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Der Israelit · 1904-10-22 · Heft 86 (22.10.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 86 (22.10.1904)
Date
1904-10-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1829 liebten und gegen ihren Vater ansgestoßen. Sie wußte jetzt aus eigener Erfahrung. wie er seine Drohung hielt, und nur mit Schrecken dachte ste an die Zukunft, was ste bringen konnte und bringen mußte. — Da pochte es leise an die Thür. Mirjam erschrack, ste wußte es. es war der Graf. Also schien er seine Drohungen doch noch nicht wahr machen zu wollen, und wollte sein Glück vielleicht noch einmal aus gütlichem Wege versuchen. Ein Freudenschimmer zog in ihr Herz; nicht für sich freute ste sich, nein, ihr wäre es lieber, der Graf hätte sie getödtet, als sie zu quälen, aber ste fürchtete für ihren Vater, für ihren Geliebten, die ste durch ein Wort reiten konnte. Und doch schrack ste wieder von diesem Schritt zurück; sie wußte es. auch ihr Vater hätte sich lieber den Tod gewünscht, als dem Gesetze seiner Väter untreu zu werden, und wenn er bei ihr gewesen wäre, hätte er ihr sicher nicht erlaubt dem Grafen;n folgen und hätte ste lieber todt gesehen. Also warun: kam er noch einmal, wozu noch einmal diese Szene mit dem Grafen? Lang: kämpfte sie mit sich, ob sie ihm die Thür öffnen sollte oder nicht. Wieder Pochte es ungestüm an die Thür. Schnell entschlossen warf sie ihr Gewand über und öffnete. Sie hatte sich nicht getäuscht; es war der Graf; sein rothes Gesicht verrieth, daß er gezecht hatte. Mirjam erschrack als ste ihn so sah. „Nun. mein Engel." begann er. „hast Du Dich jetzt besonnen, weigerst Du Dich noch länger mein Weib zu werden?" Verächtlich wandte sich Mirjam von ihm ab und würdigte ihn keiner Antwort. „Willst Du mir denn nicht antworten. Schätzchen, ich habe Dir auch eine freudige Miltheilung zu machen. Freue Dich, bald wird dieses Leben aufhören und wir für immer vereint sein. Denn nächste Woche ist unsere Vermählung." Jetzt richtete sich Mirjam in ihrer ganzen Größe auf. Das fahle Licht der Ampel warf einen geisterhaften Schein auf sie, und mit ihren lang herabwallenden Haaren sah ste aus wie eine Rachegöttin, und Heinrich schrack unwillkürlich zurück, als sie ihm mit blitzenden Augen versetzte: Niemals werde ich darauf eingehen, nie werde ich Deine Frau, lieber laß ich mich von Dir töten, als Dein Weib zu werden. Hast Du auch meinen Bräutigam unschuldig einkerkern lassen, ich bleibe ihm treu bis zum letzten Athemzuge. Und wäre er auch nicht da. Dir könnte ich nie angeboren, ich verabscheue Dich, wie man nur einen Menschen verabscheuen kann. Jetzt lasse mich aber allein, vielmehr lasse mich frei, lasse mich zu meinem Vater zurück, mit welchem Rechte hälft Du mich denn hier zurück?" „Mit welchem Rechte ich Dich hier behalte, fragst Du?" entgegnete er höhnisch lachend. „Wer will dem Grafen Gersdorf vorschreiben, wen er einsperren und wen er zum Mibe nehmen darf?" „Noch gibt es Gerechtigkeit in Deutschland," erwiderte Mirjam. Ein höhnisches Lachen war die Antwort und nach einer Pause entgegnete er: „Gerechtigkeit gibt es hier, aber nicht für euch Juden; wer will mich zwingen, meinen Gefangenen herauszugeben, niemand, und auch Deinem früheren Bräutigam wird das llrtheil gesprochen werden und dann wirst Du mein, dann hast Du keinen Grund mehr mich zurückzuweisen, wenn Dein Bräutigam nicht mehr ist." Mit diesen Worten machte er Miene sie an sich zu ziehen und sie zu umarmen, doch mit Riesenkraft riß sie sich von ihm los und gab ihm einen Stoß, daß er zurücktaumelte. „Zurück von mir. Du Wütherich, glaubst Du, wenn Du meinen Rüben ermorden lassest, könntest Du niich erringen. Ermorde ihn, ermorde mich aber auch dabei, denn umsonst sind Deine Anstrengungen! Wie weit heruntergekommen mußt Du sein, wenn Du glaubst, ich reiche deln Mörder meines Bräutigams die Hand. Hier bin ich, töte mich!" Die letzten Worte Mirjams hatten ihn wüthend gemacht, mit einem wilden Fluche stürzte er sich auf sie. ergritf sie bei den langen Haaren und zerrte sie, trotz ihrer Gegenwehr, aus dem Zimmer durch den langen Gang bis an' das entgegengesetzte Ende des Schlosses. Am äußersten Ende des langen Ganges befand stch ein kleines Zimmer, das seit Jahren nicht mehr betreten worden war. Das öffnete der Graf, ein dumpfer, modriger Geruch machte sich bemerkbar; in dieses öde Zimmer stieß er Mirjam. „Hier bleibe und denke darüber nach, wie Du den Grafen Gersdorf zu behandeln hast. Morgen werde ich wieder kommen und hoffe ich bis dahin, daß Du Deinen Sinn geändert hast." Bei diesen Worten schloß er das Zimmer von außen ab und begab sich mißmuthig in sein Gemach. VH. Wir müssen hier den Gang der Ereignisse unterbrechen und uns einmal nach Rabbi Schlaume in B. umsehen. Tieferschüttert durch den Raub seiner geliebten Tochter war er nach B. zurückgekommen. Verzweiflungsvoll hatte er einige Tage unthätig geharrt, ob vielleicht der Graf wieder zur Vernunft komme und Mirjam wieder frei gebe. Vergeblich hatte er gewartet. Jetzt mußte etwas geschehen, sagte er sich. Mirjamhatte Recht gehabt, als sie ihm rieth, er solle sichln den Erzbischof von Mainz wenden. Nur dieser konnte ihm sein Recht schaffen, er allein hatte vielleicht Gewalt über den widerspenstigen Adel.

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