Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 85 (27.10.1904)
- Date
- 1904-10-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1794 aufmerksam, daß die galizischen Juden eigentlich echte Deutsche sind. Als im 14. Jahrhundert, nach dem schwarzen Tod. sämmtliche Juden aus Deutschland vertrieben worden, habe ihnen Galizien und Rußland die Thore geöffnet und sie gastfreundlich ausgenommen. Rach Polen brachten sie die deutsche Sprache mit und merkwürdiger Weise haben sie die deutsche Sprache — Jargon — und ihre damalige Tracht bis zum heutigen Tage erhalten. Roch ein Beweis für ihr Deutschthum sind ihre deutschen Namen, die sie noch heute führen; so z. B. finden wir dort die Namen Feigenbaum. Horowitz. Honigwachs. Löwenstein etc. Dann schilderte der Redner die galizische jüdische Bevölkerung. Sie besteht nämlich aus „Chasidim". „Misnagdim" und der Fortschrittspartei. Die Chasidim sind die Strenggläubigen, die die meiste Zeit mit nbwm nun zubringen und Anhänger der Chasidim Rabbi sind, die Misnagdim sind auch ziemlich orthodox und dann die Fortschrittspartei. nämlich die Reformer. Die Fanatiker sind nicht die Chasidim, auch nicht die Misnagdim. sondern die Reformpartei, denn die ist der wahre. Feind der jüdischen Religion und strebt auf Schritt und Tritt die Chasidim. und Misnagdim zu verfolgen und die Religion auszurotten; kein Wunder, daß die Chasidim und Misnagdim ihnen so feindlich gegenüberstehen, und jede Hilfe, die von dieser kommen soll, zurückweisen, weil sie sie als einen Angriff auf ihre Religion betrachten. Der Redner erzählte dann ganz ausführlich seine Reiseerlebnisse. Seine erste Fahrt war nach Krakau; hier besuchte er den Rabbiner Horowitz. der ihn auf Schabbos einlud. Redner schilderte sogar daS Essen, das er bekommen hat. Er hat nämlich vier verschiedene Sorten Fische bekommen; das Mahl war sehr üpvig. aber zu schwer für seinen deutschen Magen. Er hob die besondere Feierlichkeit des Schabbos in Krakau hervor, alle Juden in Pelzmützen und seidenen Kaftans boten einen herrlichen Anblick dar. Am Abend bat der Redner den Rabbiner mit ihm in das Judenviertel zu gehen. Hier sah er ein schreckliches Elend; er hörte aus einem Keller einen entsetzlichen Lärm und ging mit Ueberwindung mit Rabbiner Horowitz und dessen Sohn hinunter. Da bot sich seinem Auge ein furchtbares Bild: Da stand eine magere Frau mit einem kranken Kinde auf dem Arm. der Mann stand mit geballter Faust vor ihr und tobte, weil sie ihm kein Nachtmahl vorbereitet hatte. Er hatte einen ganzen Tag gearbeitet und für 30 Heller Apfelsinen verkauft. Dafür mußte die Frau Medizin und Lebensmittel für den ganzen Tag kaufen und sollte nun noch ein Nachtmahl liefern. In Bezug auf die Wohnpngsverhältniffe bemerkte der Redner.' daß er in einem kleinen Raume 14 Personen angetroffen habe. Er kam auf das Leben der galizischen Jugend zu sprechen, welches sich hauptsächlich in Beth Hamidrasch abspielt. Das Beth Hamidrasch ist Alles für die galizische Jugend, dort wird gelernt und auch gegessen und geschlafen. In Krakau existiren mehrere Bothe Midraschim und 50 verschiedene Hilfsvereine, so z. B. Waisenhaus. Altenhans, Hospital, npii ,rfo jiwki Das Elend ist sehr groß, die Antisemiten haben überall Konsumvereine gebildet. um den jüdischen Handel lahm zu legen. Es gibt auch sehr viele Handwerker unter den Juden, sie leiden aber auch unter dem Druck der Antisemitem Auch Ackerbauer sind unter ihnen; auch sie werden unterdrückt. Es ist unter diesen Verhältnissen als ein Wunder anzusehen, daß die galizischen Juden nicht verkümmern. Zu seinem Erstaunen sah er dort verhältnißmäßig sehr wenig Geisteskranke und Krüppel; man kann dies nur ihrer wahren Religiosität znschreiben. Redner schilderte dann die traurigen Zustände der In einem engen Raume sitzen bei einer Kerze 30 Kinder zusammengepreßt. Derselbe Raum dient auch zum wohnen, kochen etc. Redner spricht dann von den Schulen des Baron Hirsch. Dort sind die Einrichtungen vortrefflich; aber die orthodoxen Juden schicken ihre Kinder nicht hin, weil diese Schulen nicht religiös geleitet werden. Ein heftiger Gegner der Baron Hirsch-Schulen war der berühmte Rabbi Hillel Lichtenstein, Rabbiner in Kolomea. Als einst Fmedländer. der Gründer der Schulen, zu ihm kam und um seine Unterstützung bat, fragte ihn der Rabbiner: Was wird dort gelehrt werden? Friedländer antwortete: Geschichte, Geogravhie etc. Da entgegnete der Rabbiner: ' Wozu haben die Bachurim Geographie nöthig? Sie schnorren sich durch, Mimokaum Limokanm c*psc D'paS — von Ort zu Ort — und lernen praktisch die Geographie. Sie werden sich schon zu Ihnen hinsinden ohne Geographie! Im Grunde genommen sind die Hirsch'schen Schulen durchaus irreligiös; Redner selbst traf Lehrer und Schüler ohne Kopfbedeckung beim Pibelunterricht. Man kann sich denken, welche Empörung das in Galizien, dem Sitz der Orthodoxie. Hervorrufen muß. Der Redner war auch in Czortköw und hatte dort die Bekanntschaft des weltberühmten Oberrabbiuers M. Friedmann sel., der voriges Jahr das Zeitliche gesegnet hat, gemacht. Es war drei Uhr Nachmittags, da hatte der Rabbiner sel. sein Schachris-Gebet noch nicht beendet. Sprechstunde hatte er von 11—12 Uhr Nachts. Redner wurde etwas früher vorgelassen. weil seine Zeit beschränkt war. Er wurde in einen Salon geführt, wo an einer Wand ein Schrank mit einer weißen Marmorplatte stand. Daneben ein Lehnstuhl, in dem der ehrwürdige Greis saß. ein Mann von dem man in Wahrheit sagen konnte, daß die ruw auf ihm ruhte. Redner bat ihn um seine Hilfe, betreffs Bekämpfung des Mädchenhandels. Der Rabbi versprach sie ihm. Wer die Macht des Rabbi kennt, der weiß, was sein Versprechen werth ist. Auf Veranlassung des Redners wurde in Lemberg eine