Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 87 (3.11.1904)
- Date
- 1904-11-03
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1860 . Meine Herren! Wir wollen nun. da wir die Offenbarung als Faktum, als Grundthatsache des jüdischen Bewußtseins festgelegt und somit den Boden des Judenthums betreten haben, diesen Boden in seinen Früchten erkennen. Die Methode der Thoraforschung ift mit der der Naturforschung fast identisch. Die Natur^ ist aus ihren Erzeugnissen erkennbar. Eo ipso muß die Annahme über Sinn und Zusammenhang der Natur durch alle ihre Erscheinungen bestätigt werden. Wer nicht diese alle kennt, dessen Urtheil ist unzuverlässig. Ebenso, wenn die Annahme nicht durchgreifend durch sämmtliche Erzeugnisse Beweiseskraft erhalten hat. ist sie, die Annahme, falsch, aber nicht die Erscheinung, an der sie zerschellt. — So verhält es sich auch, wenn Sinn und Zusammenhang der Thora erforscht werden will. Zunächst ist umfassendste Sachkenntniß erforderlich. Da aber das unermeßliche Wissensmaterial der jüdischen Gesetzeslehre nur von — o.enn — wenigen, und auch von diesen nicht ganz restlos in sich ausgenommen und verarbeitet wird, kann und darf der Versuch, den Geist der nun zu erfassen, nur ein Versuch bleiben. Ein Versuch, von dessen Gelingen oder Mißlingen ein Maßsiab für die Werthung des Versuches wohl — aber nicht für die Werthung der Verpflichtungskraft der wxv gewonnen wird.*) Dies vorausgeschickt, dürfen wir unbefangen an die Zergliederung der rein äußerlichen Vorgänge bei der Offenbarung herantreten, um durch sie zu zeigen, wie das Gebühren derer, die die Thora sozusagen mit ihren eigenen Massen bekämpfen möchten, theilweise auf dünkelhafte Großsprecherei, theilweise auf Mißverständnih oder mangelhafte Sachkenntniß zurückzuführen sei. Den Reigen dieser Himmelsstürmer eröffnet, Wiedas oft geschieht, ein Jude: Philo. Er geht in seinem Decalog ganz radikal zu Merk und legt die Axt an die Wurzel an. Philo's Ansicht geht dahin, daß es nicht ganz zweifellos sei, daß Gott in der That gesprochen hat. Vielmehr müsse auch der Annahme Rechnung getragen werden, daß eine Art Erleuchtung über das Volk gekommen sei; daß die Gesetze demnach nicht außerweltlichen Ursprungs seien, sondern ihre Entstehung einer Inspiration^ oder einer hochgradigen Extase, der das Volk unterworfen war, ihre Entstehung zu verdanken hätten. Schon die Ausdruüsweise der Schrift habe einer solchen Annahme Thor und Thüre geöffnet; die Thora bediene sich eines Ausdruckes, der diese Auslegung nicht nur zulasse, sondern geradezu sankiionire. Es heiße ja nicht bt?cv cpn fc», daß das Volk die Stimme gehört, sondern n'»n D»n tat, daß das Volk die Stimme gesehen habe; da aber die Stimme etwas Abstraktes, Körperloses und mit' dem •) Hirsch: Neunzehn Briefe. 6. Randbemerkung zum 18 tot. Auge nicht wahrnehmbar sei. so müsse gesagt werden, daß keine sinnliche Stimme in der Lust erscholl. Das Volk habe im Schlafe, oder zwischen Schlaf und München ein Gesicht gehabt, daß ihm Stimmen entgegentönten, daß es von Jemand angeredet würde. — Die Haltlosigkeit dieser Auffassung geht, abgesehen von den psychologischen Momenten, die dagegen sprechen und die noch erwähnt werden sollen, schon daraus hervor, daß das Sehen der Stimmen mit dem Sehen der Flammen, des dampfenden Berges, also mit dem Sehen sinnlich wahrnehmbarer Dinge zusammengenannt wird. a’Ttta nm ntopn iw o**n ojn tat na, w ran. Ferner heißt es ja ausdrücklich, daß das Volk die Stimmen auch gehört habe. „Gott sprach zu Mosche, siehe, ich komme zu dir in einer Verdichtung der Wolke, damit das Volk höre, wenn ich mit dir rede und so werden sie auch dir für immer vertrauen." Oder: „Versammle mir das .Volk, und ich will es meine Worte hören lassen." — „Hat je ein Volk die Stimme Gottes redend gehört aus der Mitte des Feuers, wie du sie gehört hast." — Bezeichnend ist es, daß der a*2tn für die Glaubwürdigkeit der Sendung Moses von Gott und, was damit zusammenhängt, die Göttlichkeit der Gesetzesossenbarung gerade den zuerst genannten Schriftvers in's Treffen führt.*) Wir haben es nicht nöthig, aber es ist nicht uninteressant, eine Ansicht zu erwähnen, die bn nasftppD '23t zum Autor hat. In seinem vortrefflichen Werke, ntapm jsro*», kommt er. nachdem er sein sprachwissenschaftliches Forschungssystem mit Berücksichtigung aller einschlägigen um- Stellen mit gewohnter Virtuosität durchgeführt hatte, zu dem, allerdings etwas befremdend klingenden, aber wohlbegriindeten Resultat, daß das Volk thatsachlich Stimmen gesehen habe. Es seien Lautformen aus Flammen gebildet worden und diese hätten in der Lust geschwebt. Er will nun alles das, was in der Schrift als Blitz, Flamme etc. bezeichnet wird, auf die Buchstaben beziehen, die in ihrem Flammenglanze dastanden und eine intensive Helle ausstrahlten. Es sei dies nöthig gewesen, da es undenkbar sei. eine Stimme zu vernehmen und die Person, vor der sie ausgeht, nicht in körperlicher Gestalt sich zu vergegenwärtigen. Da nun die Vorstellung Gottes unter menschlicher Gestalt verboten sei, mußten Stimmen gesehen werden, obgleich sie auch vernommen wurden. Dem sei nun, wie es »volle, das Eine sieht fest, cnm csn bw heißt nicht, daß das Volk ein Gesicht gehabt hätte, daß es angeredet würde, thatsachlich aber erleuchtet worden sei, sondern das ganze Volk sah die Stimmen. Und dies ist in dem Sinne zu verstehen, daß. wie wir bereits erwähnt haben. es den Ort und die Person, woher die Stimme kam, gesehen bezw. sich vorgefiellt hat. Ohne Mitwirkung der Sehkraft kann eine Stimme wohl gehört, aber •) *h *atei ir» myi »to» ■Sa ö"ao\