskirte. Herr Levp erkundigte sich beim Hotelpersonal, wer der Herr sei, der ihn in dieser Weise belästige. Als er dann am Freitag Nachmittag auf dem Hotelkorridor dem Grafen begegnete und dieser ihm wieder eine Fratze schnitt, stellte er ihn mit den Worten: „Dreschgraf, wollen Sie's mit einem Juden aufnehmen? Habe,» Sie Courage?" Im selben Augenblicke stürzte sich Graf Pückler auch schon auf Herrn Levy. der erheblich kleiner als er ist, und verletzte ihn mit einem Totschläger, den er aus der Tasche zog. am Kopfe. Herrn Levy. der sich energisch zur Wehre setzte, gelang es. dem Grafen das Instrument zu entwinden und ihn nun seinerseits damit zu bearbeiten. Beide mußten« sich in ärztliche Behandlung begeben und der Graf wurde noch am selben Abend aufgefordert, das Hotel zu verlaffen. Herr Levy hat übrigens durch einen Berliner Anwalt gegen den Grafen Klage erheben lassen. Graf Pückler geistesgestört. Berlin. 8. Nov. In der Privatbeleidigungsllage des Grafen Pückler gegen den Redakteur der „Mitlheilungen", Organ des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Kurt Bürger, und den Schriftsteller Emil Brandt erkannte das Schöffengericht auf Antrag der Vertheidigung, die Verhandlung auszusetzen, da der Gerichtshof die Ueberzeugung erlangt habe, daß nach dem vorliegenden Material, insbesondere nach den gerichtsnotorischen Reden des Privatklägers. derselbe g e i st i g nicht normal sei. Da der Gerichtshof ohne Hinzuziehung eines Sachverständigen kein Urtheil fällen könne, so sei das von der Staatsanwaltschaft des Landgerichts I gegen den Privatklöger eingeleitete Strafverfahren abzuwarten, da anzunehmen sei. daß in diesem die nöthigen Schritte zwecks Feststellung der Zurechnungsfähigkeit des Privatklagers unternommen werden würde. Hilfsverein der Deutsche» Anden. Berlin: Bekanntlich hat der „Hilfsverein der Deutschen Juden" mit der Durchführung de^.von ihm vorgeschlagenen Organisation der jüdischen Auswanderung aus Ostpreußen auf deutschem Gebiete bereits begonnen. Zu den in Ostpreußen bestehenden Schutz-

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