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Der Israelit · 1904-10-27 · Heft 85 (27.10.1904) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 85 (27.10.1904)
Date
1904-10-27
Page
– (sequence 26)
Language
German
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1816 fie durch eine Abordnung des Vorstandes der Cyna- | gogen Gemeinde Breslau, in deren Mitte fast alle unsre Versammlungen (mit einer einzigen Ausnahme) stattgefunden haben, hoch geehrt. Die beiden Vorsitzenden der Gemeinde überbrachten uns persönlich, begleitet von herzlichen Worten der Anerkennung für unser bisheriges Wirken, ihre Glückwünsche. Der Verband der Lehrer vereine erwies uns gleichfalls die unerwartete Ehre, uns durch einen von uns hochverehrten Abgesandten seine Wünsche aussvrcchen zu lassen. Eine Anzahl von Telegrammen und Zuschriften von Cchwestervereinigungen bewies, dass in weiten Kreisen an unser Jubiläum freundlichst gedacht wurde. Es war nur eine Folge dieser von vielen Seiten bewiesenen Aufmerksamkeit, dass der aus der Mitte der Versammlung hervorgegangene Antrag einstimmigen Beifall fand, den erhebenden Eindruck des Tages durch Veröffentlichung einer Jubiläumsschrift festzuhalten, welch; zugleich über die wichtigsten Verhandlungen des Tages berichten sollte. Allen denen, die zu dieser freundlichen Feier beigetragen haben, sei hier noch einmal inniger Dank im Namen des Vereins ausgesprochen. Möge Gottes Segen ihn ferner begleiten, dass er nach Ablauf der nächsten fünfundzwanzig Jahre mit gleicher Genugthuung in die Vergangenheit, mit gleicher Hoffnung in die Zukunft blicken darf. Hieran schließen wir einen Vortrag, den Herr Prediger Jakob B ä h r - Waldenburg i. Sch. „Zur Frage der Fortbildung der jüdischen Lehrer auf dem Gebiete der Religionswissenschaft', hielt. Derselbe lautet: Anders als für die Lehrer anderer Bekenntnisse sind für den jüdischen Lehrer die Religionsfächrr. Für den nicht jüdischen Volksschullehrer ist in der Regel der Religionsunterricht nur ein Nebenfach — er unterrichtet auch Religion — für den jüdischen Lehrer ist dieser Unterricht fast immer Hauptfach mG »ür den überwiegendsten Theil der jüdischen Lehrerschaft meistens das einzige Unterrichtsfach, auf dem er sich bethätigt. Zum mindesten 75 pCt. aller jüdischen Lehrer sind nur Religionslehrer, und diese vermitteln nicht etwa nur die Elementarkenntniss der Religion, während der abschliessende höhere Religionsunterricht dem Geistlichen überlassen bleibt, nein, die jüdische Jugend erhält in den meisten Fällen den ganzen Religionsunterricht von dem Lehrer. Ja. noch mehr. Die jüdischen Lehrer sind nicht bloß religiöse Jugeudbiid ner, sondern in etwa 85 pCt. der jüdischen Gemeinden in Deutschland religiöse Führer und Lehrer auch der Erwachsenen. Das ist ein Faktum. Wer will, mag es beklagen, aber es bestreiten wollen, heisst die Politik des Vogel Strauß treiben. Zahlen beweisen. Westfalen hat etwa 80 Gemeinden; von denselben haben kaum 5 Rabbiner, die übrigen werden von den Lehrern geistlich versorgt; Schlesien etwa 85 Gemeinden, etwa 16 Rabbiner, sonst nur Kultusbeamte; Qstvreußen etwa 56 Gemeinden. 5 Rabbiner; Pommern etwa 40 Gemeinden, darunter 6 Rabbiner. Das gleiche Lerhältniss herrscht im übrigen Deutschland, einschliesslich Süddeutschlands. Die dortigen Bezirksrabbinate ändern an der Sache nichts. Auch dort ist der Lehrer in der kleinen Gemeinde religiöser Lehrer und Leiter derselben. Dort vielleicht noch mehr als bei uns. Das Kriterium für die Brauchbarkeit des Lehrers ist dort nicht etwa seine pädagogische Befähigung oder seine tantorale Qualifikation, sondern seine größere oder geringere Gewandtheit int in v-Lernen. Daß süddeutsche Lehrer vredigen und alle möglichen Kasualreden — ausser Trauungsreden — halten, braucht nicht loeiter hervorgehoben zu werden. War doch der erste Lehrer, der Predigten und Gelegenheitsreden veröffentlicht hat, ein Süddeutscher, Benedikt Hause.') Es ist also eine unbestreitbare Thatsache, daß die Lehrer bis auf einen kleinen Bruchtheil die alleinigen religiösen Leiter und Borather von über 2000 Gemeinden sein müssen und auch sind. Die gediegene Durchbildung in den Religionswissenschaften ist deßhalb für die mcisten Lebrcr das wichtigste. Denn vom Grade ihrer Befähigung und von der Art. wie sie sich im Amte bewähren. hängt nicht nur ibr eigenes Wohl und Wehe ab. sondern auch das Gedeihen des Judenthums. In richtiger Würdigung dieser Thatsache hat die jüdische Lehrerschaft in jüngster Zeit der Frage der Ausbildung in den Religionsfächern ihre besondere Aufmerksamkeit zugewendet. Eine Anzahl jüdischer Lehrervereine Hai die Rvthwendigkeit einer tieferen und umfasienderen Ausbildung auf diesem Gebiete besonders betont.-) Darin liegt also das Zugeständniß, daß die bisherige Ausbildung in den Religivnsfächern eine unzureichende sei. DaS enthält jedoch keinen Vorwurf gegen die Seminarien. Denn diese sind ihrem Wesen und ihrer Verfassung nach Anstalten zur Ausbildung von VolkSschullehrern. nicht aber Spezialbildungsstätten für Miniatur-Rabbiner. Auch ist in Anbetracht der immer wachsenden allgemeinen Anforderungen an' die Lehrerbildung bei einem dreijährigen Kursus eine gründlichere Ausbildung in den Religionsfächern, wie sie dem Lehrer der kleinen Gemeinde noth thut, schon aus Mangel an Zeit geradezu unmöglich. An dieser Unmöglichkeit scheitern alle Wünsch: und Forderungen. Wohl gäbe es einen oder den andern Ausweg: entweder den Seminarkursus um mindestens ein Jahr zu verlängern oder, was noch vortheilhafter toäre, von den bestehenden sechs Seminarien drei in Bildungsstätten nur für Religionslehrer umzuwandeln. Den Bedarf an Volksschullehrern würden auch drei decken. — Doch solche Erwägungen haben wenig praktischen Werth. Bereits vor elf Jahren habe ich diesen Gegenstand ausführlich besprochen.') Das hat damals nichts 3) „VlUgein. Zeitung dc^Judenthum« 1893? Rr. öS. 53.

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