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Der Israelit · 1904-11-03 · Heft 87 (3.11.1904) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 87 (3.11.1904)
Date
1904-11-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1844 1 i i gebracht, daß unsere Stammesbrüder reformirter Richtung mit diesen verrosteten Argumenten nicht mehr recht overiren können. Zn Deutschland wird gewiß kein Kultusminister mehr einer jüdischen Behörde glauben, die den Muth haben sollte, zwischen Rabbiner Maybaum. Jellinek, Holdheim und Vogelstein einerseits und Rabbiner Hirsch, Hildesheimer, Breuer und Bamberger andrerseits, keinen anderen Unterschied anerkennen zu wollen, als daß jene auch weltlich hochgebildete und patriotische Männer, diese aber kultur- und bildungsfeindliche Finsterlinge und Feinde der Staatssprache sind. Hier in Ungarn ist es aber auch in dieser Beziehung um die Angelegenheiten der Orthodoxen noch sehr arg bestellt. Zerwürfnisse im eigenen Lager, schwerwiegende Meinungsverschiedenheiten über die Aufgabe der Orthodoxie überhaupt, haben es bisher verhindert, daß die Sache der Gesetzestreuen irgendwelche Fortschritte nach Außen hin gemacht hätte, und gerade an der Bahre dieses theuern Mannes, der das Alles mitempfunden und mit dem eigenen Herzblut bezahlen mußte, soll die traurige Thatsache nicht unterdrückt werden, daß in Ungarn, wo das orthodoxe Judentbum. wie in keinem Lande, staatsrechtlich mit allen Attributen einer autonomen Konfession ausgestattet ist. in den 34 Zähren seines Bestandes im Interesse des gesetzestreuen Judenthums keine einzige der Oeffentlichkeit imponirende Landesinstitution geschaffen wurde. Wir wollen nur zwei Momente Hervorbeben. die aber zur Markirung der traurigen Zustände vollständig hinreichen. Es existirt hier zu Lande noch keine orthodoxe Lehrerbildungsanstalt und es ist ein reiner Zufall, wenn in einer öffentlichen orthodoxen Schule auch ein gottesfürcktiger Lehrer wirkt. Unsere zukünftigen Rabbiner, wenn sie sich die vollständige Kenntniß der ungarischen Sprache — ohne welche ein Rabbiner in Ungarn heute nur eine untergeordnete und noch dazü jämmerliche Rolle spielen kann — und intensivere weltliche Bildung aneignen wollen, müssen sie das sehr diskret machen oder in's Ausland gehen. Kommen junge, in Deutschland ausgebildete. fromme Rabbiner zurück in ihre Heimath, gelingt es ihnen nur selten, in einer orthodoxen Gemeinde Amt und Würde zu erhalten. Und doch reflektiren auch die ungarischen orthodoxen Gemeinden darauf, daß ihre Rabbiner nicht nur wirkliche Lamdonim und Jereim, sondern anch weltlich gebildete Männer sind, und die ungarische Staatssprache in Wort und Schritt beherrschen sollen. Auch unsere ältere Rabbonim B'pr»- bw sind wirklich große Patrioten : rmd durchaus nicht bildungsfeindlich gesinnt. Biele ihrer Söhne haben es auch ün profanen Disziplinen weit gebracht und bewähren sich als gesinnungstuchtige Fahnenträger im Dienste der Thora. Und doch lastet in -dieser Beziehung ein unheimlicher Druck auf den ortho- - doxen Gemeinden Ungarns. Durch eine Verkettung verschiedenartiger Umstände konnte das große Wert, das die verklärten großen Männer begonnen, die mit rr co nu der edelsten opn. so schwer erkämpfte orthodoxe Organisation^ bis heute noch nicht vollendet werden. Es fehlen noch bislang die Männer, die maßgebenden und einflußreichen Persönlichkeiten, die im Lickte der neuen Zeit die thoratreue Entwickelung und Erhaltung des einzigen, wahren, unverfälschten Judenthums im Rahmen einer landesgesetzlichen Organisation anch fiir die spätere Zukunft sichern würden. Sie fehlen vielleicht auch nicht, diese Männer, aber sie sind mit ihrer Ueberzeugung noch nicht auf dem Plan erschienen; sie haben uns ihre richtunggebenden Grundsätze noch nicht offenbart. Sie hatten vielleicht auch noch nicht die richtige Gelegenheit hierzu, um Organisationsarbeiten in großem Style zu inauguriren: sie hatten leider immer auch vollauf zu tbun, um die Interessen der Orthodoxie gegen verschiedene Angriffe in Schutz zu nehmen. Hingegen ist es der offiziellen Leitung der Kongreßpartei vollkommen gelungen, in religiöser und kultureller Beziehung — allerdings im Geiste und im Sinne der Neologen — ungeheure Fortschritte zu machen. Mit dem gewaltigen Fortschritt ihrer blühenden Institutionen ist anch ihr Ansehen bei der Regierung und den Landesbehörden außerordentlich gewachsen. Ueberdies sind die Führer der Kongreßpartei auch sehr reiche Männer und einflußreiche Politiker. Sie haben es verstanden, durch 35 Jahre die Prärogative ihrer Partei. auf Basis des Kongreßstatutes. bei jeder sich dargebotenen Gelegenheit glänzend zu demonstriren und fast alle Ministerialverordnnngen und behördliche Verfügungen, die in diesem großen Zeiträume in jüdischen Angelegenheiten erfloffen sind, tragen das Gepräge der neologen Landeskanzlei, die in den meisten Fällen auch die Textirung der verschiedenen Erlässe bei vollstänständiger Negirnng des orthodoxen Standpunktes, besorgte. Mitten in dieser Zerfahrenheit hat Oberrabbiner Lipscbih die Leitung übernommen. Er hat hen besten Willen gehabt kp :vb zu wirken — dieses Zenqniß trirb chm kein Mensch vorenthalten — er war ater nicht den Verhältnissen gewachsen. Es fehlten auch ihm die grundlegenden Institutionen, die sein Vorgänger auch nicht creiren konnte und so begnügte auch er sich damit, die Streiche, die von verschiedenen Seiten gegen die orthodoxe Organisation gerichtet wurden, abzuwehren. In den meisten Fallen ist dies dem Verblichenen auch voll und ganz gelungen, zuweilen war aber auch der Erfolg ausgeblieben, was zur Kräftigung der so schwer errungenen orthodoxen Autonomie gewiß nicht beigetragrn heck. . Vor zwei Jahren hat der edle ManN begonnen, seine besondere Aufmerksamkeit dem Ausbau der Landesorganisation zuzuwenden, da ereilte ihn aber ein schweres Leiden, das seme Arbeitsfteudigkeit voll«

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