Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 85 (27.10.1904)
- Date
- 1904-10-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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48. Jahrgang. rste Aeikage zu Jfs 85 des Offenbarung.') Sirlraj, ich» i in $rtrii .SuSjiefe i>gmls«t».R. Bon Joseph Freund. Meine Herren! Es ist eine gemeingültige Regel, daß der Behandlung eines geistigen Stoffes, schon mit Rücksicht auf Klarheit und Anschaulichkeit der Darstellung, eine Einleitung voranzugehen hat. Es müssen in der Einleitung diejenigen Ideen gestreift werden, die der eigentlichen Behandlung des Gegenstandes zu Grunde liegen und ihren Gedankengehalt ausmachen sollen. Es mutz der Weg, der durch einen ungezwungenen Uebergang in medias res zur sachlichen Bearbeitung führt, angebahnt werden, so datz das Gerüst des Aufbaues bereits hier, in der Einleitung, mit klaren Linien gezeichnet und der Boden, auf dem er aufgeführt werden soll, dem Leser oder Zuhörer angedeutet ist. Ich habe nun. um Ihnen, m. H., klaren Wein einzuschenken, ein Geständniß abzulegen; das Geständnih, datz ich eine Ausnahme machen werde. Ich will von der angedeuteten, stilistischen Gepflogenheit Abstand nehmen und nicht damit einsetzen, was im Laufe meines Referates auf breiterer Grundlage eingehender und umfassender besprochen werden würde; sondern damit, was vorweggenommen werden mutz, da es für die Besprechung meines Themas eine unerlätzliche Voraussetzung bildet und in den Rahmen der weiteren Behandlung überhaupt nicht eingefügt werden wird. Klarer ausgedrückt', nicht was besprochen, sondern was nicht besprochen werden wird, soll vorausgeschickt werden. . So gebietet es mir die stoffliche Beschaffenheit, die spezifische Eigenthümlichkeit meines Themas, das, wie Ihnen bekannt, „Offenbarung" heitzt. Man würde nämlich meinen, man habe, wenn dieses Thema bearbeitet und dargestellt werden soll, auf folgende Weise zu verfahren. Zunächst muffe die begriffliche Wesensart des Wortes „Offenbarung" definirt. dann aber das Vorhandensein des Aktes, auf das dieses Wort gemiinzt wurde, bewiesen und festgestellt werden. Das Er^le. die begriffliche Definition, was das Wort „Offenbarung" bedeute, ist leicht geschehen. Die durch Gott erfolgte Verkündung der Zehngebote an das jüdische Volt, die sich vor mehr denn 3000 Jahren am Sinaiberge vollzog — das ist Offenbarung. Run sollte man erwarten, daß das logische Verfahren fortgesetzt und auch der Geltendmachung der zweiten, wesentlichen •) Auf vielfach geäußerten Wunsch der veffentlichkeit übergeben. Bedingung stilistischer Zergliederung uneingeschränkter Raum gewährt werden würde. Man sollte erwarten» datz der nervns rerum die Frage, sagen wir's einmal unverbliimt heraus, ob die Offenbarung thatfächlich vor sich ging, von verschiedenen Gesichtspunkten in Angriff genommen, beleuchtet und soweit das Wissens- und Erkenntnitzvermögen reicht, endgültig gelöst würde. Ich will der Täuschung derer, die das alles erwarten, Vorbeugen und vorweg nehmen, daß ihre Hoffnung eine vergebliche ist. Die Frage, ob die Kundgebung göttlicher Gebote durch Gott an das jüdische Volk thatlächlich sich ereignete oder nicht — diese Frage ist undiskutirbar und entzieht sich somit dem Forfchungsdrange jedweden menschlichen Intellekts. Und dies nicht etwa darum, weil der Glaube an die Offenbarung — lassen wir einstweilen den landläufigen Ausdruck — die Granitbasis jüdischer Lebensanschauung, jüdischer Gesittung, jüdischen Daseins überhaupt bildet. Rein, da müßten wir erst recht an die Frage herantreten, ist diese Basis, in welcher unser jüdisches Lebensprinzip wurzelt, wirklich aus Granit geschaffen, festgefügt und unerschütterlich, oder ist sie stümperhaftes Machwerk, gedankenlos zusammengewürfelt. morsch, hohl und wankend. Ja. der Selbsterhaltungstrieb in uns müßte die Frage aufwerfen >ist dieser Glaube das Ergebnitz reiflicher, gewissenhafter Forschung, erleuchteter, selbstloser Geister — dann ist er, solange er nicht widerlegt wird,, zuverlässig und berechtigt. Beruht er aber auf Suggestion, die selbstische Demagogen und Volksbethörer, um die Triebe zu dämmen und leidenschaftlichen VolkSÄusbrüchen zu steuern, der dummgläubigen Menge eingeflötzt haben; — wurde er also als wirksames Mittel zur Erhaltung und Befestigung menschlichen Ansehens und menschlicher Macht erfunden und verbreitet, dann ist er in Sünde geboren und richtet sich von selbst. Auch wäre doch, da es sich um unsere Daseinsbedingungen handelt, zu erwägen, ob dieser Glaube, gesetzt, daß er lauteren Ursprungs ist. auch für unsere Zeit, für unseren jetzigen Wohnort Sinn und Zweck habe. Es ist doch möglich, datz dieser Glaube dadurch entstanden ist. daß die leitenden Staatsmänner eines gewissen Landes ihn für zweckmäßig und segensreich erachtet haben, um das Wohl des Landes, in welchem, und des Volkes, für welches sie gewirkt haben, fördern zu können. Bestätigt sich aber diese Annahme, so ist es'die natiirlichste Schlußfolgerung, daß der Glaube nur temvoräre Bedeutung und nicht über Zeit und Raum hinaus Vervflichtungskraft hat. Die Frage, ob die Offenbarung in der That vor sich ging oder nicht, ist ganz einfach darum nicht ditzku-