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Der Israelit · 1904-10-27 · Heft 85 (27.10.1904) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 85 (27.10.1904)
Date
1904-10-27
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1$08 hierin ist unsere Zeit, die mit Riesenschritten und auf Adlerschwingen der Vorzeit vorangeeilt, dennoch weit zurückgeblieben. Hierin hat sie der alten Zeit bis jetzt die Palme noch nicht entrissen; ja. sie scheint sie in diesem Punkte nicht erreichen zu wollen. Sie streut Golv mit vollen Händen; sie baut Anstalten, trifft Mittel, das Loos der Armen und Fremden zu erleichtern — aber der g a st l i ch e Herd von Einst liegt in Trümmern, der gastliche Ruf zur Einkehr in's gastfreie Haus ist verschollen. Wer nicht durch das Band der Familie, durch die Macht der Verhältnisse und Verbindungen, durch die Bande der Rothwendigkeit unter unser Dach, an unseren Tisch gezogen wird, für den ist kein Plätzchen innerhalb der grossen Räume unserer Häuser, kein Plätzchen an unserem Tische. Wir sind nicht mehr das g a st l i ch e Israel. Ja. aber wozu auch? Wir geben ja gerne Geld anstatt des gastlichen Asyls in unserem Hause; Geld, anstatt des Platzes an unserem Tische; für Geld kauft man ein Asyl in dazu bestimmten Städten; für Geld erkauft man einen Platz an besetzter Tafel; für Geld stillt man Durst und Hunger. Ist das nicht Milde? — Ja! es ist Milde — aber es ist nicht Gastfreundschaft. Habt Ihr je gekostet den Trunk, der um schnöden Sold uns gereicht wird — und den, den bic Siebe und die G a st l i ch k e i t uns baut — welcher war erfrischender, welcher hat Euch mehr erquickt? Jener stillt den D u r st — dieser erquickt; jener befriedigt, dieser labt! O glaubt mir's: Es gibt noch viele Herzen selbst unter dem unscheinbaren Kleide des Bettlers, die das v'o vvs „ein wenig Wasser", das mit wahrer Abrahams milde gereicht wird, dem schäumenden Becher vorziehen, den die Lieblosigkeit ihnen reicht. Es gibt noch Herzen, die selbst an reichbesetzter Tafel das traute Plätzchen in einem gastlichen Hause, in einem freundlichen Familienkreise entbehren. Um jener Menschen willen, um des Himmel willen, der an dem gastlichen, schlichten Anerbieten Abrahams solch Wohlgefallen fand, lasset die schöne Tugend der Gastlichkeit nicht aussterben in Israel. Oeffnet Eure Häuser dann und wann dem würdigen Armen und Fremden; gönnt ihnen dann und wann ein Plätzchen an Eurem Tische. Seht, es sagt der Herr: -paS me *pn „Ich will, dass ich diese Tugend auch deinen Kindern einst zu lohnen habe." Ein reiner, ewigsprudelnder Lebensquell sei die Milde und Güte in Israel; wie jener die Schmachtende labt und erquickt, erfrischt und stärkt — so sei Jedem, der an unsere Thüre pocht, aus diesem v"n „Lebenswasser", das v'v wo daS „Wenige Wasser" gereicht, das erquicken und erfrischen kann, weil es vom Herzen kommt. II. .wi oti «v rw »» wob wwb ixrm „Waschet eure Füsse, sprach Abraham ferner zu den Wanderern. Dafür spricht Gott zu Israel: Waschet Euch und bleibet rein!" (Jalkut Sim. ibid.) Ja. aber wer ist jener Fremder, dem ich mein Haus öffnen, den ich an meinem Tische speisen soll? Ist er der Gastfreundschaft würdig? ist die Leidensmiene, die er als Armer trägt, auch echt? ist sie nicht erheuchelt? ist der Stempel der Ehrlichkeit, den er an der Stirne trägt, nicht falsch? So fragen wir oft und prüfen und zweifeln und erwägen, als gelte es einen ewigen Kauf, bis die warme Regung des Mitgefühls vom frostigen Hauche dieser kalten Zweifel erkaltet, bis des Herzens reine Opferflamme erlöscht und der Opferduft verraucht ist. Hat auch Vater Abraham gefragt, gezweifelt, erwogen, geprüft? Nein! es genügte ihm. dass es Wanderer, dass es Fremdlinge waren; es genügte ihm, daß sie kein Obdach hatten; es genügt ihm zu wissen, daii der Fremde mit allen Mitteln nur immer in der Fremde, doch nur unter Miethlingen ist, rvenn die Liebe und die Gastfreundschaft ihm nicht die Hand bietet. Und er rief: "*2wi uz b» „Geht doch nicht vorüber"; hier steht meine Hütte, lasset sie Euch zur zweiten Heimath werden. Und Ihr, m. jüd. Schwestern! Ihr wackeren Hausfrauen! die Ihr mit Milde das Szepter des Hauses führet und in dieser Angelegenheit ein wichtiges Wort zu reden, ja den Ton anzugeben berufen seid. — Euch führe ich ein biederes, jüdisches Weib vor Augen, wie wir sie in der heutigen Haftora schildern hörten, dp ^D.-.onb nVc’ nrx rara *bv ^nj TID3D r6n: hb»k (Jalkut z. St. § 228.) „Keinem Weibe war es gegönnt, dem Propheten E l i s ch a in's Antlitz zu blicken — doch eine vornehme Frau empfing ihn in hohen Ehren!" Seht, es zeigen uns die Weisen, wie ja doch der fremde reisende Elischa dem edlen Weibe unbekannt war; er nannte sich Elischa und galt als o ' p rr B"rr „G o t t e s m a n n!", war er's aber auch wirklich? war's nicht ein Heuchler? war's nicht falsihe Miene, die er zur Schau trug? War sie. die Sunämiterin. das schwache Weib, im Stande, dies zu prüfen? Konnte ein Weib, bei allem Scharfsinne, dem gottbegeisterten Manne auf den Grund seines Herzens sehen; war ein Frauenblick scharf genug, um im Gesichte jenes Mannes prüfend lesen zu können? Nein! wozu auch? er war f r e m d. d u r ch r e i s e n d, obdachlos — und ihrer milden Gastlichkeit und guten Aufnahme schon darum empfohlen. — Darnm deuten auch die Weisen so nachhaltig hin auf diesen Ebaralterzug, indem sie sagen: ram »bv vwbm mr» wss darirnb rfoa' nmx „Nimmer war ein Weib im Stande, in seine Züge prüfend zu schauen. "0222 wtepi»?rtj dennoch empfing und bewirthete sie ihn mit großen Ehren! O, lasset Euch von diesem Weibe nicht beschämen; lasset uns eher bereit sein, von dem Fremde» alles G u t e zu halten, als ihn im grellen Lichje aller

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