Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 97 (8.12.1904)
- Date
- 1904-12-08
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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2109 Als das Mädchen wieder gegangen, machte sich die kleine Miriam reisefertig. ES war nun schon ganz dunkel, sie konnte es wagen. Durch einen Blick in den Korridor überzeugte sie sich, daß das Treppenhaus noch im Dunklen lag. Leise trat sie nun hinaus, ihr BLndelchen in der Hand, und leise ging sie die Treppe hinab. Niemand begegnete ihr, das Personal war wohl in den Souterrainräumen versammelt. Dann lag das Haus, da? ihr Vaterhaus gewesen, in dem sie so glückliche, sorglose, und dann so schwere, unendlich schwere Tage verlebt hatte, hinter ihr, und sie wandte sich nicht einmal, sandte keinen Blick zurück, sondern eilte flüchtigen Futzes dem Bahnhose zu. Sie hatte die Reiseroute genau studiert. Die kleine Miriam war ein frühreifes, selbstständiges Mädchen — das Unglück reift eben den Menschen in jungen Jahren — und so fuhr sie in die Nacht hinaus, die dunkel und trostlos vor ihr lag. und erst am frühen Morgen hatte sie ihr Ziel erreicht. Es war noch früh am Tage, die Sonne war eben erst über die Berge gekommen und hüllte die kleine.' friedliche Stadt in freundlichen, hellen Glanz, als die kleine Miriam über das schlechte Pflaster der Kleinstadt den Weg ging, den sie als kleines Kind, als die Großeltern beide noch gelebt und hier ihren Wohnsitz hatten, an der Hand der Mutter oft gegangen. Sie war müde, aber guten Mutes. Bald befand sie sich in guter Hut, die Großmutter würde sie schützen und nimmer fortlassen. Gesetze, die das Kind dem Vater zusprechen, sein alleiniges Recht respektiren, kannte die kleine Miriam nicht, sie kannte nur das Recht, das sie vor der Gewalt schützen sollte. Die Straße war noch menschenleer, nur selten kam ein bäuerisches Fuhrwerk, wie eben jetzt, schwerfällig des Weges. Sie fragte den Knecht, der schläfrig auf dem Bocke hockte, nach dem Hause der Großmutter. Es war lange, lange her, daß sie nicht hier gewesen. Gerade um die Ecke herum, das dritte Haus, bezeickmete er ihr. Das hatte üe auch vermnthet, so stand es in ihrem Gedächtniß. Nun hatte sie es erreicht. Ein freundliches, zweistöckiges, weißgestrichenes Haus, grüne Läden, einige Stufen vor der Hanstbüre. Die schritt die kleine Miriam nun hinan mit leisem Herzklopfen. Ein helles Glöckchen schlug an. als üe die Tbür öffnete. Vor ihr lag eine große, mit rotben Backsteinen gepflasterte Halle. Matten liefen hindurch. In allen Ecken Blumen, und viele Vogel, alle in Käfigen, zwitscherten munter um die Wette. Nun wußte üe Bescheid. Leise ging sie an die Tbür zur Rechten. Das war das Wohnstubchen. Auch hier Niemand. Der FriibÜLckstisch war bereits sauber gedeckt und aris der Küche, die über den kleinen Flur hinaus an der anderen Seite lag. hörte sie das Hantiren einer Frau. Deni ging sie nach. Da stand sie in der Kuchenthur. Die alte Sara, die schon seit Menschengedenken im Dienste der Großmutter stand. war am Herde beschäftigt. Nun wandte sie sich um. Der Löffel entglitt ihren Händen und fiel, laut aufschlagend, aus oie Steinfliesen. Unbeweglich stand die alte Sara und starrte das Kind an. „Sara, ich Lin'S, kennst Du mich denn nicht mehr?" sagte die kleine Miriam endlich leise, trostlos. Es klang wie durch Thränen. Da kam Leben in die Alte. „DaS Kind, unser Kind, unserer Sophie Kind! Gott, Gott!" . . . Sie schlug beide Hände über dem Kopf zusammen. Dann fuhr üe erschreckend zusammen. „Die Frau, die Frau! Pst! Langsam, langsam, daß es ihr nix schadet, nix schadet!" . . . Sie nahm nun die kleine Miriam, liebreich in ihre Arme, wickelte sie aus ihren Shawl'S und nahm ihr die Tasche ab. „So, mein Herzchen, nun trinkst Du zuerst etwas Warmes, Du mußt ja halb erfroren sein. Ich koche rasch noch ein paar Eier. Geh immer hinein. Herzchen, in's Wohnzimmer. ' Zuerst etwas Warmes, dann gehen wir zur Großmutter; ich zuerst, sie könnte sonst erschrecken. Und sag'S ihr. dann . Du, Herzchen!" Die alte Sara hatte die Gewohnheit, sich zu wiederholen. Jetzt schluckte sie, schluckte, aber, es mußte hinunter. Erst als sie „das Kind" versorgt hatte und wieder allein in der Küche saß, liefen helle Thränen ihr über die eingefallenen Backen. „Schmäh Jisrcel, das arme Kind! Was mag ihm geschehen sein, daß es die Nacht durchgereist ist! Was mögen üe ihm anaetban haben!" Aber ihr Gefühl hielt sie ah. irgend' welche Fragen zu stellen: sie saß still für sich in der Küche. Die kleine Miriam aß und tränk indeß mit einem Wonnegefühl und Appetit, wie sie beides fett der Mutter Tod nicht mehr empfunden. Eine süße Ruhe, eine himmlische Sorglosigkeit hatte 'sie ersaßt, sie fühlte sich wieder eingehiillt in warme, sorgende. Mutterliebe. O. wie wohl daS that! Wie himmlische wohl! Die Vögel zwitscherten draußen, sind die Blumen dufteten, und die kleine Miriam fühlte sich geborgen wie in Abrahams Schooß. . ... Wie müde., sie war. wie müde! Sie batte die ganze Nacht'nicht? geschlafen. Die Sorge und das ungewohnte Lager hatten üe nicht zur Ruhe kommen lassen. Nun Lbermennte es sie. Als die alte Sara endlich kam. um sie zur Großmutter zu holen, da lag die kleine Miriam mit dem Kopfe auf dem Sovhapolster und schlief fest nnd ruhig. Die alte Sara lächelte. Leise zog sie die Thüre hinter sich zu, um das Kind nicht, zu stören. / r , Plötzlich erwachte die kleine Miriam mit einem lauten Schrei. Sie hatte einen fürchterlichen-Traum gehabt. Sie war wieder zu Hause, und mau schleppte?.. sie eben zur Taufe in die Kirche. Sie weigerte sich, aber, die Mutter nahm sie mit festem Griff an die Hand und zerrte sie mit .;.. Sie war nun ganz wach... Angstperlen standen auf ihrer blassen Stirn. Wirr blickte sie um sich. Wo war üe denn, was war das? Da stand ja Großmütierchen in der Thür, das geliebte, gesegnete, mit dem feinen, blassen Gesicht und dm schönen/