Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 86 (22.10.1904)
- Date
- 1904-10-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1833 (ungen veranstalteten, obwohl sie wissen mutzten, daß die Schädigung unvermeidlich sei. ReicheriheimscheS Waisenhaus 1« Berlin. Der Bericht über das oben genannte Waisenhaus für die Zeit vom 1. Avril 1903 bis 31. März 1904 widmet einen warmen Nachruf der im Mai dieses Jahres verstorbenen Ehrendame der Anstalt. Frau Anna Meder Grrson und gedenkt der 25jährigen THLtigkeit des Anstaltsarztes Professor Dr. Julius Lazarus. Erzogen wurden im Berichtsjahre 74 Zöglinge, 45 Knaben und 29 Mädchen, entlassen wurden 9 Zöglinge, von denen sich 4 Knaben einem Handwerk, 2 dem Krufmannsberuf, 2 Mädchen der Buchhaltung, 1 der Hauswirthschaft widmen. Die Gesammtausgaben beliefen sich auf 50,409 Mark, die durch Zinsen eigener Fonds und einen Gemeindezuschutz von 21.468 Mark aufgebracht wurden. Für je einen Zögling betrugen die Gesammtausgaben für das Jahr 669 Mk., die Tagesverpflegung für den Kopf 47 Plg. Die an der Anstalt bestehenden Stiftungen sind durch testamentarische Verfügung der 1903 verstorbenen Ehrendame Frau Mathilde Berend und durch eine von deren Angehörigen errichtete Stiftung wesentlich vermehrt worden. Alle Zöglinge besuchen öffentliche Schulen, erhalten aber im Hause noch Unterricht in Gesang. Turnen und Kerbschnib.en. Die ehemaligen Zöglinge haben einen Zusammenhang im „Reichenheim-Verein". Die Anstalt steht unter der Verwaltung eines Kuratoriums. dessen Vorsitzender Sanitätsrath Dr. Julius Stern ist, und unter Leitung des Direktors Dr. Julius Jntrossnski. Gegen die Umwandlung -e- NnmenS Jnowraclaw In Hohenfalza hat eine polnische Volksversammlung in Jnowraclaw protestirt. In der „Pos. Ztg." lesen wir darüber: Als erster Redner trat der Reichstagsabgeordnete Dr. Krznminski --Jnowraclaw auf. Er behandelte die Umtaufung vom historischen Standpunkte aus, indem er sich auf das Magdeburger Recht berief, und protestirte zum Schluß gegen den Namen „Hohensalza". Während dieser Redner ziemlich gemäßigt gesprochen hatte, brachte der nun folgende. Rittergutsbesitzer Dr. v. Brodnicli in Groß-Koluda bei Amsee, die Angelegenheit aufs politische Gebiet, und griff die deutschen Stadtverordneten jüdischen Glaubens, denen allein er nie Schuld an der Namensänderung zuschob, in unerhörter Weise an. Er sagte u. A.: „Nicht die Regierung, nicht die bösen Hakatisten, sondern die Juden sind die größten Feinde des Polenthums, deshalb müssen die Juden auch als Feinde des Polenthums behandelt toerden." Schließlich kam ei« Sozialdemokrat zum Worte, und von diesem mußte der edle Herr v. Brodnicki hören, die größten Feinde des Polenthums feien die polnischen Junker und Pfaffen. Verein für jüdische Geschichte und Literatur Mannheim. Mannheim, 26. Olt. Herr Dr. Franz Oppenheimer -Berlin sprach dieser Tage über die „Ursachen des Verfalls der antiken Staaten mit besonderer Berücksichtigung des Reiches Israel". Der Redner gab zunächst einen Ueberblick über die verschiedenen Theorien bezüglich der Entstehung und Entwicklung der Staaten und suchte ihre Mangelhaftigkeit nachzuweisen, wobei er besonders auf die in unserer Zeit durch Chamberlaiu zu neuem Leben erweckte, aber innerlich ganz unhaltbare Rassentheorie einging. Dann legte er an der Hand der soziologischen Geschichtsbetrachtung und mit steten Hinweisen auf die alte Ge-, schichte, besonders die israelitische, seine eigene, allerdings auch durchaus nicht unbestrittene Auffassung über Entstehung und Verfall der Staaten dar, nach welcher, wie er glaubt, jede Staatenbildung in der Vergangenheit sich vollzogen habe. Die Klassengegensätze sind nach ihm schon bei der Gründung der Staaten vorhanden: wir finden überall mindestens eine Dreitheiluug in reiche Großgrundbesitzer, freie Bauern und Hörige. Denn der Staat ist stets eine von einer Volksgruppe einer andern aufgezwungene Organisation zupi 7 Zweck der Besteuerung. Aus den Brandschatzungen'der seßhaften Bauern durch Nomadenstämme werden allmählich Tributzahlungen und dann beim Seßhaftwerden der kriegerischen Nomaden Abgaben als Entgeld für die Gewährung von Schutz gegen Ueberfälle. Die schon in der Nomadenstufe vorhandene Gliederung des Kapitalvermögens geht dann auch auf den Neugegründeten Staat über. Den Wendepunkt in der Ent-' Wicklung dieses Staates bildet der Ilebergang von der' Naturalzur Geld- und Marktwirthschaft. In Israel ist die Periode dieses Ileberganges wahrscheinlich in die Zeit der ersten Könige zu sehen. Bei der Geldwirthschait wird.der Sklave, der bisher als Famulus ein Glied der Familie bildete, Objekt der Ausbeutung; die Folge sind Sklavenjagden und Kriege, und während der Junker durch die Sklaven sein Feld bestellen läßt, steigt durch den Kriegsdienst die Verschuldung des kleinen Bauern. Latifuudienwirthschäft und Klassenjusti.z zehren am Mark des Staates, die Landstädte verschwinden und in den Großstädten drängt sich dar Lumpenproletariat zusammen, das mir von der Politik lebt. Die besseren Elemente wenden sich dem Söldner^ dienst und dem Handel zu (worin auch der Anfang deL jüdischen Handels schon vor dem Exile zu. suchen ist) und wenn die Katastrophe nicht, wie in Rom, durch