Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 85 (27.10.1904)
- Date
- 1904-10-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450062--61653-2524562- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
begeben, und schon wollte der alte Rabbi seine Kinder fürs Leben verbinden, da erhob sich außen ein großer Lärm, das Zusammenschlagen von Waffen wurde ge^ hört und herein traten vier bis an die Zähne bewaffnete Reisige. Erstaunt schauten alle Anwesenden auf die Eindringlinge. Die alten Männer erbleichten, sie hatten es leider in früheren Jahren zu oft 'gesehen, wie sie in ihrer Andacht von rohen Kriegsknechten aufgeschreckt wurden und nur zu oft war die Stätte der Andacht ein Schauplatz blutiger Szenen gewesen. Die jüngeren Leute, die sich unter dem Schutze des verstorbenen Grafen Gersdorf der Ruhe freuen durften, schauten neugierig auf die Bewaffneten und frugen nach ihrem Begehr. ..fürchtet Euch nicht, Ihr Leute, es gilt nur einen Verbrecher zu verhaften. Euch wird kein Leid geschehen," antwortete der Anführer. Durch das freundliche Wesen des Anführers ermuthigt, entgegnete ihm der Rabbi: „Ihr irrt. Herr, hier gibt es keine Verbrecher, Ihr würdet hier vergebens suchen." „Ich wollte ich würde mich täuschen, doch ich habe strengen Befehl, den eines schweren Verbrechens Angeklagten aus der Stelle zu verhaften; und — es thut mir leid um Euch — es ist dies Euer neuer Schwiegersohn Rüben." Wie der Blitz sprang Mirjam, die bis dahin unmuthig über die Unterbrechung gleichgiltig dagestanden hatte, auf. ihre Wangen glühten, und ihre Augen schollen wütbende Blitze. „Wer wagt es. meinen Bräutigam von der Trau ung hinweg verhaften zu wollen. Rüben ist unschuldig, dafür verbürge ich mich." Beschwichtigend legte der Rabbi seinen Arm auf sie. „Sei ruhig, meine Tochter, die Unschuld Rubens wird und muß an den Tag kommen; folge Tu ihnen deßhalb, mein Sohn, wir sehen uns mit Gottes Hilfe bald wieder." „Und welchen Verbrechens klagt man mich an?" fragte Rüben ruhig. „Das kann ich nicht' sagen," antwortete der Führer, „ich habe nur den Auftrag Euch zu verhaften, folgt mir deßhalb ohne Widerstand!" Die Soldaten machten Miene ihn zu fesseln, fanden jedoch energischen Widerstand von Seiten Rubens, „Fesseln lasse ich mich nickt, ich werde Euch ungeseffelt willig folgen, denn ich weiß, daß ich unschuldig bin." Und stolz erhobenen Hauptes verließ er. von den. Soldaten geleitet, die Synagoge, ihm nach die schluchzende, von ihrem Vater geleitete Mirjam. Haßerfüllte Blicke warfen die in dem Gotteshause Zurückbleibenden den Landsknechten nach; so weit war es also schon seit dem Tode des Grafen Gersdorf gekommen; nicht einmal in dem Gotteshause waren sie sicher vor den Nachstellungen ihrer Feinde! — Wochen waren seit dieser Begebenheit vergangen, und immer noch nicht hatte Mirjam irgend welche Nachricht von Rüben bekommen. Das früher so' blühende Mädchen schlich wie ein Schalten umher, von der Ungeduld verzehrt. Jeden Augenblick vermeinte sie die ihr so bekannten Tritte ihres Bräutigams zu vernehmen.. immer wieder war es Täuschung und vergrößerte noch ihren Schmerz. Anders ihr Vater. Ruhig, im Vertrauen auf Gott, wartete er geduldig die Zeit ab. in der sich die Unschuld Rubens Herausstellen mußte, obtvohl ihn in seinem Innern die Gefangennahme Rubens ebenso tief schmerzte, als Mirjam. Da erschien eines Tages von dem Gute des Grafen Gersdorf, wo sich Rüben im Gefängnisse befand, ein Bote, mit der Nachricht, Rüben wünsche seine Braut sowie den Nabbi dringend zu sprechen. — Freudig hörte Mirjam die Botschaft. Doch verwandelte sich ihre Freude in große Besorgniß. als sie darüber nachdachte, weßhalb wohl Rüben nach ihr geschickt Hobe. Wie, wenn Rüben krank wäre, vielleicht dcm Tode nahe, und sie zum letzten Lebewohl herbeirief. In banger Ungewißheit zermarterte sie sich ihr Gehirn mit den schrecklichsten Vorstellungen, und nur mit Mübe konnte Rabbi Schlaume sie überreden, mit der Abreise bis zum folgenden Morg'en zu warten. V. Schlaflos verbrachte Mirjam die folgende Nacht, durch ihr Angstgefühl um Rüben gepeinigt, llnruhig warf sie sich auf ihrem Lager hin und her, und wenn der Schlummer sie einmal übermannte, schreckte sie wieder nach wenigen Minuten, durch schwere Träume geängstigt, auf. Endlich brach der neue Tag an. Bald stellte sich auch der von dem Grafengute gesandte Bote ein. der zur Begleitung Mirjams in B. geblieben war. Auch Rabbi Schlaume wollte mitgehen und so brach denn die kleine Gesellschaft in aller Frühe auf. um so rasch als möglich das Gut des Grafen zu erreichen. Still gingen sie neben einander her. Mirjam in Sorge um das Schicksal ihres Rüben, während der Rabbi sich in die Schönheit der Natur, die er so lange, entbehrt batte, vertiefte, denn lange war er nicht aus seiner Studirstube herausgekommen, und in tiefen Zügen schöpfte er Athem in der milden Frühlingsluft. Ueberall zeigten sich die Spuren der neuerwachten Natur. Freudig zwitscherten die Vögel in den Aesten, priesen mit ihrem Gesang den Schöpfer, der wie mit einem Schlage die Natur aus ihrem WintersÄlafe geweckt hatte. Jauchzend stieg die Lerche gegen den . Himmel, gleichsam als ob sie den Schöpfer im Himmel : verehren wollte; welch scharfer Gegensatz bildete die Naiur jetzt zu den armen gedrückten Menschen, die sich ' ihrer mcht freuen konnten. — j Unaufhaltsam schritten die Drei weiter, immer näher kamen sie dem Ziele, zu dem Mirjam am liebste»