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Der Israelit · 1904-11-03 · Heft 87 (3.11.1904) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 87 (3.11.1904)
Date
1904-11-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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45* Jahrgang rste Anlage zu 87 des «Israelit- Brief ans Persien. Schiras. im Ott. Die ungünstige Lage der Israeliten in der Umgebung von Schiras verschlimmert fich von Tag zu Tag. Aus etwa zehn Ortschaften, die von unfern Glaubensgenossen bewohnt sind, kommen seit zwei Monaten verzweifelte Briefe nnd Depeschen. Der Direttor der Alliance-Schule, C. Schouker, weiß nicht, womit er fich zuerst beschäftigen soll. Muß er doch beinahe seine ganze Zeit darauf verwenden, um die mubamedanische Bevölkerung von Schiras zu beruhigen. die stch nicht an die Tbatsache gewöhnen will, daß die Israeliten stch im Allgemeinen in einer weniger kläglichen Lage befinden als früher. Da aber Se. Kail. Hoheit Schah-El-Saltaneh den Schulen der Alliance ziemlich geneigt ist, sc wird stch auch das Volk schließlich zufrieden geben. Unter den Israeliten der llmgegend haben die von Djarum unter der Habgier der großen Herren am meisten zu dulden. Es gibt keine Quälerei, keine Beleidigung. die man nicht erfindet, um ihnen das Leben zu verleiden. Nach mancherlei Schritten, die bei der Regierung in Schiras unternommen wurden, begannen ste stch einer relativen Ruhe zu erfreuen. Der „Holm" (Erlaßt, der dem Gouverneur von Djarum zuging, machte ihn für alle Mißhandlungen, die an den Juden verübt werden sollten, verantwortlich. Seitdem nahm er stch vor ungerechten Nachnahmen gegen ste in Acht, so daß ste mehr als einmal in rührenden Briefen für das gewisse Maß von Wohlbefinden dankten, das ihnen Schouker verschafft hatte. Unglücklicher Weise wurde der Gouverneur von Djarum versetzt. Ein Gouverneurwechsel in Persien ist häufig für die Juden unheilvoll, denn dir Gefolgschaft eines neuen Gouverneurs findet in ihnen ein geeignetes Feld für ihre Beuiegier. Der neue Gouverneur und seine Leute hatten auch in Djarum nichts Besseres zu thun, als aus den Juden soviel Geld zu ziehen, als sie nur konnten, nnd erfanden dafür täglich neue Vorwände. Kürzlich machten zwei Israeliten in der Ortschaft Djarum Konkurs. Gesetz ist in Persien, wie überall, den zahlungsunfähigen Geschäftsleuten Maaren und Geld zu nehmen und nach Derhaltniß unter den Gläubigern zu vertheilen. Nur den Muhammedanern von Djarum scheint diese Regel unbekannt zu sein; der Gouverneur ließ unter leicht erkennbaren Abstchttn dir beiden Israeliten ohne Umstande ergreifen und «»-- kerkern. Doch die Gläubiger intervenirien und ließen den Gouverneur wissen, daß sie ihre Guthaben aunullirten. Der Gouverneur konnte stch nicht königlicher zeige» als der König. Er mußte die beiden Kaufleute wohl oder übel in Freiheit setzen, beanspruchte hingegen einen Schadenersatz von 100 Frcs.; seine zahlreiche» Häscher und Diener beanspruchten auch ihren Antheil, sodaß die Juden ihre augenblickliche Freiheit mit wenigstens 300 Frcs. zu bezahlen hatten. Aber sie sollten so wohlfeilen Kaufes nicht davonkommen. Zwei Tage darauf schickte der Gouverneur von neuem nach den beiden Unglücklichen. Da sie nichts mehr hatte», um der Habgier des Gouverneurs Genüge zu thun, ergriffen sie die Flucht. Nunmehr ließ der Gouverneur in seiner Wuth 30 Häscher in datz Judenquartier eindringen, ließ die Rabbiner und Notablen der Gemeinde vorfiibren. geißeln und in's Gefangniß werfen; auch mußten ste unterzeichnen, daß sie alle Schulden ihrer Glaubensgenossen und dazu eine Entschädigung von 120 Frcs. zahlen würden. Der Schrecken in der Gemeinde war grenzenlos: wenn bereits ihre Rabbiner und Vornehmen geschlagen und beschimpft wurden, was erwartete erst ste. die armen Leute aus dem Volke? Sie haben nicht mehr den Mutb. auf den Bazar zu gehen oder in andere Stadtviertel. Wer von ihnen außerhalb des Ghettos angetroffen wird, wird ausgeplündert und mit Stockhieben über den Markt gejagt. So standen die Dinge, als sich die Gemeinde von Djarum an Schouker wandte. Se. Kaiserl. Hoheit Schah-El-Saltaneh befand sich wegen der Cholera, die in Sckiras wuthete, sechs Tagereisen von der. Stadt entfernt. Schouker begab stch unverzüglich zu feinem Stellvertreter und erstattete Bericht. Dieser war empört und übergab Schouker sogleich ein «Hokm* oder offizielles Schreiben, in welchem er dem Gouverneur von Djarum sein den Juden gegenüber beliebtes Verfahren in barten Worten vor wirft. Bedenke, sagt er in dem »Hokm*. die Juden sind Unterthaneu Sr. Majestät. Die Dabl dieses Ausdrucks muß Erstaunen erregen: es ist ein Wunder, daß er aus der Feder eines Persers fließen konnte. Gewöhnlich geruht ein Perser nicht, den Juden als seinesgleichen zu betrachten, wen» dieser anch wohl oft über ihm steht. Kurz, der Gouverneur von Schiras befiehlt dem von Djarum. den Israeliten alles Geld, das er ihnen unrechtmäßiger Weise abgenommen hatte, zuriickzuerstatten Nnd die von ibne» unfreiwillig Unterzeichnete Verpflichtung zu annullnrn. Ferner beauftragte der Gouverneur von Schiras emen Vertrauten, ihm Alles zu berichten, war stch bei dieser Gelegenheit in Djarum ereignen würde. Der Direttor der Alliance-Schule schickte den »Hokm* den Juden von Djarum, damit ste ihn selbst ihrem Gouverneur übergaben. Der «Holm* bewirkte

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