Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 85 (27.10.1904)
- Date
- 1904-10-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450062--61654-2524563- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1793 fliegen mochte. Die Larrdstraße war zu Ende; ihr Weg führte jetzt durch einen dichten unwegsamen Wald, an dessen entgegengesetztem Ende das Gersdorf'sche Gut mit den« Gefängniß, in dem Rüben unschuldig eingekertert war, lag. Ein unwillkürliches Schaudern ergriff sie. als sie in den schattigen, fast lallen Weg eintraten. Rur langsam ging es vorwärts, von beiden Seiten ftrecften sich Wurzeln und Sträucher in den nothdürftig gehauenen Pfad und erschwerte das Vorwärtskommen ungeheuer. Rach langer Mühe waren sie in der Mitte des Waldes angelommen; da ertönte aus dem Dickicht ein lang gezogener Pfiff, ein gleiches Zeichen antwortete von der entgegengesetzten Seite, und ehe nur der Rabbi und Mirjam recht zur Besinnung kamen, waren sie von allen Seiten umringt, und die Angreifer machten Mine sich auf die Wehrlosen zu stürzen. Mit einem Schrei des Entsetzens stürzte Mirjam ohnmächtig zu Boden.- Der Bote von Rüben war ein Vorwand gewesen, Mirjam nach dem Gute zu locken und sich so ihrer zu bemächtigen; auch Gras Heinrich hatte sich selbst nach dem Wald begeben, um bei dem Ueberfall anwesend zu sein. Da stieß Mirjam einen Schrei aus, der ihm wie die Posaune des letzten Gerichtes in den Ohren gellte, und jetzt sah er wie Mirjam wankte und fiel. Mit einem Satze war er bei ihr und fing sie noch im letzten Augenblicke, als sie bereits zu Boden lag, mit seinen Armen auf. Stumm vor Entsetzen hatte Rabbi Schlaume diese Szene mit angesehen, mit Schrecken erblickte er den höhnisch lachenden Grafen Heinrich. „Run, alter Narr," begann er, die immer noch bewußtlose Mirjam aufrecht haltend, „habe ich nicht Wort gehalten, als ich Dir sagte, ich werde Deine Tochter noch bekommen, siehst Du wie treu sie in meinen Armen liegt." Bei diesen Worten drückte er einen zärtlichen Kuß aus die blendend weiße Stirn der ohnmächtigen Jungfrau. In diesem Augenblick schlug Mirjam die Augen auf. und schaute verwirrt im Kreise umher. Da sah sie ihren Vater vor Kummer gebeugt dastehen, und fragend sah sie ihn an. Roch ehe der Rabbi auf ihre stumme Frage antworten konnte, begann Graf Heinrich wieder: „Was sollen wir lange hier stehen bleiben, brechin wir auf. Rabbi Schlaume. Ihr könnt zurück nach B. gehen. Eure Tochter werdet Ihr mir schon überlassen müssen. ssie wird mein Weib werden." Ie§t hatte auch der Rabbi seine Fassung wieder erlangt, und in bitterem Tone erwiderte er: ..Also Ihr habt nach B. geschickt, um Mirjam holen zu lassen und nicht Rüben; eine Falle habt Ihr uns gestellt. Ist das vielleicht im Sinne Eures vor weniger Zeit verstorbenen Vaters gehandelt, ich zweifle sehr, ob Euer Vater d>es Vorgehen gebilligt hätte." Rabbi Schlaume hatte mit diesen Worten den wunden Punkt in Heinrichs Herz getroffen; betroffen biß er die Zähne auseinander und ließ die kühnen Worte des Rabbi unbeantwortet. „Vater, schone Deine Worte." warf jetzt Mirjam ein, „bei diesem Tvrannen ist mit guten Worten nichts zu erreichen, suche Dein Recht an geeigneter Stelle, wende Dich an den Bischof von Mainz, der ja ein Freund der Inden ist, nur bitte diesen nicht um Gnade, von dem doch keine zu erwarten ist. Mag er mich auch mitschleppen, mich zwingen, sein Weib zu werden, kann er nie, lieber sterben als Dein Weib werden, eher verschmachte ich im Gefängnis;, bis Du mich zwingen kannst." Die letzten Worte richtete sie flammenden Auges auf den Grafen. „Ich werde Dich schon zu zwingen wissen." war seine kurze Antwort. Aus seine Anordnung wurde nun Mirjam auf ein Pferd gesetzt und fort ging's nach seinem Gute zu. Einen langen, schmerzlichen Blick warf der Rabbi den Davoneilenden nach, endlich raffte er sich auf und trat seinen Heimweg an. tief traurig, aber fest entschlossen, da? Aeußerstc zu tfnin. seine Tochter wieder aus der Gewalt des Grasen Heinrich zu bringen. iFortsetzung folgt.) Der „JSrnelit" erscheint wöchentlich zweimal, Montags nnd Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen- Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Ausland entsprechend höher. Man abonnirt ganzjährlich, halbjährlich oder vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehme» Bestellungen an. — Der Buchhandel verkehrt durch V. AStrinarkrr, Leipzig, Rotzplatz IS. — Inserate 25 Pfennig die viergespattcne Nonpareillezeile oder deren Raum. Preis der Zeile im Reclametheil 75 Pfennig. — Dirccte Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 16 Kronen österr., für's Ausland 16 Mark, an die Expedition franco einsenden. Postzeitungsliste -3932. Telephon 1915. Inhalt t-auplblatt): Äst das schlichten eine vrtbodore Marotte* — Ablmardt als Jnbilnr. — Portraa über Erlebnisse in GaUrien. — Goldenes Lehreriuviläum. — Brüenerungsrecht jüdischer Gemeinden in Bayer». — .Uvma Earol «nd die Juden. — Feuilleton Mlrjam lSartsetztmg). Anhalt »er «rllen Beilage: lung dcü ji. Aamiiie in Anhalt Ut jWrUro Beilage: Echt»- Gottsrcundschaft. — Zur Abänderung der Äudengesetze'm RuUand^— Vermischtes VSSSL-Llsch» DrUag«: Verein israelitischer Lehrer in schienen und Posen. — Statistische Uebcrslcht der jüdischen Lebrerkonlerenjeit in Deutschland. M ’ verautwortltcke Webaction: C*ear Lehmann in Mainz. — Expedition de» „CWraelit“. Schottstratze 9tr & Druck und Verlag der 3 ob. Wtrtb'scheu vofbuchdruckerei Actien-Gesellschast tn Main». Hierzu drei Vettageu.