Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 87 (3.11.1904)
- Date
- 1904-11-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1849 mich vielleicht an einen höheren Beamten des Kurfürsten wenden?" „Nur an diese nicht - entgegnete Jacob, „diese sehen lieber einen Juden tödten, als daß sie nur das Geringste zu seiner Rettung beitragen. Ihr hattet Recht, als Ihr sagtet, der Kurfürst sei der Einzige, der Helsen könne: ich wüßte keinen hier in Mainz, der sich Eurer annehmen tvürde, aber wartet bis nächste Woche, es ist ja ohnehin schon Donnerstag, und Ihr könnt diese Woche nicht mehr nach B. zurückkommen, vielleicht erholt sich der Fürst wieder, er hatte schon häufig derartige Anfälle. Wenn er Euch auch nicht empfangen kann, gibt er vielleicht ein wirksames Schreiben an den Grafen mit." Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, und ich muß Eure Gastfreundschaft weiter in Anspruch nehmen. JeA fühle ich aber das Vedürfniß, mich ein wenig mit unserer heiligen Lehre zu beschäftigen." Bereitwillig holte Jacob aus dem Nebenzimmer zwei Folianten und bald waren die beiden Männer so in ihr Lernen vertieft, daß sie dabei ihre Umgebung vergaßen. Die Frauen entfernten sich, um sie nicht zu stören, und es war schon svät in der Nacht, als sie sich unterbrachen und zur Ruhe begaben. — VIII. | Lasten wir den Rabbi ruhen und kehren wieder zu Mirjam zurück. Wie eine Betäubung kam es über sie, als sie der Graf mit gewaltthätiger Hand in jenes dunkle Gemach stieß. Kaum hörte sie, wie er die Thür krachend in's Schloß warf und den verrosteten Schlüssel knarreu.d von außen herumdrehte und ihn abzog. Es dauerte lange Zeit bis sie wieder recht zur Besinnung kam. und Schaudern ergriff sie, als sie den Raum, in dem sie sich befand genauer betrachtete. Der Mond warf ein spärliches Licht durch das fast blinde Fenster, und so war sie im Stande, ihre Umgebung ein wenig zu mustern. Die schwarze Decke war dicht mit Spinngeweben behängen, die Wände zeigten überall Spuren des Verfalls und hie und da huschte eine Maus oder Ratte an dem qeängstigten Mädchen vorüber. Der Raum war vollständig leer, kein Stuhl auf den sie sich hätte sehen können, nicht einmal eine elende Pritsche zum Niederlegen. Schluchzend barg sie ihr Antlitz in ihren Händen: lange verharrte sie so; schon warf die Sonne ihre Strahlen in den öden Raum, da wurde sie plötzlich durch einen Lärm von unten aufgeschrecki. Immer lauter wurden die Stimmen und schon waren einzelne abgerissene Worte wie, „der Jude, schlagt ihn todt, den Falschmünzer, schlagt ihn todt, diese Judenbrut, die Brunnenvergifter", zu verstehen. Mirjam horchte aufmerksamer; eine lange Ahnung uberkam sie; sollte damit vielleicht der gefangene Rüben gemeint sein. Vergebens suchte sie den Gedanken wieder lös zu werden, sie mußte Gewißheit haben. Mit der Kraft der Verzweiflung schwang sie sich empor zu dem Fenster, und ihr Herz drohte still zu stehen bei dem Anblick, der sich ihr da bot. Mehr getragen als geführt trat ihr Geliebter zwischen zwei Soldaten soeben aus dem Thurme. um nach dem Hause, in dem die Gerichtsverhandlungen abgehalten wurden, zu gehen. Von allen Seiten drängte der Pöbe! mach dem Gefangenen mit den ärgsten Flüchen und Verwünschungen auf die Juden. Nur mit großer Mühe und tüit Hilfe, ihrer langen Spieße vermochten die beiden Landsknechte das Volk von dem Gefangenen abzuhalten. „Laßt ihn doch jetzt in Ruhe," meinte der eine der Soldaten, „laßt ihn doch erst verurtheilen, nachher könnt Ihr ihn ja richten." Ein lautes Beifallsrufen antwortete dem Sprecher. Und Rüben selbst, was war aus ihm geworden! Der einst so blühende Jüngling war zur wandelnden Leiche geworden; die früher so frischen Wangen zeigten die Farbe des Grabes, die Augen lagen tief in den Höhlen und stierten mit fieberischem Glanze auf seine Peiniger. Die Haare hingen in langen Strähnen um sein Haupt; er schien um Jahrzehnte gealtert fett kurzer Zeit. Mirjam konnte stch kaum mehr an dem Fenstergesims fest halten, und als ste jetzt Rüben in dem Eingang zum Gerichtssaale verschwinden sah, verließ sie ihre Kraft, mit einem dumpfen Schlage fiel sie zurück auf den harten Boden. Sie verlor das Bewußtsein. Unterdessen war Rüben in den Gerichtssaal eingetreten. Suchend schweifte sein Auge im Kreise beruin. Es war ein großer heller Saal, in dem die Gerichtsverbandlunaen des Gaues, über den der Graf Gersdorf regierte, stattfanden. Die Wände waren mit mannigfaltigen Trophäen verziert und über dem Richtertisch war da? Zeichen der Gerechtigkeit, ein Engel mit einer Wage, gezeichnet. War es nicht ein Hohn, hier dieses Zeichen anzubringen, in dem Raume, in dem schon so viele Unschuldige mit Wissen der Richter Vrrurtheilt worden waren, und wo erst jetzt wieder die Richter im Begriffe waren, einen Unschuldigen zu Grunde zu richten. Rüben betrachtete sich jeZt seine Richter sowie die übrige« Anwesenden naher. An der Spitze des Tischesaß Graf Heinrich, sein Blick ruhte höhnisch lächelnd auf Rüben. Ihm zur Seite saß sein Freund, der Graf Bauerseld und noch ein Edler der Umgebung. Rüben kannte beide nicht, aber so viel wußte er schon jetzt, daß er von allen Dreien keine Gnade zu erwarten hatte. Reben dem Richtertisch befand sich noch ein kleines Tischchen, an dem ein Schreiber Platz genommen hatte; geschäftig flog die Feder über das Pergament und hie und da schlug er eine Stelle ln dem chm zur