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Der Israelit · 1904-10-27 · Heft 85 (27.10.1904) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 85 (27.10.1904)
Date
1904-10-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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len sei nichts als eine Schrulle orthodoxer Juden, von welcher sich die Gebildeten längst emanzipirt hätten. Aber daß ein jüdischer Verein, der sich Verband deutscher Juden nennt, diese längst widerlegten Verlogenheiten sich aneignet und vor einem Minister erklärt. nur die Gewissensfreiheit der orthodoxen Juden sei durch ein Schächiverbot bedroht, das ist und bleibt eine so unerhörte Ungeheuerlichkeit, daß sie nur durch das zustimmende Stillschweigen übertroffen wirb, mit welcher die jüdische öffentliche Meinung Deutschlands sich diesen, der Wahrheit versetzten Faustschlag gefallen läßt. Zur milderen Beurtheilung dieser Unbegreiflichkeit läßt sich nur geltend machen, daß die Petenten für ihre Person in der That, der ganzen Schächterei indifferent gegenüber stehen. Sie haben sich ja längst über die Speisegesetze hinweggesetzt, sie thun das so dreist und offenkundig, daß es auch den Behörden kein Geheimniß sein kann: Die Petenten verlachen und verachten selber dasjenige, wofür sie petitioniren. Sie genießen mit und ohne Schächiverbot täglich in öffentlichster Oeffentlichkeit was Gottes Gesetz dem Juden verboten hat und sie sollen nun plötzlich dem Minister eine Petition zum Schutze des Schächtens einreichen! Das können sie nicht, ohne auf die Gewissen der Orthodoxen zu verweisen, denn ihr eigenes Gewissen wird in der That. von alledem nicht berührt. Detzhalb verratben 'sie die Schacht-Jnstitutiön als eine orthodoxe Marotte und liefern sie der bedenklichsten Gefahr aus. in dem Augenblicke, in dem sie eine Petition zu ihrem Schutze dem Minister einreichen. Die Moral von der Geschichte liegt offen zu Tage. Auch der Verbandseligste muß angesichts einer solchen Ungeheuerlichkeit auf die Gefahr aufmerksam werden, die es für das Judenthum bedeutet, wenn es von seinen abgefallenen, leichtfertigen und gleichartigen Bekennern vor der Oeffentlichkeit derart blosgessellt wird. Gott schütze uns vor solchen Freunden! Aber es wird dock unerläßlich sein, diesem Wunsch eine bestimmte Form zu geben. Es ist nothwendig. daß Vereinzelte und Vereine. Gemeinden und Rabbiner, welcher religiösen Richtung sie auch angehören. gegen diese Wahrbeitswidrigkeit Front niachen und die öffentliche Meinung sowie durch eine Gegeneingabe an den Minister diesen aufklaren, daß das Schächten mit nichten eine orthodoxe Marotte ist. AhttvardL att Kubttae. Berlin, 25. ütl Berlin freue dich, dir ist Heil widerfahren, denn du hast ihn wieder, den großen Heros antisemitischer Radauversammlungen/ Aber was ist aus ihm geworden? Gm matter Abklatsch des einstigen Rektors aller Deutschen, stand er vor uns, recht wohlbeleibt, ganz grau geworden und aus de« schmetternden Fanfaren des ehemaligen Judenvernichters sind sanfte Ehamaden eines in allen möglichen Farben schillernden „Reformers" geworden. Als Ahlwardt den großen Saal von Kellers Philharmonie in: der Köpenickerstraße betrat, war derselbe nur schwach besetzt, und ebenso schwaches Händeklatschen empfing den Mann, den man einst Abend für Abend unter, tosendem Beifall mit Lorbeerkränzen schmückte. Ahlwardt sprach über „25 Jahre meines politischen Lebens." Er zog eine Parallele unter Anspielung auf Blumenthals verbotenes Stück, daß man auch ihn als einen tobten Löwen betrachtet habe. An Eselsfußtritten habe es gleichfalls nicht gefehlt, aber er sei nicht todt, werde in der nächsten Zeit seine ganze Kraft wieder der Bewegung widmen, lediglich taktische Gründe seien für seine Zurückhaltung in den letzten Jahren maßgebend getvesen. Es ist ein hübscher Zufall, daß Ahlwardt zu derselben Zeir als der todte Löwe bezeichnet wird, in der sein ehemaliger Gegner aus dem Judenflintenprozeß, Isidor Löwe, Geheimer Kommerzienrath geworden ist. Aber über seine ganze „schriftstellerische" Thätigkeit glitt Ahlwardt mit Geschwindigkeit hinweg und hielt sich lediglich bei seiner Broschüre über Pariser auf. Sonst bezeichnete er sich als das Opfer von Verleumdungen, Hohn und Spott und an den Folgen einer vor 11 Jahren geplatzten Hosennath hatte er noch heute zu leiden. Man hätte ihm die Früchte seiner Thätigkeit entwunden und die einstige, stolze, antisemitische Herrlichkeit sei dahin, die Antisemiten seien heute lediglich Parteigänger derjenigen Politiker, die reaktionäre und bildungsfeindliche Zwecke verfolgten. Er wolle aber jetzt gegen diese Leute kämpfen und versuchen, eine gewaltige, wirthschaftliche Bewegung zu entfachen, die - zum Ziele habe, die Eröffnung eines Nationalkredites für die breiten Massen des erwerbenden Volkes und die Brechung der Kreditherrschast des Judenthums in die Wege leiten; gegen den einzelnen Juden, und sei er noch so schlecht, wolle er in Wort und Schrift nichts mehr unternehmen. Die zielbewußten Antisemiten werden angesichts des neuen Auftretens ihres ehemaligen Helden, der auch diesmal sich wieder nur gegen 20 Pfg. Entree zeigte, sagen, wie einst Mikosch: „Armes Ahlwardt, wie host du dich verändert!" Vortrag über Erlebnisse in Gallzien. Altona a. E.. 24. Okt. Dieser Tage hielt hier' Herr Dr. R o se n a k - Bremen im „Jüd. wissenschaftlichen Verein" einen Vortrag über seine Erlebnisse in Galizien. Der Vortrag war sehr interessant. Anfangs machte der Herr Redner das zahlreich erschienene Publikum — größtentheils aus Damen bestehend — darauf

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