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Der Israelit · 1904-10-22 · Heft 86 (22.10.1904) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 86 (22.10.1904)
Date
1904-10-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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182S an die ihm unterstellten Gouverneure seines Rayons, das wir im Auszug wiedergeben: Die große Zahl der jüdischen Handwerker, welche einen sehr nühlchen Theil der Bevölkerung ausmachen, ist nicht im Stande, sich auch nur eine annähernd auskömmliche Existenz zu erwerben. Bisher konnte dem jüdischen Handwerkerstand zum Theil wenigstens dadurch Erleichterung geschaffen werden, indem viele Handwerker nach den inneren Gouvernements des. Reiches auswanderten. Seit der Aufhebung der Zünfte ist aber auch diesesehr erschwert. Um außerhalb des Ansiedelungsrayons wohnen zu dürfen, bedarf der jüdische Handwerker eines von einer dazu berufenen Be-" Hörde ausgestellten Meister- oder Gesellenbriefes. Da die Zünfte nicht mehr bestehen, so ist auch niemand da. der den auswanderungslustigen jüdischen Handwerkern den für sie unerläßlichen Schein ausstellen könnte. Freilich dürfen unter gewissen Umständen auch Fabrikanten den von ihnen beschäftigten Handwerkern einen solchen Meisterbrief ausstellen, da jedoch im Bezirk des Wilnaer General-Gouvernements die Zahl.der Fabriken äußerst gering ist, so kommt für die jüdischen Handwerker auch dieser Ausweg nicht in Betracht. Das Rundschreiben kommt auf dir jüdische Handwerkerschule in Wilna zu sprechen, welche bis jetzt nicht weniger als 160 tüchtige jüdische Handwerker cusgebildet, die mit einem Meisterbrief der Zünfte verleben, außerhalb des Ansiedelungsrayons wohnen und vollauf beschäftigt sind, Mit Aufhören der Zünfte sind auch die Zöglinge der Handwerkerschule gezwungen in Wilna zu verbleiben, wo sie in großer Roth leben. Da sie unzufrieden und sehr gebildet sind, so schließen sie sich der revolutionären Bewegung an. Als den besten Ausweg aus dem Dilemma scklägt Fürst Mirski vor, daß der vom Gesetze geforderte Meisterbrief in Ermangelung der Zünfte jetzt auf Wunsch von den Fabrikinspektoren ausgestellt werden soll. Die Frage der Beschaffung von Meisterbriefen für ausgelernte Lehrlinge ist durch den neuesten Erlaß des Ezaren, durch welchen jüdische Handwerker das erhalten. auch innerhalb des Rayons auf dem flachen Lande zu wohnen, womöglich noch actueller geworden. Fürst Swjatopolk Mirski gab in seinem Rundschreiben ja selber zu, daß das den jüdischen Handwerkern gewährte Privilegium mit der Abschaffung der Zünfte völlig illusorisch geworden ist. Das russische Tschinownikthum hat so verstanden, ein altes, den Juden gewährtes Recht heimtückisch gleichsam durch ein unscheinbares Hinterthürchen völlig illusorisch zu machen. Er hat es als Minister des Innern völlig in der Hand, wenigstens die Frage der jüdischen Handwerker, deren Schicksal ihn. als Gouverneur von Wilna, so nahe anging, endgiltig zu lösen. Schon die nächste Zukunft muß zeigen, ob der Minister ds Innern, Fürst Mirski, einlösen wird, was der Generalgouverneur, Fürst MirSki. versprochen hat. in am. Historische Erzählung aus dem J6. Jahrhundert, von Mvkyuv Stern. w VL In tiefer Ruhe lag das Rittergut des Grafen Oersdorf da, ganz am Ende desselben, schon halb im Walde, hob sich der große Wartthurm, in dem sich das Gelängniß befand, wie ein Riese in der Nacht hervor. Auch hier ist alles ruhig. Doch nein, in einer Zelle auf ebner Erde, im Keller, warf sich Rüben unruhig auf seinem harten Strohlager hin und her. Jetzt schmachtete er schon seit Wochen in diesem Kellerloche. und noch war ihm noch nicht bekannt, aus welchem Grunde er eingekerkert war. Vergebens hatte er sich an den mürrischen Kerkermeister gewandt, um zu erfahren, wessen Verbrechen er bezichtigt war. er hatte keinen Bescheid erhalten. Jedoch seit gestern war er redseliger geworden. Andeutungen des Kerkermeisters, wie „wir werden bald nicht mehr zusammen sein" oder „Aus dem Gefängniß werdet Ihr wohl herauskommen" u. s. w. hatten ihn erschreckt. Sollte man ihn eines schweren Verbrechens angeklagt haben und ihn vielleicht unschuldig töten lassen, obwohl er sich keiner Schuld bewußt war? Der Gedanke daran brachte ihn dem Wahnsinn nahe. So warf er sich auch wieder heute Nacht unruhig auf seinem Lager hin und her. einmal von den vergangenen glücklichen Tagen träumend, wie er sorglos in den Armen Mirjams ruhte, in dem nächsten Augenblick wieder von einem schrecklichen Traumbilde, von einem traurigen Ende, das ihm bevorstand, geschreckt. Endlich graute der Tag. wie er glaubte und fürchtete, sein letzter. — Während sich dieses im Gefängnisse zutrug, spielte auf einem anderen Theile des Gutes eine nicht minder bewegte Szene. In einem hohen, prächtigen, in gotischem Stile geschmückten Zimmer des Schlosses warf sich ein Weib in dem hohen Himmelbette, in Thronen gebadet, hin und her. Es war Mirjam. — Schon seit einigen Wochen befand sie sich jetzt in der Gewalt des Grasen und noch hatte sie kein Mittel gefunden sich aus dieser Lage zu befreien. Viele vergebliche Versuche hatte Graf Heinrich gemacht, sie umzustimmen. Das herrliche Schloß, das sorgenlose glückliche Leben, das er ihr versprach, hatte sie nicht reizen können. Erst gestern Abend hatte sie der Graf noch einmal mit seinen ungestümen Bitten gequält, umsonst; und zuletzt hatte er, vom Zorne ubermannt, die schrecklichsten Drohungen gegen sie, gegen ihren Ge- \

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